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Achtsam lesen, achtsam atmen

Während Sie diese Zeilen lesen, atmen Sie etwa 23 Mal einen halben Liter Luft ein und wieder aus. Dass Sie darüber höchstwahrscheinlich nicht nachgedacht haben, zeigt, dass Atmen gewiss ein ungewöhnlicher Gegenstand ist, um geisteswissenschaftlich darüber zu forschen. So begegnet mir manch erstaunter Blick, wenn ich von meinem Promotionsprojekt «Atem-Wege» berichte. Aber es sind gerade die Gespräche über das Atmen, in welchen sich Themenschwerpunkte herauskristallisieren: Erzählungen über Befreiungsgefühle, wenn man nach einer langen Reise aus dem Flugzeug steigt und endlich wieder durchatmen kann. Oder darüber, dass in der Schweiz die Luft doch besonders gut sei. Solche Narrative funktionieren medial meist mit Gegenüberstellungen; «dort» sei die Luft viel schlechter als «hier». In Seminaren an der Universität diskutierte ich dann mit Studentinnen und Studenten über die Sprachlosigkeit, wenn einem die Luft vor Schreck oder aus Not wegbleibt. Diese Auseinandersetzungen brachten mich zur Chronischen Atemnot (COPD), eine weltweit zunehmend gestellte Diagnose; die Krankheit verringert schleichend die Lungenkapazität bis zum Tod. In Gesprächen mit COPD-Patienten wurde von neuen Gewohnheiten berichtet, die in Achtsamkeitskursen angepriesen werden – Innehalten, auf den Atem achten und sich der gerade eben «Jetzt» statthabenden Situation gewahr zu sein. Auch anspruchsvolle Situationen und Emotionen wie Stress und Trauer seien über die bewusste, achtsame Atmung regulierbar. Das Promotionsprojekt war so zu Beginn eine regelrechte Spurensuche und es überraschte mich, wo mir im Alltag «Atmen» überall begegnete.

Kulturwissenschaftlich eröffnete dies viele Fragen, zum Beispiel, wo eigentlich Körper aufhört und anfängt. Die Auffassung, die Haut umschliesse und begrenze den Körper, bekommt Brüche, wenn wir zum Beispiel an Heuschnupfen denken. Beim Einatmen von Pollen erfahren viele von uns eigenleiblich, wie diskursiv konstruiert Körpergrenzen sind. Hier lohnt sich auch ein Blick in die Vergangenheit: Als um 1900 Davos als Kurort florierte, galt die Haut als durchlässig. Die Genesung der grassierenden Tuberkulose wurde so erklärt; die gute Luft ströme über die Haut in die ausgezehrten Körper und heile die Patientinnen und Patienten. Heute wiederum reduziert sich das Verständnis des Luftaustauschs auf Mund und Nase. So materialisiert sich zum Beispiel die in der Luft liegende Bedrohung des Fein(d)staubs in Atemmasken.

Durch eine solch vielschichtige wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Atmen habe ich selbst eine Beziehung zu meinem Atem aufgebaut. In meinem Atem reflektierte sich meine Ungeduld, wenn ein Textstück nicht gelang und meine Bauchdecke sich verkrampfte. Das Lesen komplizierter Überlegungen manifestierte sich in hochgezogenen Schultern, die meinen Atem im Brustkorb gefangen hielten, und das Referieren über das Atmen in der populären Achtsamkeitsbewegung war jeweils geprägt von eigenen Atempausen. Die Achtsamkeit auf das Atmen zu lenken kann Gegenstand unseres Alltags werden, nicht nur auf der Yogamatte oder vor dem Einschlafen, sondern beim Lesen, Zuhören und Sprechen. Achten Sie doch mal bei dieser Lektüre übers Atmen darauf, wie sich Ihre eigene Atmung verändert. Atmen holt uns in die unmittelbar körperlich erfahrbare Präsenz; ins Jetzt. Auch wenn wir inzwischen vieles digital lesen und kommunizieren, der Körper und mit ihm das Atmen sind immer da und haben statt. Atmen öffnet uns für das Leben im Jetzt.

 

Aurelia Ehrensperger arbeitet seit 2014 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Institut für Sozialanthropologie und empirische Kulturwissenschaften (ISEK) der Universität Zürich. Ab August freut sie sich auf neue Herausforderungen.