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Die Vergabe des diesjährigen Wakkerpreises an die Stadt Baden hat teilweise heftige Kritik hervorgerufen. Insbesondere das Verkehrsregime, das so gar nicht tatkräftig modernisiert werde, spreche gegen die Stadt als Trägerin eines Preises für die vorbildliche Weitereinwicklung historischer Stadtstrukturen. Wir erlauben uns, dazu nicht auch noch Stellung zu beziehen, sondern unseren ganz eigenen Blick auf Baden zu werfen, der sich nicht um offizielle Wakkerpreis-Kriterien schert, sondern aus den persönlichen Badener Wurzeln der Autorin Christine Schnapp schöpft.

Der Schweizer Heimatschutz (SHS) vergibt jährlich einer politischen Gemeinde oder in Ausnahmefällen Organisationen oder Vereinigungen den Wakkerpreis. Das Preisgeld hat mit Fr. 20 000.- eher symbolischen Charakter; der Wert der Auszeichnung liegt vielmehr in der öffentlichen Anerkennung vorbildlicher Leistung. Erstmals ermöglicht wurde der Wakkerpreis 1972 durch ein Vermächtnis des Genfer Geschäftsmannes Henri-Louis Wakker an den Schweizer Heimatschutz. Seither sind weitere Legate eingegangen, dank derer der SHS den Preis bis heute vergeben kann. Der Wakkerpreis zeichnet Gemeinden aus, die bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen vorzeigen können. Hierzu gehören insbesondere das Fördern gestalterischer Qualität bei Neubauten, ein respektvoller Umgang mit der historischen Bausubstanz sowie eine vorbildliche Ortsplanung, die Rücksicht auf die Anliegen der Umwelt nimmt.

 

Plastikexperiment

Einen Monat lang hat eine private Initiativgruppe in der Stadt Baden im März dieses Jahres zusammen mit der interessierten Bevölkerung, wo möglich, auf Plastik verzichtet. Leider ist das Ende des Experiments in den Wirren der Corona-Krise untergegangen. Hoffentlich erhält die mutige neue Idee, die auf ein altes Problem reagiert, nach dem Lockdown die Möglichkeit einer Fortsetzung. Details für Nachahmerinnen und Nachahmer unter www.plastikexperiment.ch.

 

Promenadenlift

Früher verband eine Seilfähre an dieser Stelle die Gemeinden Baden und Ennetbaden, die sonst nur über die Schiefe und die Holzbrücke verbunden waren. Ein zu grosser Umweg, befand man in den 1980er-Jahren, und fasste eine Standseilbahn von Limmatpromenade bis Bahnhofplatz ins Auge. Aufgrund des Entwicklungsrichtplans des Bäderquartiers und des angrenzenden Limmatraums favorisierte die Stadt ab den 2000er-Jahren eine Lösung, die eine Flussquerung beinhaltet. 2007 wurde das Projekt «FACHMANN» des Architekturbüros Leuppi & Schafroth aus Zürich realisiert. Eine liegende und eine stehende Skulptur aus Stahlfachwerk für die Industriestadt fügen sich präsent und gleichzeitig zurückhaltend in die von uralten Bäumen gesäumte Flusslandschaft ein. Ein vergleichsweise kleiner, aber äusserst sinnvoller und ästhetischer Eingriff.

 

Trudelhaus

Auch wenn es eine schwierige Geschichte war, die den Künstler Hans Trudel mit der Stadt Baden verband, der Maler und Bildhauer gehört zu Baden wie der Stadtturm und die Spanisch Brötli. Zeitlebens verachtet für sein rebellisches Wesen und seine progressive Kunst, wird Hans Trudel (1881–1958) nach seinem Tod in Baden verehrt und es gibt zahlreiche seiner Werke in der Stadt zu entdecken. Das Trudelhaus, in dessen Garten Hans Trudel sein Atelier hatte, wurde 1800 erbaut. 1969 erfolgte durch die Architekten Burkard Meyer eine gross angelegte Erneuerung mit Einbau des Restaurants und Umbau der Galerie Trudelhaus. Die 1969 gegründete Stiftung Hans-Trudel-Haus hatte das Haus übernommen und musste im Januar 2011 den Galeriebetrieb schliessen. Die Liegenschaft wurde verkauft und wird seither von einer Genossenschaft als Restaurant und Galerie für moderne Kunst betrieben. Über den alten und neuen Dächern ist heute Ruh‘ und ein ästhetisches Gleichgewicht eingekehrt.

