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Was für mich zählt: Eine unabhängige Kultur

Die Anzeichen, dass wir dringend über Kunstförderung reden müssen, mehren sich. Je lauter der Ruf nach kultureller Vielfalt und je weiter die Kunst in unseren Alltag greift, desto mehr Schatten fallen. In den Siedlungen, auf dem Dorfplatz oder in der Schule arbeiten Künstlerinnen und Künstler und bieten auf den Ort zugeschnittene Angebote an. Dahinter steht das Kulturamt, das diese Angebote orchestriert und finanziert. Stadtführungen mit künstlerischen Spontanaktionen oder mobile Installationen, an denen der Besucher teilhaben und selber aktiv werden kann. Der Künstler animiert die Leute dazu, seine Passion auf einem Laienniveau nachzuahmen, dafür bekommt er Lob und einen Lohn ausbezahlt. Eine Win-Win-Situation? Nein, leider nicht. Sie wirft Schatten auf eine Szenerie am anderen Ende der Achse der künstlerischen Tätigkeit. Vor einiger Zeit hatte sich ein Freund von mir noch elegant durch die Kunstszene bewegt. Er war um eine eigenständige und kluge Form bemüht, die die Kunst seiner Vorbilder bedenkt, die Gegenwart annahm und manchmal in die Zukunft blickte. «Die Welt vergisst bisweilen zu rasch, worauf sie fusst, was dem Menschen aller Zeiten gemein ist», sagt er. 40 Jahre lag rang er mit dem Stein um die Form und erwarb sich Handwerk und künstlerische Raffinesse. Ein karges, aber ausreichendes Auskommen erlangte er, mehr als 95 Prozent der anderen Kunstschaffenden erhalten weniger. Doch irgendwann drehte der Wind. Anfragen aus Museen blieben aus und seine Galerie schloss ihre Tore. «Die Kunstwelt und ihre Geldflüsse verändern sich gerade radikal, und ohne dass ein böses Wort durch einen Kritiker gefallen wäre, fiel ich aus allen Rastern», fügt er an. Der Konkurrenzkampf ist härter geworden, aber die eigentlichen Ursachen sind die neuen Kriterien der Förderung und die allgemein höheren Miet- und Lebenskosten, unter denen die Muse leidet. Einladende und soziale Projekte der jüngeren Kunstgeneration sind in der Förderung schon länger in Mode. Diese temporäre Kunst ist erfolgreich, denn die Anzahl der Studenten an den Hochschulen ist so hoch, dass bereits sie allein gute Besucherzahlen garantieren und in den sozialen Medien herumgeklickt werden. Das bringt die Förderung in eine Zwickmühle. Erfüllt sie den Befehl der Politik – niederschwelliges Kunstprogramm und viel Medienaufmerksamkeit – oder verteidigt sie die Grundbedürfnisse der klassischen Sparten wie Malerei und Bildhauerei? Es ist ein Aderlass des traditionellen Kunstschaffens, der sich schleichend vollzieht. In den Museen wird noch stolz alte Kunst zur Schau gestellt, deren Kern auf das anhaltende Pröbeln eines Menschen zurückgeht, alleine in seinem Atelier. Währenddessen draussen das künstlerische Schaffen politisch instrumentalisiert wird. Die Städte lieben die populären Kunstformen. Das bedient Wähler und die Touristen. Sie ignorieren dabei, dass eine unabhängige Kultur, wie sie die Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten gut begleitet hat, verloren geht. Unsere Ur-Enkel werden einst in der Gemäldegalerie zu unserer Epoche nur wenig finden. Ich finde, wir sind mehr als Nichts.

Boris Billaud ist bildender Künstler und hat für seine Arbeiten zahlreiche Preise erhalten. Daneben beschäftigt er sich seit Jahren mit Kulturpolitik und Kunstförderung.