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Nicht ohne meinen Thek

Vergangene Woche machte mich unsere Lektorin darauf aufmerksam, dass «Thek» kein deutsches Wort ist. Ich musste an zwei Sachen denken. An jenen Moment vor fast einem halben Jahrhundert, als ich meinen ersten Schulranzen geschenkt bekommen hatte – einen wunderschönen, mit Lederriemen, Reflektoren und mit flauschigem Kalbsfell überzogen, wie ihn damals nur die Buben tragen durften. Ich wollte den «Thek» nicht mehr ausziehen, auch wenn es bis zum Schulbeginn noch drei Monate dauerte. Ich war in jenem Moment zum Mann geworden – oder fühlte mich zumindest für den Weg dahin gerüstet. Vor ein paar Tagen dann sass ich in der SBahn zwei Halbwüchsigen gegenüber. Ihre Herkunft war wohl tamilisch, ihr Style eher Gangsta-Detroit – die Markenklamotten bunt, die Käppi steif, und ihre Schulsachen trugen sie in überteuerten «CityBags» (oder waren es «DayPacks»?) mit sich herum. Während der Fahrt schenkten sie ihre ganze Aufmerksamkeit ihren «Mobile Devices». Beim Verlassen des Zuges drehte sich einer der beiden aber nochmals um und sagte: «Ui – jetzt hätt i fascht min Thek vergessä!» Mein Herz ging über – auch ich war davon ausgegangen, dass das Schweizer Wort schon längst aus der Mode gekommen war. Manche Menschen fürchten sich vor dem Verschwinden unserer Traditionen, vor der Zerstörung unserer Kultur. Ich aber sage nur: «Lang lebe der Schulthek!»

John Micelli

Tags: Aus meiner Woche
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