«Doppelpunkt» - Das Schweizer Magazin für Weltoffene

Peter Kurzeck, Erzähler

Da war Peter Kurzeck. Mit leiser Stimme klopfte er an die Herzen aller Menschen, die ihn lesen hörten und sahen. Auch an meines. Er lebte von 1943 bis 2013 und hat viele Bücher ohne Handlung geschrieben. Aufgewachsen ist er als Kind sudetendeutscher Flüchtlinge in einem hessischen Dorf. Mit 14 ging er in die Fabrik, mit 28 war er eine Art Führungskraft in seiner Wahlheimat Frankfurt. Dann wollte er nicht mehr. Er trank, aber eines Tages sagte er: Trinken oder schreiben, schrieb nur noch und trank nie mehr. Seine Bücher halten fest, was ihm auf langen Spaziergängen, teils mit einer kleinen Tochter an der Hand, ins Auge fiel. In knapp 40 Jahren entstand eine Chronik des gesellschaftlichen Wandels aus Spaziergangssicht und mit einem grossen, hellen Blick für die kleinen Leute aller Nationen und Ethnien. Sein erstes Buch 1979 hiess «Der Nussbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst», und dieser Titel verrät schon viel über Kurzecks Hartnäckigkeit im Innehalten. Immer gehe es bei ihm, so schrieb einmal der feine Manfred Papst, «um die Rettung der Vergangenheit in die Gegenwart der Sprache». Seine kleine, zarte Person stand mir wieder vor Augen, als ich für meinen Vater und seine Lebensgefährtin ein Zimmer in einem Berliner Etagenhotel buchte. Über die plüschigen Etagenhotels im alten Westen Berlins darf ich hier kein Wort verlieren, sie würden sich zu seitenfüllenden Lieblingen auswachsen! Bald werden sie wegglobalisiert sein.

In der «Pension Am Park» am Lietzensee bekam mein Vater das Zimmer 5. Sie können sich meine Freude nicht vorstellen, als ich an der Wand zwei grosse Bilderrahmen sah mit Zeitungssauschnitten über Peter Kurzeck, und dann im Frühstücksraum auf einem Chippendale­Schränkchen einen Altar mit seinen Büchern. Der Inhaber erzählte uns, dass Kurzeck immer bei ihm gewohnt und auf diesem Zimmer bestanden habe: So ein liebenswerter Mensch! Wennngleich: Kein Einfacher!

Nein, einfach kann einer nicht sein, der womöglich das ganze Berlin abbläst, wenn er sein Zimmer 5 nicht bekommt. Wir ahnen, wie viel Wiederkehr und Unverrückbarkeit dieser ansonsten völlig Bedürfnislose nötig hatte, um sich ins Offene des Schreibens zu wagen.

Ein bisschen sah er aus wie ein weiser Vogel mit seinem gekrümmten Rücken. Seine Erzählerstimme blieb immer friedvoll, auch wenn er Entlarvendes vortrug. Seine Stimme – festgehalten in wunderbaren Hörbüchern, wirklich, man muss ihn hören! – konnte er das gerrrollte Errr der Gegend, in der er aufwuchs (und auch ich), nicht verleugnen. Er lebt nicht mehr, aber es tröstet mich, dass unter den vielen bösen, hassvollen Menschen unserer Zeit Seinesgleichen waren und, ja, doch, immer noch sind.

Andreas Nentwich

Doppelpunkt - das evangelische Wochenmagazin