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Erkenntnisse eines Reisenden …

Als Gast bin ich schon angekommen. Anfangs, vor 18 Jahren, war ich ein Fremder. Heute ist dieses Land meine Heimat. Unsichtbare Grenzlinien trennen hier Kantone und Menschen mit kulturell bedingten Vorlieben. Es sind wohl die Landschaften, die Seen und Berge, die Almen und Palmen, es ist die morphologische Vielfalt am Lago Maggiore oder am Ufer des Hallwilersees, die sich zur Einheit verbinden und dem Gast das Gefühl von Heimat schenken. Doch die Haarrisse der Confoederatio Helvetica stechen aus den weichen und warmen Formen der Mutter Erde wie stachelige Disteln: Sie werden im Menschen sichtbar, egal, ob er deutsch, französisch, italienisch oder rätoromanisch spricht. Die Menschen haben sich verändert in diesen Jahren des Hierseins: Sie wurden effizienter, effektiver, preisbewusster, digitaler, einsamer und älter. Die Angst, das Leben zu verpassen, hat Tempo, Reibungslosigkeit und Effektivität in der Schweiz gesteigert und sich vom Arbeitsleben ins Private verschoben. Ob es mehr Mitläufer, Gaffer und Achselzucker gibt als im Jahr 2001, bleibt umstritten.

Als Gast hat man einen anderen Blick und andere Sorgen als der Gastgeber selbst. Der Gast bleibt ein distanzierter Beobachter, ein auf Akzeptanz Hoffender. Ich bin Gast in der Schweiz – und auch auf diesem Planeten. Ein Reisender. Wir alle reisen vom Ursprung des Lebens, der im Nichts oder in Gott liegt, durch lichte und dunkle Zeiten globaler, nationaler und eigener Veränderung. So lange, bis wir erkannt haben, dass auch unsere Biografie Haarrisse, Sprünge, gar Brüche aufweist, wie eben auch das Land, in dem wir unsere Wohnung gefunden haben. Wir entdecken, was wir auf unserem Weg entbehrt haben: Konstanz, bedingungslose Liebe, echtes Mitgefühl. Man soll zwar Gefühle zeigen, aber bloss nicht alle, und am liebsten nur die synthetischen: reine Rührung, reine Freude, reines Beileid. Wo man altert, soll es mit Würde geschehen, wo man scheitert, mit Haltung, wo man versagt, mit Schuldbewusstsein.

Ergraut auf der Récamiere liegend, erinnern wir uns, im Rückspiegel des kurzen Lebens uns selbst betrachtend, daran, was wir verloren haben: unsere Jugend, die Unbeschwertheit, Haare, Illusionen und den Mut zu sagen, was uns nicht passt. Den Mut, auf die Strasse zu gehen, um gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Den Mut, Nein zu sagen. Den Mut, die dröge Schallmauer zu durchbrechen, hinter der das langweiligste Me-too-Gesellschaftsspiel stattfindet: korrekte Anpassung und die Aufgabe individueller Überzeugungen zugunsten eines Kollektivs.

Wir alle sind nur Gäste auf dieser Erde, die uns nicht gehört. Und wir alle in diesem Land stellen uns irgendwann und an irgendeinem Punkt im Leben die grosse Sinnfrage: Was soll das alles hier? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Bestehen wir nur aus Atomen – der Mensch, ein Algorithmus? – oder gibt es in, neben und fernab von mir etwas Übernatürliches, das uns schon vor Milliarden Jahren wollte und heute wieder sucht, das uns liebt und das uns den Weg zur Erfüllung weisen möchte? War alles nur Zufall oder gute Absicht?
So selbst befragt, machen wir uns dann auf den Weg nach Indien oder Sri Lanka, um in einem Tempel vor einer prächtigen Buddha-Statue um Erleuchtung zu bitten. Doch die Antworten liegen in uns selbst: Menschsein bedeutet, den freien Willen zu haben und ihn zu schätzen, sich für ein bewusstes Leben oder eben dagegen zu entscheiden. Jeden Tag haben wir neu die Chance, uns nur im Momentum, im jetzigen Augenblick, zu bewegen. Und dieser Moment wird zu unser aller Morgen. Wer die Schweiz, wer die Familie oder den Arbeitsplatz verändern will, muss sich selbst verändern. Wende dich dir selbst zu. Und schütze und heile das, was dein Menschsein ausmacht: dein Innenleben, wie der Psychiater Christophe André sagt.

Der Autor, Christian Grass, hat in seinen beiden Romanen Menschen skizziert, die ihren Blick auf Lebensillusionen richten. Seine Interessen gelten der Philosophie, der Anthropologie und der Menschengeschichte. Sein Unternehmen, «The Communicator», beschäftigt sich mit dem Verhalten der Menschen in der Transformation zum Digitalzeitalter. Christian Grass lebt und arbeitet am Lac de Neuchâtel.