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Die Corona-Krise hat die Aufmerksamkeit für neue Büchern arg tangiert. Buchmessen, Vorlesungen oder Interviews mit Autorinnen und Autoren waren aufgrund der Einschränkungen nicht möglich. Nun lanciert die Verlagsbranche einen zweiten Frühling für die neuen Titel. Wir haben den Zürcher Verleger Daniel Kampa gefragt, der unter vielen auch die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk und Georges Simenon im deutschsprachigen Raum herausgibt, welche zwei Novitäten aus seinem Verlag besondere Beachtung verdienen.

 

Daniel Kampa, ist es Ihnen schwergefallen, nur zwei Werke aus Ihren Neuerscheinungen für eine Empfehlung auszuwählen?

Nein, obschon wir mit über 30 Titeln ein grosses Programm haben. Natürlich ist jeder Titel wichtig, dennoch ist mir die Wahl leichtgefallen. Bei «Drei Leben lang» handelt es sich um den Debütroman der deutschen Autorin Felicitas Korn. Der Roman ist kurz vor dem Lockdown erschienen, und deshalb waren weder eine Buchpremiere noch Lesungen möglich. Das ist für eine Debütantin natürlich besonders bitter, auch, weil man noch nicht eine treue Leserschaft hinter sich weiss. Deshalb war mein erster Gedanke, diesen Roman zu nehmen.

 

Was war für die Wahl des zweiten Buches ausschlaggebend?

Ähnliches. Tessa Hadley, die Autorin von »Zwei und zwei«, ist zwar schon 64 Jahre alt, damit 17 Jahre älter als Felicitas Korn, und fast auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie hat einige Romane geschrieben, auch Erzählbände, und schon oft im New Yorker publiziert. Im deutschen Sprachraum ist sie aber, anders als in Grossbritannien und den USA, kaum bekannt, obschon ein anderer Verlag vor zwei Jahren einen Roman von ihr veröffentlicht hat, leider ohne große Resonanz. Das fand ich fatal bei einer so grossartigen Autorin.

 

Zurück zu «Drei Leben lang»: Worum geht es in diesem Roman?

Der Leser begleitet drei Personen in einer wichtigen Phase ihres Lebens, daher der Titel. Und bei allen dreien geht es um den einen Moment im Leben, der alles verändern könnte, je nachdem welchen Weg man einschlägt.

 

Entscheide nach Schicksalsschlägen?

Die erste Figur ist ein Junge, ein Teenager, der durch den plötzlichen Unfalltod der Eltern gezwungen wird, ganz schnell erwachsen zu werden. Er will sich um seine kleine Schwester kümmern, ein neues Zuhause für sie beide finden. Die zweite Figur ist ein Drogendealer, der seinen Boss stürzen will, um endlich selbst Boss zu werden. Die dritte Figur ist ein Alkoholiker, ein Sozialhilfeempfänger, der hofft, die Liebe könne seinem verkorksten Leben doch noch einen Sinn geben. Seine letzte Rettung. Der Leser fiebert mit diesen drei sehr unterschiedlichen Figuren mit. Und am Schluss gibt es noch eine extreme Wendung, die ich hier aber nicht verraten will.

 

Warum soll man dieses Buch lesen? Inspiriert es zur Hoffnung?

Es stellt eher viele Fragen beim Lesen, auch über das eigene Leben. Aber auch, wie man mit Menschen umgeht, die am Rand der Gesellschaft stehen, von welchen Vorurteilen man geprägt ist. Es hinterfragt die eigene Haltung zur Welt. Deshalb ist es ein so toller Roman. Bücher sollen ja nicht Fragen beantworten, sondern Fragen aufwerfen.

 

Wie liest es sich von der Sprache her?

Literarisch, fesselnd. Man merkt, dass die Autorin vom Film kommt. Felicitas Korn ist auch Regisseurin. Der Roman ist aus einem Filmstoff entstanden, weil die Finanzierung des Films sich zunächst schwierig gestaltet hat. Jetzt hoffen wir das Beste, für ihren Roman und natürlich auch für den Film. Erste Szenen wurden bereits gedreht.

 

Zum zweiten Buch, «Zwei und Zwei» von Tessa Hadley. Um was geht es hier?

Es geht um zwei befreundete Paare, die sich seit der Studienzeit kennen. Damals war die Paarkonstellation noch eine andere, und dann kam es zu einer Rochade, zum Partnertausch. Man hat geheiratet, Kinder bekommen, sich von den Träumen der Jugend verabschiedet, ein bürgerliches Leben geführt, ist all die Jahre weiterhin befreundet geblieben. Durch den unerwarteten Tod eines der Männer verändert sich dann alles.

 

Der Tod als Zäsur?

Der Tod stellt die Hinterbliebenen vor Fragen. Ob man sich für den Richtigen, die Richtige entschieden hat, ob das Leben gelungen ist, ob es besser ist, zu wählen als gewählt zu werden, was eine gute Beziehung ausmacht. Anhand von Rückblenden und Szenen aus der Gegenwart der Figuren wird diesen Fragen nachgegangen. Vieles erinnert hier an die Romane von Jane Austen.

 

Die Autorin Tessa Hadley ist Britin, wie ist ihre Stellung im angelsächsischen Markt?

»Zwei und Zwei« wurde in Grossbritannien und in den USA gefeiert. Man sagt, wenn Julian Barnes eine Frau wäre, würde er so schreiben wie Tessa Hadley. Sie hat eine vergleichbare Eleganz und Ironie.

 

Beide Bücher vermitteln einen psychoanalytischen Impuls.

Ich glaube schon. Schön an diesen zwei Büchern ist, dass man sie als junger, aber auch als reifer Mensch lesen kann. Und die Botschaft beider Romane ist, dass es nie zu spät ist, im eigenen Leben etwas zu korrigieren.

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