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Was in den USA, Grossbritannien und anderen Ländern schon Usus ist, soll auch in Schweizer Schulen zum Lehrplan gehören. Achtsamkeitstrainings altersgemäss auf allen Schulstufen, das schwebt dem Verein Achtsame Schulen Schweiz vor. Denn Kinder brauchen heute mehr denn je ein grosses Mass an Selbstkompetenz, ist Constanze Lullies, Präsidentin des Vereins, der Überzeugung.

von Christine Schnapp

Constanze Lullies, wie ist es zum Verein Achtsame Schulen Schweiz gekommen?

Wir sind der Meinung, dass Kinder heute so etwas wie Bewusstseinsschulung brauchen. Sie sind durch Medien, soziale Medien und aktuelle gesellschaftliche Umstände chronisch überfordert und abgelenkt, sodass sie etwas benötigen, um innerlich zur Ruhe kommen zu können. In der Schule andererseits wird sehr viel Wert auf Leistung gelegt und wenig auf die sozio-emotionalen Kompetenzen. Auch die Beziehungen der Kinder untereinander und der Lehrerberuf als Beziehungsberuf stehen nicht im Vordergrund. Wir finden, dass es etwas braucht, was diese Aspekte unterstützt, und der Lehrplan 21 schafft ja jetzt den Rahmen dafür, indem er die übergreifenden sozialen Kompetenzen explizit erwähnt (siehe Kasten).

Sie haben ein Programm ausgearbeitet, das auf die Schweiz zugeschnitten ist?

Ja. Vorgängig haben wir aber lange überlegt, ob wir die bestehenden guten Programme aus den USA oder Grossbritannien übernehmen können, wo Achtsamkeit an Schulen schon sehr verankert ist. Schlussendlich haben wir uns aber am Programm «Respira» aus Kolumbien orientiert und es auf die Schweiz zugeschnitten, weil es wie wir den Ansatz verfolgt, dass Achtsamkeit systemisch verankert wird, dass also eine ganze Schule entscheidet, eine achtsame Schule zu werden, und nicht bloss einzelne Lehrpersonen Achtsamkeit in ihren Unterricht einfliessen lassen.

Wie ist der Ablauf, wenn eine Schule sich an den Verein wendet?

Dann gehen wir in die Schule und bilden die interessierten Lehrpersonen in Workshops von acht Mal zwei Stunden aus, damit sie selbst für sich Achtsamkeit praktizieren lernen sowie Achtsamkeit in ihren Klassen unterrichten können. Danach kann fakultativ noch eine zweite, weiterführende Stufe gebucht werden. Wir bieten Programme von der Kindergarten- bis zur 6. Klasse an, die Sekundarstufe (Schule, Berufsschule, Lehre, Jugendarbeit) ist noch in Arbeit.

16 Stunden Ausbildung klingt moderat.

Die einen finden, das sei viel zu wenig, für andere scheint es schon recht viel. Achtsamkeit ist ja an sich nichts Schwieriges. Ausserdem können Lehrerinnen und Lehrer schon unterrichten, das müssen sie bei uns nicht mehr lernen. Es geht in dieser Ausbildung vor allem auch darum, dass die Lehrpersonen beginnen, für sich Achtsamkeit zu praktizieren, dass sie lernen, achtsam zu unterrichten, und dass sie Achtsamkeit so in den Unterricht integrieren, dass es den Kindern Spass macht und sie altersgerecht verstehen, warum sie das tun und wie sie davon profitieren können.

Inwiefern profitieren auch die Lehrerinnen und Lehrer?

Um Achtsamkeit unterrichten zu können, muss man bei sich selbst beginnen. Viele Lehrpersonen wollen alles für die Kinder tun und vergessen sich selber dabei zuweilen. Es ist uns sehr wichtig, dass die Lehrer zuerst sich selbst wahrnehmen und Praktiken lernen wie Stressmanagement, Selbstfürsorge und das Management der eigenen Ressourcen.

Was wollen Sie mit Ihrem Programm bewirken?

Was wir vorab nicht bewirken wollen, ist, dass Kinder und Lehrpersonen mehr Leistung bringen. Bei den Kindern gehen wir davon aus, dass Achtsamkeitstraining eher eine langfristige Wirkung hat, aber es gibt schon auch die, die sich unmittelbar besser fühlen und besser mit Druck und Stress umgehen können. Wir legen einen Samen, auf dass sich die sozio-emotionalen Kompetenzen der Kinder über eine längere Zeit entwickeln können und sie später im Leben in schwierigen Situationen in der Lage sind, auf sich zu hören und Entscheidungen zu treffen, die für sie gut sind. Unser Fokus liegt deshalb auf dem Klassenklima, den Beziehungen und der Lernbereitschaft der Kinder.

