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Die Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe, die dem ehemaligen US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein gemacht werden, haben 2017 unter anderem die #MeToo-Bewegung ausgelöst. Nun geht der Prozess gegen Weinstein vor Gericht zu Ende – und wird vermutlich mit einem Freispruch enden. Warum das sein kann, erläutert Corina Elmer, Leiterin der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich.

 

Gemunkelt wurde es bereits seit Langem, getan hat er es laut Zeugnis von über 80 Frauen mannigfach. Seit Januar 2020 steht er nun vor Gericht wegen versuchter sexueller Nötigung oder Vergewaltigung in zwei Fällen: Harvey Weinstein, ehemals Filmproduzent und einer der mächtigsten Männer Hollywoods. 2017 fanden endlich einige Frauen den Mut, die sexuellen Angriffe Weinsteins öffentlich zu machen und «das Grabtuch der Scham zu lüften», wie es die #MeToo-Gründerin Tarana Burke ausdrückt. Indem die betroffenen Frauen ihre Wahrheit miteinander teilten, konnten sie sich vom Phantasma der Schuld befreien.

Warum meldeten diese Frauen sich nicht früher und warum konnte Harvey Weinstein es so lange tun? Das fragen sich viele, nicht zuletzt, weil den wenigsten die komplexen Prozesse bei sexueller Gewalt bekannt sind. Die Dynamik bei sexueller Ausbeutung – als das sind die Taten Weinsteins zu bezeichnen – ist vielschichtig und die Beziehung zwischen Opfer und Täter, oder sagen wir korrekterweise Angeschuldigtem, ist es ebenfalls. Nicht zuletzt spielt auch das Umfeld eine entscheidende Rolle dabei, ob sexuelle Gewalt geduldet oder im Gegenzug aufgedeckt und geahndet wird.

Da hat also einer wie Weinstein viel Macht, führt ein eigentliches Imperium mit unzähligen Personen, die sich in seinem Dunstkreis bewegen, dabei sein und vom System profitieren wollen. Dieser Machtmensch Harvey Weinstein geht nun einen Schritt weiter und benutzt seinen Einfluss und seine Position, um Frauen dahin zu bringen, wo er sie haben will – zu seinen (sexuellen) Diensten. Ganz perfide nutzt er ihre Abhängigkeiten und vielleicht auch Begehrlichkeiten aus, verwickelt sie in sexuelle Handlungen und setzt sie anschliessend unter Druck. Sodass sie sich verantwortlich fühlen und dafür schämen, was passiert ist, nicht darüber reden, die Gewalt vor sich selbst negieren. Ambivalent sind sie, hin und her gerissen zwischen dem Gefühl, auserwählt sein, und tiefem Ekel. Täter wie Weinstein haben oft ein sehr genaues Gespür für die Bedürfnisse hoch verletzlicher Personen und setzen dort an, um an ihr Ziel zu gelangen. Gestützt wurde das System Weinstein durch seine unantastbare Machtfülle, gegen die sich kaum jemand erhob. Auch jene nicht, die genau wussten, was da lief und die durch ihr Wegschauen den Fortbestand der systematischen Ausbeutung von Frauen stützten.

Das Verstricken der Opfer in Abhängigkeiten, die Tabuisierung sexueller Gewalt und die implizite Schuldzuweisung erschweren es den Betroffenen, darüber zu reden und sich Hilfe zu suchen. Wir stellen uns vor, dass Opfer sich unmittelbar und resolut von ihrem Missbraucher abwenden, sich vehement gegen jegliche Grenzverletzung wehren, sofort Anzeige erstatten und alle Kontakte zu ihm abbrechen. Dass oftmals das Gegenteil der Fall ist, übersteigt unser Vorstellungsvermögen, ist aber charakteristisch für die Beziehungsdynamik bei sexueller Gewalt. Der Täter testet den Widerstand seines späteren Opfers, sexualisiert die Beziehung allmählich und nutzt die Schwachstellen im Umfeld wie beim Opfer selbst geschickt aus, um es an sich zu binden und in die sexuellen Gewalthandlungen zu verstricken. Meist redet er seinen Opfern ein, dass es doch nicht so gemeint gewesen sei, sie das doch auch gewollt hätten. So verstärkt er ihre Schuld- und Schamgefühle, aber auch ihre Ambivalenz. Die Zeugin Jessica Mann schildert eindrücklich den Zwiespalt zwischen Geschmeicheltsein und der Abscheu, den sie bei den sexuellen Handlungen empfunden hat. Das Opfer fühlt sich auserkoren und gleichzeitig weggeworfen, gerät in ein eigentliches Gefühlschaos und wehrt sich kaum. Der Mechanismus einer Angststarre, auch Freezing genannt, spielt eine zusätzliche Rolle in dieser fatalen Dynamik. Für eine effektive und nachhaltige Gegenwehr braucht es letztlich ideelle wie materielle Ressourcen – und auch darin ist Weinstein seinen Opfern meilenweit überlegen. Die aussergerichtlichen Vergleichszahlungen in den anderen Fällen sprechen Bände.

Bei der Ambivalenz der Opfer und dem Fortführen der Beziehung setzt denn auch die Verteidigung von Donna Rotunno an. Vor Gericht geht es darum, dem Angeklagten zweifelsfrei zu beweisen, dass er sein Gegenüber genötigt und zu den sexuellen Handlungen gezwungen hat. Fehlt dieser Widerstand und hat das Opfer nicht jeglichen Kontakt abgebrochen, so kann ihm das nach heutiger Gesetzgebung zum Verhängnis werden. Seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Prüfstand und jedes Verhalten, das nicht den stereotypen Opfervorstellungen entspricht, wird dazu benutzt, Zweifel an den Aussagen der Zeugin zu säen. Wie die Geschworenen entscheiden werden, steht noch nicht fest. Angesichts der Tatsache, dass nur ein Bruchteil aller Sexualstraftaten zur Anzeige gelangt und es davon wiederum nur bei einem kleinen Prozentsatz zu einer Verurteilung kommt, darf Harvey Weinstein mit einem Freispruch rechnen. So jedenfalls geschieht es auch in der Schweiz noch viel zu oft. Eine Revision des Sexualstrafrechts, wie es etwa Amnesty fordert, ist auch aus Sicht spezialisierter Opferberatungsstellen dringend notwendig. Mit der sogenannten «Zustimmungslösung» müsste in Zukunft dem Angeschuldigten bewiesen werden, dass er den Willen seiner Sexualpartnerin missachtet hat. Das wiederum entlastet die Opfer vom Nachweis der Gegenwehr. Das sogenannte «victim blaming», wie es auch im Weinstein-Prozess geschehen ist, wäre nicht länger möglich. Mit dem Einverständnisprinzip wird auf rechtlicher Ebene signalisiert, dass sich ein Täter nicht länger straflos über das Selbstbestimmungsrecht einer anderen Person hinwegsetzen kann.

 

Frauenberatung: sexuelle Gewalt

Die Frauenberatung sexuelle Gewalt ist eine vom Kanton Zürich anerkannte Opferhilfe-Beratungsstelle. Wir unterstützen und beraten Frauen, die von sexueller und/oder häuslicher Gewalt betroffen sind, sowie ihnen nahestehende Personen und Fachleute. Die Beratungen sind kostenlos und vertraulich. Neben der Beratungstätigkeit setzen wir uns dafür ein, dass die Öffentlichkeit gegenüber sexueller und häuslicher Gewalt sensibilisiert und aufgeklärt wird.

Kontakt: Tel. 044 291 46 46 oder info@frauenberatung.ch