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Die Akademie für Achtsamkeit in Lenzburg hat eine rasche Entwicklung erfahren und bildet heute Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen auf Hochschulniveau in Achtsamkeit weiter. Die Kursangebote richten sich inzwischen auch an Unternehmen, Spitäler und Schulen. Im Interview erklären Akademiegründer Jörg Kyburz und Dozent Volker Schulte, der seit 2011 an der Fachhochschule Nordwestschweiz Gesundheits- und Human Resource Management lehrt, um was es dabei konkret geht.

von Anton Ladner

Jörg Kyburz, Volker Schulte, auf Ihrer Website schreiben Sie, Achtsamkeit sei ein Weg vom überfüllten zu einem glücklichen erfüllten Leben. Warum nicht von einem unerfüllten zu einem erfüllten Leben?


JK: Wir sehen die Achtsamkeit stark im Kontext zur Stressbewältigung. Die «Überfüllung» ist wie für viele Menschen auch für mich ein Thema, bei welchem die persönliche Achtsamkeit stark gefordert ist und immer wieder auf den Prüfstand kommt. Wer viele Ideen und Visionen hat, läuft Gefahr, im Bereich der Priorisierung den roten Faden zu verlieren. Eine geschulte Wahrnehmung wirkt bei der Differenzierung von überfüllt unterstützend.

Orientiert man sich an Platon, leiden die Menschen immer an einem Mangel. Was vermag hier ein achtsamer Lebensstil zu verändern?


JK: Der Mangel der westlichen Neuzeit gipfelt in immer schneller, immer höher, immer mehr. Was heute schlicht oft fehlt, ist Zeit. Zeit zum Nichtstun, Zeit, um einfach zu sein, Zeit, die innere Stimme zu hören. Der Begriff Lebensqualität wurde neu definiert und wird von vielen Menschen mit materiellem Reichtum verwechselt. Zeitmangel wird mit übersteuertem Konsumverhalten kompensiert, der Unterhalt der Besitztümer benötigt Zeit, das Hamsterrad dreht sich weiter. Tägliches Üben Praktizieren der formalen Achtsamkeitsübungen wie Meditation, achtsames Yoga oder achtsames Gehen klärt unseren Geist. Die ruhigen unbelasteten Momente, in welchen unser Geist nichts leisten, nichts liefern muss, sind Oasen der Erholung, schärfen das Bewusstsein und wirken zudem positiv auf unsere Konzentrationsfähigkeit. Die tägliche Übung ermöglicht uns aktives Wirken und Handeln. Ein wacher Geist weiss oberflächlich wahrgenommenen «Mangel» richtig einzuschätzen und reaktive Handlungen zu minimieren.

VS: Wenn wir schon bei den alten Griechen sind, so möchte ich gerade in Bezug auf die Achtsamkeit Aristoteles ins Spiel bringen. Seine Tugendlehre erzählt vom Masshalten zwischen Extremen. Mutig sein ja, aber nicht tollkühn oder feige. Freigiebig sein ja, aber nicht verschwenderisch oder geizig. Sinnlich sein ist wichtig, aber nicht stumpfsinnig oder masslos.

Der Mensch hat es letztlich nicht in der Hand, ob sein Leben gelingt, ob es glücklich wird. Hilft die Achtsamkeit, sich damit abzufinden?

JK: Ich bin der Meinung, jeder Mensch hat als Individuum mehr Handlungsspielraum, als er glaubt. Vieles ist von der Definition abhängig. Wann ist das Leben gelungen, wie lautet meine Definition für Glück? Glück und Dankbarkeit, Demut und Annahme liegen für mich oft nahe beieinander.

Natürlich hilft mir die Achtsamkeit täglich, mit schwierigen, stressigen Situationen einen annehmenden, ressourcenschonenden Umgang zu pflegen. Je mehr es mir gelingt, den Moment bewusst wahrzunehmen und der Situation weniger Bedeutung beizumessen, umso zufriedener und glücklicher bin ich. Als uns die Oberärztin der Onkologie am Kantonsspital vor elf Jahren mitteilte, meine Lebenserwartung sei aufgrund meiner Krebserkrankung massiv verkürzt, definierte ich den Begriff «Glück» nochmals neu. Am Morgen mit einem freundliche Gruss an den neuen Tag zufrieden aufzustehen, vielen Momenten im Alltag bewusst zu begegnen, immer wieder das Unterwegssein zu spüren, mich von lieben Menschen getragen zu wissen und vor dem Einschlafen diese tiefe Dankbarkeit zu benennen, das ist für mich Glück.

