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My Chair is my castle

Vorletzten Montag habe ich mir eine Herberge in unserem Wohnzimmer gebaut. Ich habe den plumpen schwarzen Sessel aus meinem Arbeitszimmer rübergeschleppt und mich schon am gleichen Abend zwei Stunden reingesetzt, was etwas heissen will, denn in zehn Jahren habe ich praktisch nie auf ihm gesessen. Den Sessel habe ich damals angeschafft, weil mir die Vorstellung schön vorkam, vom Schreibtischdrehstuhl auf ihn hinüberzuwechseln, ein Buch aufzublättern, sinnend auf den Haselnussbaum vor dem Fenster zu blicken und irgendwelchen Gedanken nachzuhängen.

Das Bild, das man von der eigenen Existenz entwirft, ist meistens schön anzuschauen, aber nicht bequem, um in ihm zu sitzen. Seit nun mein Sessel wie ein Riesenbrikett im Wohnzimmer hockt, sitze ich nur noch auf ihm. Er ist perfekt platziert zwischen den Lautsprechern im Regal, aber meistens lese ich nur, das Lesen geht in ihm wirklich wie geschmiert. Ich habe mir ein nicht ganz passendes Lämpchen aus meinem Zimmer geholt und neben den linken Lautsprecher gestellt, das uns nun mit seinem Schein umhüllt. Die anderen, meine Liebsten meine ich, sehe ich jetzt viel häufiger, weil es mich ins Wohnzimmer zieht und weil ich in meinem Sessel mit dem Lampenschein drumherum so gemütlich allein sein kann, wie ich es ganz allein niemals könnte.

Andreas Nentwich

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