 

Weite Gasse

Die Weite Gasse war einst die Marktstrasse der Stadt, wurde später zu einer der Hauptverkehrsachsen und ab den späten 1960er-Jahren sukzessive verkehrsberuhigt. Seit 2020 ist nun als Letztes auch der Bus aus der Gasse verschwunden und es kann wieder neues Leben in die alte Marktstrasse einkehren.

 

Theaterplatz

Das Paradebeispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Gut, als grosser Parkplatz machte der Theaterplatz bis 2007 noch weniger her. Doch die Neugestaltung hat die Chance verpasst, eine blühende Piazza zu werden, auf der städtisches Leben stattfinden kann und will. Die riesige Ablüftung der darunterliegenden Autoparkplatzgarage mitten auf dem Platz ist das eine, die spärliche Möblierung das andere.

 

Durcheinandertal

Das geschieht, wenn die Ergänzung von Altem mit Neuem nicht von einer wachen ästhetischen Instanz begleitet wird. Ein unwürdiges Durcheinander mitten an bester Lage in der Stadt neben der Badstrasse.

 

Gambrinus

Was für ein Aufschrei ging durch Baden und die Region, als 1991 der erste McDonald‘s im Aargau ausgerechnet im historischen Städtchen ins historische Gasthaus Gambrinus an der Badstrasse einzog. Es gab sogar kulturpessimistisch angehauchte Petitionen, die die Vermählung von neuer Gastrowelt mit alten Gemäuern verhindern wollten. Genützt hat alles nichts, McDonald‘s zog ein und hat beim Innenausbau jegliches Fingerspitzengefühl vermissen lassen. Einziges Zugeständnis – es musste im Badener Ableger der ansonsten strikt alkoholfreien Fast-Food-Kette Bier ausgeschenkt werden, Müllerbräu versteht sich. Das war die Konzession, die McDonald‘s ans historische Restaurant machen musste. Vergangenes Jahr ist der Mc ein paar Meter weiter an den Schlossbergplatz gezogen, ein anderer Anbieter von Burgern ist aktuell Zwischennutzer im ehemaligen Gambrinus. Gerüchten zufolge wird das Gebäude schon bald abgerissen, weil die 30 Jahre Frittierfett den Mauern hoffnungslos zugesetzt haben.

 

Gentrifizierung

Das Quartier Gstühl steht in Baden sinnbildlich für die Gentrifizierung, die ab den 2000er-Jahren konsequent hier und in anderen Quartieren vorangetrieben wurde. Viele alternative Restaurants und Clubs, Freiräume, Künstlerateliers und günstiger Wohnraum gingen seither verloren, die Mieten in der Bäderstadt sind für Junge und Alteingesessene vielfach zu hoch. Neugestaltung hat halt ihren Preis.

 

Merkerareal

Ein Paradebeispiel dafür, wie man es machen sollte. 1991 stellte die Waschmaschinenfabrik Merker ihren Betrieb ein und die Eigentümerfamilie Merker begann sich Gedanken zu machen über eine Neugestaltung des Areals. Weil dieser Prozess ein langer zu werden schien, fasste man eine Zwischennutzung mit Wohnungen, Kleingewerbe und Ateliers ins Auge. Nach der Investition von fünf Millionen Franken war das historische Fabrikareal bereit für neue Mieterinnen und Mieter. Daneben gibt es zwei Restaurants und ein Kulturlokal. Der Betrieb funktioniert seither so gut, dass die Zwischennutzung mittlerweile in eine Verstetigung überführt wurde.

 

Trafo-Areal

Hier ist der industriegeschichtliche Hintergrund Badens festgehalten worden. Die Stadt wurde von der ehemaligen BBC und heute ABB so geprägt wie von keinem anderen Industriezweig, abgesehen von den Bädern. In den Hallen 36 bis 38, die schon vor vielen Jahren erst für kulturelle und heute gewerbliche Zwecke umgenutzt wurden, kann man die Arbeiterinnen und Arbeiter schier noch werken hören. Die Hallen 36 und 37 stehen unter Denkmalschutz, die historisch etwas weniger wertvolle Halle 38 wurde zugunsten eines Hotelneubaus im Industriechic abgerissen.

 

Bäderquartier

Jahrelang herrschten Zerfall und Vernachlässigung im historischen Bäderquartier, wo früher Römer und später sogar Zürcher in den Aargau zum Baden fuhren. Glücklicherweise wird seit einigen Jahren wieder investiert, auf dass die historischen Hotels und Thermalbäder endlich wieder gebührend auferstehen werden – bevor das neue Botta-Bad einen zusätzlichen neuen architektonischen Standpunkt setzen wird –, was eine ästhetische Neubeurteilung unumgänglich machen wird.