VS: Um glücklich zu sein, muss der Mensch das Gefühl haben, sein Leben handhaben zu können, er muss verstehen, was um ihn herum abläuft, und das Leben als solches muss Sinn machen. Der Psychologe Aaron Antonovsky nennt das den Kohärenzsinn. Das hängt natürlich ganz stark von den sozialen Faktoren ab, wie wir aufwachsen und erzogen werden. Aber mit einer guten unterstützenden sozialen Umgebung privat und im Beruf kann man auch im Erwachsenenleben noch ganz viel nachholen und sich ein sinnhaftes Leben aufbauen.

Jeder Mensch fühlt Leerstellen in seiner Identität. Werden sie durch die Achtsamkeit geringer oder erträglicher?

VS: Leerstellen treten vor allem bei Menschen mittleren Alters auf. Sie verbringen diese Phase oft in vergoldeter Unzufriedenheit. Sie befinden sich in einer scheinbar paradoxen Situation: Einerseits haben sie viele Optionen. Nur wissen sie nicht mehr, was wirklich sinnstiftend ist, sie haben den inneren Kompass verloren. Andererseits fühlen sich dieselben Menschen in dermassen vielen Zwängen und Verantwortlichkeiten gefangen, dass sie entweder langsam ausbrennen, still vor sich hin leiden, in alten Rollen ängstlich verharren oder aber abrupt ausbrechen. Der Schriftsteller Ödön von Horváth beschreibt den Zustand so: «Ich bin eigentlich ein ganz anderer, ich komme nur so selten dazu.» Mit den Achtsamkeitsübungen erreichen wir, dass wir zufrieden sind mit dem, was wir haben.

Ihre Akademie bietet CAS-Studiengänge im Bereich der Advanced Studies für Achtsamkeit an. Wer absolviert diese Kurse mit welchem Ziel?

JK: Die Teilnehmenden besuchen die Lehrgänge mit unterschiedlichen Motivationen. Mehrheitlich geht es darum, vorhandene Kompetenzen aus den verschiedensten Bereichen mit dem Fachgebiet Achtsamkeit zu erweitern, um so eigene Ausbildungsprogramme zu entwickeln. Für uns steht im Vordergrund, dass die Achtsamkeitsthematik zukünftig durch gut ausgebildete Multiplikatoren, welche die Achtsamkeit auch persönlich leben, vermittelt wird. Unsere Lehrgänge basieren daher stark auf Praxiserfahrung, wobei auch die wissenschaftlichen Aspekte nicht zu kurz kommen. Es kommt auch vor, dass Teilnehmende bei Lehrgangsbeginn noch keine klaren Lehrziele verfolgen und in erster Linie eine persönliche Vertiefung der Thematik anstreben. Bezüglich der Berufsbilder gibt es keine Einschränkungen. Bis anhin waren es mehrheitlich Führungskräfte, Pädagogen sowie Berufe aus den Personal- und Beratungssektoren.

Aber Sie richten sich nicht nur an Profis. Wen wollen sie mit ihren kürzeren Kursen erreichen?

JK: An Seminaren, Workshops, Acht-Wochen-Kursen, Meditationsangeboten oder Achtsamkeitstrainings nehmen Menschen teil, welche feststellen, dass es lohnend ist, für die eigene Gesundheit Sorge zu tragen. Insbesondere bei Firmenworkshops treffen wir oft auf Teilnehmende, welche erstmals mit dem Thema Stressbewältigung auf der Basis der Achtsamkeit in Kontakt kommen. Dabei arbeiten wir sehr stark mit dem Erfahren und dem Erleben. Es ist erstaunlich, dass gerade Teilnehmende mit stark kognitiven Tätigkeiten sehr gut auf die Übungen und die Thematik ansprechen.  

