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Die Telemedizin soll massgeschneiderte Lösungen zu tieferen Kosten ermöglichen. Offenbar steht das Gesundheitswesen jetzt vor einem grossen Technisierungsschub. Aber Patientinnen und Patienten müssen erst noch überzeugt werden.

von John Micelli

Das Jahr begann gut für die Zur-Rose-Gruppe, die Muttergesellschaft der Versandapotheke Zur Rose Suisse AG: Das Bezirksgericht Frauenfeld sprach im Januar Walter Oberhänsli frei. Der Branchenverband Pharma Suisse hatte im Zusammenhang mit dem Versand von rezeptfreien Medikamenten und Entschädigungen für elektronisch rezeptierende Ärzte gegen den CEO des Unternehmens Strafanzeige eingereicht. Es sei ein Anliegen der Zur-Rose-Gruppe, die Gesundheitsversorgung dank der Digitalisierung kostengünstiger, besser zugänglich und sicherer zu gestalten, so Oberhänsli. «Als Unternehmen sehen wir uns mit diesem Gerichtsentscheid in diesem Anliegen bestärkt», zitiert eine Medienmitteilung den Geschäftsführer: «Der dringende Bedarf einer weitergehenden Digitalisierung im schweizerischen Gesundheitssystem kam gerade während der Corona-Krise prononciert zum Ausdruck.»

Im März teilte Zur Rose mit, sie habe die europäische Marktführerschaft weiter ausbauen können – neben der Schweiz ist die Unternehmensgruppe aktiv in Deutschland und Österreich, in Spanien, Frankreich und Italien – und mit der Markteinführung von DocMorris+ im Dezember 2020 «eine neue Ära der Gesundheitsversorgung in Deutschland» eingeläutet. Nach der Startphase soll die neue Gesundheitsplattform kontinuierlich weiterentwickelt werden, «um alle Gesundheitsbedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten zu befriedigen, vom Online-Arztbesuch bis zur Bestellung von Medikamenten und anderen Gesundheitsprodukten. Die Plattform wird somit Schritt für Schritt zum starken Vertriebskanal für Partnerapotheken sowie weitere Gesundheitsdienstleister», schliesst die entsprechende Verlautbarung des Unternehmens nicht ganz widerspruchsfrei.

Grosser Gewinnzuwachs
Denn Euphorie bezüglich Healthtech herrscht derzeit vor allem bei Anbietern und Investoren: Google plant die Lancierung einer App, die Hautkrankheiten diagnostizieren kann (wir berichteten in Heft Nummer 24 darüber).

Onlineversandhändler Amazon arbeitet gemäss dem Wirtschaftsnachrichten-Portal Business Insider an einem Schlaftracker, der mithilfe von Radartechnologie krankhafte Schlafapnoe erkennt.

 

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Schlüssel zum Erfolg dieser und anderer Anwendungen ist die Vernetzung. «Die Kombination aus Big Data, Künstlicher Intelligenz und 5G eröffnet Möglichkeiten, die von der Roboterchirurgie bis zur effektiveren Nutzung von Patientendaten bei der Bewältigung sozialer Gesundheitsprobleme reichen», fasst Maximilian Kunkel in der Wirtschaftswoche zusammen.

Der UBS-Chefanlagestratege erwartet ein Wachstum des Gesamtmarktes für Telemedizin in den USA bis 2024 um jährlich 17 Prozent auf 35 Milliarden Dollar. «Gesundheitstechnologien können dazu beitragen, mehr massgeschneiderte Leistungen zu geringeren Kosten zu erbringen», wirbt der Finanzspezialist im Wirtschaftsmagazin für die Telemedizin.

 

Prävention statt Behandlung
Auf dem Blog von Interpharma – der Interessenverband der forschenden Pharmaunternehmen der Schweiz – betont Kommunikationsleiter Samuel Lanz ausserdem die Bedeutung von Healthtech für den medizinischen Fortschritt: «Forscher haben neue Möglichkeiten, mit anonymisierten Daten Krankheiten tiefer zu ergründen. Und letztlich ermöglichen Gesundheitsdaten es, die öffentliche Gesundheit so zu gestalten, dass sie transparent, effizient und nachhaltig ist.» Datenspenden sei das neue Blutspenden, zitiert Lanz den ETH-Professor Elgar Fleisch. «Damit die Gesellschaft voll von einem vernetzten Gesundheitsdatenökosystem profitieren kann, braucht es vor allem eines: die Bereitschaft jedes Einzelnen, sich in dem System einzubringen», schreibt der Branchenvertreter: «Forscher können im Gesundheitsdatenökosystem auf viel breitere und grössere Bestände an Daten zurückgreifen.»

Eine Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) von Oktober des vergangenen Jahres aber sieht gerade in der erhöhten Komplexität durch diese Datenflut eine der Herausforderungen: «Dadurch geraten wir in eine Vorstellungs- und Messkrise: Je mehr wir messen können, umso verschwommener wird paradoxerweise unsere Vorstellung von Gesundheit und davon, was uns gesund macht. Die Frage lautet daher: Wie misst man Gesundheit?» Um relevante Informationen zu identifizieren, seien sowohl Laien als auch Experten auf Technologie angewiesen: «Die Zukunft des Gesundheitswesens hängt entscheidend davon ab, wie Daten gespeichert und zugänglich gemacht werden. Mit einem smarten und dezentral gesteuerten Ökosystem, das sich konsequent auf den Kunden und das Kundenerlebnis ausrichtet, könnte die Schweizer Gesundheitsbranche zum Vorreiter werden», glaubt das GDI. In diesem neuen System verschiebe sich der Fokus von der Behandlung zur Prävention: «Kontinuierliches Tracing und Testing, zum Beispiel per Smart-Watch, werden normal. Unregelmässigkeiten in den Bio-Daten werden schon identifiziert, bevor sich jemand unwohl fühlt.»

Patientinnen und Patienten würden sich heute als Konsumenten und Konsumentinnen sehen, folgert die Studie: «Mit dem Smartphone wird Gesundheit zunehmend zur digitalen Dienstleistung, so wie Online-Shopping oder Mobilität.» Kommunikationsexperte Lanz allerdings gibt zu bedenken: «Ein funktionierendes Gesundheitsdatenökosystem braucht gemeinsame Regeln über Qualität, technische Standards und ethische Grundsätze.» Denn bevor die schöne neue digitale Gesundheitswelt Realität werden kann, müssen die künftigen Konsumentinnen und Konsumenten noch Garantien erhalten, dass mit ihren sensiblen Gesundheitsdaten verantwortungsvoll umgegangen wird.

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