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Mythen rund um sexuelle Gewalt entlarven

«Ungewollte sexuelle Handlungen kannst du als Frau ganz einfach vermeiden. Männer merken schnell, wenn sie eine Schlampe vor sich haben, dann fällt auch der Respekt und die Zurückhaltung.» «Viele Frauen finden es anregend, wenn der Mann im Bett die Kontrolle übernimmt und handgreiflich wird.» «Es gibt viele Falschanschuldigungen von Frauen.» Solche Reaktionen begegnen uns immer wieder, seit wir bei Amnesty International eine nationale Kampagne gegen sexuelle Gewalt an Frauen in der Schweiz lanciert haben.

Diese Aussagen spiegeln lang existierende und tief verankerte Mythen rund um das Thema Vergewaltigung wider. Als Vergewaltigungsmythen bezeichnet man vorgefertigte und feststehende Meinungen zum Thema Vergewaltigung bezüglich Ursachen, Situation, Folgen, Täter, Opfer und der Interaktion. Sie dienen dazu, sexuelle Gewalt zu verharmlosen, zu rechtfertigen oder sogar zu leugnen. Die Vergewaltigungsmythen werden von anhaltenden geschlechtsspezifischen Ungleichheiten und Einstellungen gegenüber Frauen befeuert.

Leider führen solche Mythen dazu, dass in der Gesellschaft «echte» Vergewaltigungen anders wahrgenommen und behandelt werden als «unechte» Vergewaltigungen. Gemäss weitverbreiteten Vorstellungen sieht eine «echte» Vergewaltigung so aus: Ein fremder Täter überfällt sein Opfer, wendet Gewalt an, hinterlässt Spuren. Das «echte» Opfer wehrt sich, hat sichtbare Verletzungen und erstattet umgehend Anzeige. Zudem ist ein «echtes» Opfer schwach, denn wenn es stark wäre, dann hätte es sich gewehrt. Verhält sich das Opfer nicht gemäss diesen Vorstellungen und ist der Täter ein bekannter, sympathischer Mann, was in den meisten Fällen tatsächlich der Fall ist, dann wird dem Opfer fast reflexartig mit Misstrauen begegnet: Die Glaubwürdigkeit des Opfers wird infrage gestellt und die Frage nach einer Mitschuld aufgeworfen.

Diese Mythen und Vorstellungen sind in der Schweiz noch immer verbreitet, wie Berichte von Opferberatungsstellen und Kommentare auf sozialen Medien zeigen. Eine Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern, die im Auftrag von Amnesty International Anfang Jahr gemacht wurde, liefert einige interessante Zahlen dazu: 70 Prozent der befragten Frauen sind der Meinung, dass Frauen zu oft verantwortlich dafür gemacht werden, wenn sie sexuell belästigt oder angegriffen werden, beispielsweise wegen aufreizender Kleidung, ihrem Verhalten oder Alkohol- und Drogenkonsum. Zudem haben nur acht Prozent aller Frauen, die ungewollte sexuelle Handlungen selbst erlebt haben, eine Strafanzeige erstattet. Die wichtigsten Gründe, weshalb Frauen nicht zur Polizei gegangen sind, sind Scham (64 Prozent), das Gefühl, chancenlos zu sein (62 Prozent) und die Angst, dass man ihnen nicht glaubt (58 Prozent).

In unserem Sexualstrafrecht spiegeln sich diese Mythen wider. Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen wird nur dann als Vergewaltigung betrachtet, wenn Gewalt, Drohungen oder psychischer Druck angewandt wurden oder wenn das Opfer unfähig zum Widerstand gemacht wurde. Doch ist von der Wissenschaft längst bewiesen, dass sich viele Opfer gar nicht wehren können, weil sie überfordert sind oder in eine Schockstarre fallen.

Doch jede und jeder von uns kann sich aktiv einsetzen gegen Vergewaltigungsmythen. Es geht darum, Stereotype von gewalttätiger und dominierender Männlichkeit abzulehnen und den Opfern keine Schuld für sexuelle Gewalt zuzuweisen. Es geht darum, in der Gesellschaft und im Gesetz anzuerkennen, dass Sex die Zustimmung von allen Beteiligten braucht. Es geht um mehr Kommunikation, mehr Respekt und Achtsamkeit zwischen den Partnern und mehr Empathie und Unterstützung für die Opfer.

Cyrielle Huguenot ist Kampagnenleiterin Frauenrechte bei Amnesty International Schweiz.