Sie haben die sozialen Medien erwähnt, ein Dauerthema auch für Eltern. Inwiefern kann Achtsamkeit die Kinder befähigen, kompetenter damit umzugehen?

Die Achtsamkeit ist die Grundlagenkompetenz dafür, dass die Kinder wahrnehmen können, wie es ihnen geht. Wie geht es mir, wenn ich die ganze Zeit am Handy hänge, wenn ich spätnachts noch den Klassenchat checke? Will ich das wirklich? Tut mir das gut? Wenn sie diese Kompetenzen haben, dann können sie auch Massnahmen ergreifen wie etwa Medientrainings, die viele Schulen heute schon durchführen.

Wie unterrichtet man Achtsamkeit konkret, je nach Schulstufe?

Mit den kleinen Kindern kann man beispielsweise Atemübungen machen, indem sie auf dem Rücken liegen und ein Teddy auf ihrem Bauch sitzt, den sie beim Rauf- und Runtergehen beobachten, bis er einschläft. Oder es gibt eine Übung zum Thema Klang. Jemand darf den Gong schlagen und wenn er verstummt, strecken sie die Hände auf. Danke sagen kann man auch auf allen Stufen. Danke für etwas, das das Kind selbst oder jemand anderes getan hat. Oder sie schicken gute Gedanken, nehmen ihre Gefühle wahr, darin sind Kinder ja sehr gut. Es gibt auch viele Spiele, mit denen die Achtsamkeitskompetenzen geübt werden, oder Geschichten, die von Achtsamkeit handeln. Und je älter die Kinder sind, desto mehr bespricht man mit ihnen auch die neurologische Komponente, wie man etwa das Gehirn formt, wenn man Achtsamkeit praktiziert.

Gibt es auch Kinder, für die Achtsamkeitsübungen nicht passen?

Ja, es gibt immer wieder einzelne Kinder, die sich verweigern. Und es ist auch nicht für alle ideal. Ein Kind mit Borderline-Syndrom etwa braucht etwas anderes als Achtsamkeitstraining. Das sollte man respektieren, zwingen ist keine gute Idee. Vielleicht wird ein Kind zu Hause missbraucht oder zeigt Ansätze einer Depression und mag deshalb gerade lieber nicht in sich hineinhören. Bei solchen Verdachten zieht man am besten einen Sozialpädagogen oder eine Sozialpädagogin hinzu. 

Was wäre anders, wenn alle Kinder in der Schulzeit mit Achtsamkeit in Berührung kämen?

Wir gehen davon aus, dass Achtsamkeit eine Schlüsselkompetenz ist. Wenn man die hat, erwirbt man schneller andere Kompetenzen, die auch wichtig sind für die psychische Gesundheit, wie Selbstwahrnehmung, Selbstfürsorge, Umgang mit Stress und Herausforderungen. Wenn Kinder und Jugendliche spüren, was für sie gut ist, und angemessen mit Belastungen umgehen können, sind sie weniger gefährdet etwa für Abhängigkeiten. Achtsamkeit ist aber nicht nur gut für einen selbst, sondern es stärkt auch Solidarität, Mitgefühl und Verständnis für andere sowie die Verbundenheit mit allem, wodurch das soziale Gefüge gestärkt wird.

Was muss aus dem Stundenplan gekippt werden, wenn man Achtsamkeit unterrichten möchte?

Nichts. Im Gegenteil, man gewinnt Zeit für anderes, wenn die Stimmung in einer Klasse gut ist und die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern stimmt sowie die Bereitschaft, zu lernen, erhöht ist. Mehr Zeit, Raum und Energie – vor allem auch für die Lehrpersonen, die sie sinnvoll einsetzen können.

Gibt es Pläne, Achtsamkeit bereits in die Ausbildung der Lehrpersonen zu integrieren?

Es wäre natürlich toll, wenn das realisiert würde. Bis jetzt bieten wir einmal pro Jahr an der Pädagogischen Hochschule Zürich einen Kurs an, der immer ausgebucht ist. Mittel- und langfristig wäre das Ziel, Achtsamkeit in der Lehrerbildung als Wahlfreifach anzubieten – an der Pädagogischen Hochschule Luzern gibt es dieses Angebot schon länger. Wir sind fest überzeugt, dass das Thema freiwillig gewählt werden sollte. Im Tessin gibt es schon ein Modul zu sozio-emotionalen Kompetenzen, das alle Lehrpersonen in Ausbildung absolvieren.

Constanze Lullies ist Präsidentin des Vereins Achtsame Schulen Schweiz und Achtsamkeitslehrerin.

Wer sich für eine Achtsamkeits-Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer interessiert, findet alle Informationen unter www.achtsameschulen.ch.

 

 

 

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