In den USA hat Google aber auch SAP mit Achtsamkeits-Kursen für die Angestellten Aufsehen erregt. Das Kursprogramm von Google «Search inside yourself» wurde weltberühmt. Warum setzt die Wirtschaft zunehmend auf Achtsamkeit?

JK: Firmen vom KMU bis zum Grossunternehmen stellen vermehrt fest, dass bisherige Gesundheitsprogramme nicht zum gewünschten Erfolg führen. Die Reizüberflutung, welche sich in den letzten Jahrzehnten noch steigerte, führt zu mehr Krankheitsfällen bei immer jüngeren Menschen. Dass Grosskonzerne in Amerika auf Programme wie beispielsweise «Search inside yourself» setzen, ist spannend, es gilt jedoch solche Programme auf die Bedürfnisse europäischer Firmen anzupassen. Unzählige Forschungsergebnisse, welche die Wirksamkeit meditativer Übungen beweisen, führten in den letzten Jahren zu einer grösseren Akzeptanz des Themas.

VS: Bei der heutigen hohen Komplexität von Entwicklung ist es nicht möglich, Vorgaben zu machen, wie man leben und arbeiten soll. Die Unternehmen müssen darauf reagieren. Nicht sozialer Status ist die Vorgabe achtsamer Führung, sondern das gute Beispiel. Wir arbeiten mehr und mehr in Expertensystemen. Dabei verfolgt jeder seine eigenen Ziele, die zum Ganzen passen und sozial verträglich sein müssen. Diese Kultur ist einzig über Grundlagen der Achtsamkeit zu erreichen.

Wie sieht es diesbezüglich in der Schweiz aus? Kommt die Wirtschaft auch zu Ihrer Akademie?

JK: Aktuell ist seitens der Wirtschaft, aber auch aus allen Verwaltungsbereichen ein grosses Interesse spürbar. Vom Callcenter zur Bank über die Logistikfirma bis hin zur Staatsanwaltschaft, alles Berufssparten, bei welchen wir Achtsamkeit lehren durften. Ob in den Schulungsräumen der Akademie oder vor Ort in den Betrieben, sehr oft werden die Angebote an die Wünsche der Kunden angepasst. Dass wir in den Zertifikatslehrgängen «Achtsamkeit im Alltag und in der Führung» und «Empathische Kommunikation» zudem zertifizierte Achtsamkeitsmultiplikatoren ausbilden dürfen, macht uns besonders stolz. 

Die Achtsamkeit wird da und dort auch kritisch als Selbstoptimierung kritisiert, um bessere Leistung zu erzielen. Ist die Kritik berechtigt?

JK: Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass die Achtsamkeit nicht zur Leistungssteigerung missbraucht wird. Wenn HR-Manager gegenüber der Firmenspitze Achtsamkeitsangebote mit positiven Erwartungen in den Bereichen Self-Management, Innovationsfähigkeit und Resilienz begründen, ist es das eine, grundsätzlich reicht die Gewissheit, dass zufriedene, gesunde und motivierte Mitarbeitende für jedes Unternehmen ein Gewinn sind.

VS: Wenn das Ganze nur zur eigenen Nabelschau führt, dann hätten wir unseren Auftrag verfehlt. Im Fitness- und Wellnessbereich dominieren diese «Quantified Self-Programme» mit Lauftrackern etc. Das ist nicht unser Ding. Sagen wir doch besser Selbstsorge anstelle von Selbstoptimierung in Verbindung mit Anteilnahme gegenüber Dritten.

Was hat Achtsamkeit mit Spiritualität zu tun? Führt sie früher oder später immer zu einer gewissen Spiritualität?

VS: Das ist eine spannende Frage. Sie fragen einen Kleriker. Achtsamkeit ist ein Phänomen kollektiver Genetik, denn alle Religionen und Kulturen haben Techniken entwickelt, mit denen Achtsamkeit gepflegt, geübt und stabilisiert werden kann. Achtsamkeit ist Ausgangspunkt jeder Spiritualität. Diese ist der bewusste Umgang mit dem eigenen Bewusstsein in allen Lebensbezügen. Meine Erfahrung ist, dass sich Menschen über die Meditation auch Gedanken über sich und ihre Verbindung zum Ewigen machen. Schon allein das ist ein spiritueller Ansatz.

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