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Plädoyer für mehr Insekten

Schon seit ich das erste Mal auf ein Velo gestiegen bin, fahre ich liebend gerne damit herum. Kindheitserinnerungen daran sind etwa das Glücksgefühl des Windes in den Haaren, der eine oder andere Sturz – und immer wieder diese Insekten in den Augen. Heute ist Letzteres zum Glück ganz anders. Obwohl ich regelmässig ohne Sportbrille Velo fahre, trifft mich das unvermittelte Brennen im Auge wegen einer «eingefangenen» kleinen Mücke nur noch selten. Zum Glück?

Wenn wir nach den Ursachen für das vermeintliche Glück fahnden, werden wir schnell fündig und noch schneller nachdenklich: In den vergangenen 30 Jahren sind bei uns drei Viertel aller Fluginsekten verschwunden. Kein Wunder, denn wir rücken ihnen mit allen Mitteln zu Leibe. Wir beanspruchen für uns immer mehr Platz und verdrängen so die Insekten. Wir bearbeiten unser offenes Land mit schweizerischer Gründlichkeit und eliminieren so viele wertvolle Lebensräume (auch) für Insekten. Und wir brauchen europaweit am meisten Insektizide und erzielen damit die entsprechende Wirkung.

Insekten sind bis auf einige wenige Ausnahmen wie Schmetterlinge oder Wildbienen keine Sympathieträger. Aber sie haben eine enorm wichtige ökologische Bedeutung. So bestäuben sie zum Beispiel gratis und franko neben Blumen auch sehr viele unserer Nutzpflanzen – ohne Insekten kein Obst. Oder sie rezyklieren zusammen mit anderen Organismen die gestorbenen Tiere und Pflanzenteile und sind damit unsere Gesundheitspolizei. Und schliesslich sind sie nicht zuletzt die Nahrung für sehr viele andere Tiere. Weniger Insekten ergeben weniger insektenfressende Tiere, das zeigen die traurigen Zahlen: 150 000 Vögel sind allein im Kanton Zürich verschwunden, bei der Feldlerche sind gar neun von zehn Tieren einfach weg. Da geht es dem ebenfalls insektenfressenden Igel vergleichsweise besser: Er fehlt in der Stadt Zürich «nur» in 40 Prozent seines ehemaligen Lebensraums. Und das alles innerhalb von nur 30 Jahren!

Leider sind das nicht nur vereinzelte Befunde. Entgegen der verbreiteten Meinung geht es der Natur bei uns insgesamt schlecht. Die natürliche Vielfalt nimmt rasch und stark ab, obwohl sie unsere unverzichtbare Lebensgrundlage und Lebensversicherung ist. Der Rückgang der Natur ist das grösste Problem, über das man nicht spricht.

Zurzeit laden wir unseren Kindern und Enkeln in hohem Tempo eine grosse Hypothek auf. Unsere Nachkommen sind es, die morgen ausbaden müssen, was wir heute anrichten. Sie sind es, die in einer verarmten und deshalb langweiligen Natur leben müssen. Sie sind es, die mit grossem Aufwand reparieren müssen, was wir heute viel einfacher haben könnten: Beginnen wir jetzt mit mehr Blumen in den Wiesen, mehr Vielfalt im Wald und im Siedlungsraum, besserem Schutz für die Moore, mehr Gewässerrenaturierungen.

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser, ich plädiere dafür, dass es bei uns wieder mehr Insekten gibt. Auch wenn mich das vielleicht als einen der ersten trifft – voll ins Auge.

 

Andreas Hasler ist Biologe und Raumplaner sowie Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich.