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«Bitte ein Glas Leitungswasser ohne Pestizide»

Immer öfter fragen Kunden im Restaurant nach Leitungswasser, weil unser gutes Schweizer Trinkwasser keine PET-Flaschen braucht. Doch stimmt das positive Bild? Mehr als 300 verschiedene Pestizide schützen in der Schweiz Getreide, Obst und Gemüse vor Unkräutern, Insekten und Pilzbefall. Das verhindert Ernteausfälle, wurmstichiges Obst und angefaultes Gemüse auf dem Markt. Idealerweise wirken solche Pflanzenschutzmittel nur kurz und werden danach durch Bakterien abgebaut. Zwei hängige Volksinitiativen wollen den Einsatz von künstlichen Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft reduzieren oder sogar verbieten. Ganz auf Agrochemie bei Anbau und Import von Nahrungsmitteln zu verzichten, wie dies die Pestizidinitiative verlangt, halte ich für unrealistisch, wenn wir eine global wachsende Bevölkerung bei sich schnell verändernden Umweltbedingungen sicher ernähren wollen.

Allerdings gehen die Initianten ein reales und ernst zu nehmendes Problem an. Neue Studien bestätigen die weiträumige Belastung des Schweizer Grundwassers mit Pflanzenschutzmitteln, insbesondere in Ackerbaugebieten des Mittellandes. Tatsächlich ist der Pestizidverbrauch in der Schweizer Landwirtschaft auch im internationalen Vergleich beträchtlich – mehr als 2000 Tonnen Pflanzenschutzmittel werden auf die Kulturen gespritzt. Der Regen wäscht einen Teil dieser Chemikalien ins Grundwasser und ebenso ihre Abbauprodukte, sogenannte Metaboliten. Im kühlen Untergrund erfolgt der Abbau langsam und die Chemikalien reichern sich an. Gewisse Pestizide wie etwa das Unkrautvertilgungsmittel Atrazin bleiben über Jahrzehnte nachweisbar, selbst wenn die Substanz schon lange verboten ist. Die Trinkwasserinitiative verlangt deshalb, dass im Ackerbau nur jene Betriebe Direktzahlungen erhalten, welche auf synthetische Pestizide verzichten.

Zwar sind nicht alle Pestizid-Metaboliten gefährlich, doch die Forschung deckt laufend neue Risiken auf. Einige Metaboliten sind im Wasser besser löslich und deutlich langlebiger als der ursprüngliche Wirkstoff. Das Fungizid Chlorothalonil ist ein aktuelles Beispiel. Der Stoff ist hierzulande gegen Pilzbefall im Gemüse- und Getreideanbau zugelassen. Nun hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit festgestellt, dass die Substanz möglicherweise Krebs auslösen kann. Der Einsatz soll deshalb auch in der Schweiz verboten werden. Damit ist das Problem jedoch nicht gelöst – das Schweizer Grundwasser ist bereits zu stark mit Metaboliten dieser Substanz belastet. Wegen der weiträumigen Verschmutzung in Ackerbaugebieten und den fehlenden Reinigungstechniken werden die Trinkwasser-Grenzwerte an einigen Orten wohl jahrelang überschritten.

Sauberes Trinkwasser ist ein überaus wertvolles Gut. Wir müssen deshalb in den Ackerbaugebieten den Einsatz von problematischen Pestiziden möglichst schnell reduzieren. In dieser Hinsicht böte die Trinkwasserinitiative über die Direktzahlungen einen konkreten finanziellen Anreiz, pestizidfrei zu produzieren. Leider ist der Vorschlag unflexibel, da er alle synthetischen Pflanzenschutzmittel unabhängig von ihrem Risikopotenzial gleich behandelt und keine schrittweise Reduktion unterstützt. Aus meiner Sicht brauchen wir in der Schweiz griffige Massnahmen, welche die Risiken des Pestizideinsatzes so schnell wie möglich verringern, ohne die landwirtschaftliche Produktion zu stark einzuschränken. Ein logisches Vorgehen wäre beispielsweise, verbindliche Reduktionsziele in Form eines Gegenvorschlags zu den beiden Initiativen rasch gesetzlich zu verankern. Ein Pestizid-Reduktionsplan mit scharfen Zähnen wäre ein Kompromiss, mit dem Bauern, Bevölkerung und Umwelt gut leben könnten.

 

Bernhard Wehrli ist Professor für Aquatische Chemie am Departement Umweltwissenschaften der ETH und Mitglied des Instituts für Biogeochemie und Schadstoffdynamik.