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Ist das Internet der eigenen Gefühlswelt förderlich oder birgt es vor allem Gefahren für das emotionale Wohl? Nirgends liegen die Chancen und Bedrohungen so eng beieinander wie im World Wide Web.

Sonderbar: Viele Menschen sprechen über das Internet, als ob es sich um eine obskure Macht handele. Sie sagen: «Im Internet steht» oder «im Netz habe ich gelesen». Man hört jedoch fast nie «Auf der Webseite eines Irren habe ich gelesen». Der Inhalt wird fast nie einer Urheberin oder einem Urheber zugeordnet. Das vermittelt den Eindruck, das Internet sei das Problem und nicht der Mensch. Jan Kalbitzer, Psychiater und Autor von «Digitale Paranoia», der bis 2019 in Berlin das «Zentrum für Internet und seelische Gesundheit» leitete, korrigiert diesen Eindruck in seinem Buch. Statt das Internet zu verteufeln, gelte es den Umgang damit besser zu verstehen. Denn die meisten Nutzer würden gar nicht realisieren, was bei ihnen emotional beim Surfen abläuft. Das Internet ermögliche nämlich die Befriedigung urmenschlicher Bedürfnisse – die Überwindung von Raum und Zeit zum Beispiel. Man kann sich im Louvre in Paris umsehen, zehn Sekunden später in einem Warenhaus in den USA, dann einen Abstecher in ein australisches Hotel unternehmen. Man kann die Menu-Karte eines Restaurants in Mailand studieren und sich einen Wetterüberblick in Sils Maria verschaffen, weil auf dem Hotel Waldhaus eine Onlinekamera installiert ist. Das vermittelt einen Anflug von Omnipotenz – ebenfalls ein menschliches Urgefühl. Und die sozialen Medien ermöglichen ein zweites, optimiertes, glanzvolles Ich auf Facebook, Instagram oder Twitter − der Traum von sich selbst. Man kann auch angreifen, gehässig sein, ohne die Konsequenzen des realen Lebens bei solchen Interaktionen ertragen zu müssen. Was richten diese Möglichkeiten im Gefühlshaushalt an? Vor allem nach stundenlangem Surfen, wenn die Zeit wie Sand zwischen den Fingern verschwunden ist? Ein Gefühl der Leere.

Die Balance ist entscheidend zwischen aufbauenden, bereichernden Gefühlen, die das Internet durchaus ermöglichen, und der emotionalen Leere nach langem Internetkonsum. Das Internet ist voller Chancen, aber auch Risiken, wenn man keinen emanzipierten und damit kontrollierten Umgang findet. Und man merkt das erst, wenn man sich darüber

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