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Gegen die rasende Zerstörung der weltweiten Ökosysteme ist der Klimawandel kurzfristig nur ein warmes Lüftchen. Wissenschaftler der Uno warnen in einer im Mai erscheinenden Studie, dass die Zerstörung von Böden, Wäldern, Gewässern und Tierwelt schneller zum Kollaps führen wird als die Klimakatastrophe allein.

von Christine Schnapp

Nicht zuletzt dank der Klimajugend ist die Klimakatastrophe in den vergangenen Monaten endgültig in den Köpfen vieler Menschen und auf den politischen Agenden aufgeschienen. Doch noch lange bevor sich Wirtschaft und Politik endlich dazu durchringen, griffige Massnahmen gegen den Klimawandel zu beschliessen, wird eine weitere ökologische Katastrophe Thema. Diese hat das Potenzial, unsere Ökosysteme innerhalb kürzerer Zeit zu zerstören, als dies durch die Folgen der Klimakatastrophe der Fall sein wird. So zumindest lautet die Quintessenz der Studie der UN-Organisation Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) zum drohenden Kollaps der Ökosysteme, die im Mai dieses Jahres publiziert wird, wie die Huffington Post schreibt. 500 Expertinnen und Experten in 50 Ländern haben in den vergangenen Jahren daran gearbeitet und kommen im 8000 Seiten umfassenden Bericht zu folgenden Erkenntnissen:

1. Zehntausende von Arten sind vom Aussterben bedroht.

2. Die Menschheit verbraucht natürliche Ressourcen in einer Geschwindigkeit, die weit über die Möglichkeiten der Erde zur Selbststeuerung hinausgeht.

3. Die Fähigkeit der Natur, Nahrung und Wasser für die wachsende Bevölkerung zur Verfügung zu stellen, ist in jeder Region der Erde gefährdet.

Die IPBES hat die kostenlosen Dienstleistungen, mit denen die Erde sämtliche Volkswirtschaften unterstützt, nämlich sauberes Wasser und Luft sowie die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten, berechnet. Für die USA geht die Organisation von einem Gegenwert von 24 Billionen Dollar jährlich aus, die weltweite Bestäubung von Nutzpflanzen kann mit 577 Milliarden Dollar beziffert werden. Doch diese Dienstleistungen wird die Erde bald nicht mehr ausführen können, denn: «Bodendegradation (bedeutet die Verschlechterung der Ökosystemdienstleistungen des Bodens bis hin zu deren völligem Verlust, Anm. d. Red.), Verlust der biologischen Vielfalt und Klimawandel sind drei verschiedene Aspekte derselben zentralen Herausforderung: die immer gefährlicheren Auswirkungen menschlichen Handelns auf den Zustand der Umwelt», so Robert Watson, Leiter der Studie. Ein Grossteil dieser Zerstörung gehe auf die industrielle Landwirtschaft zurück, sagt Mark Rounsevell, Professor für Landnutzungswandel am Karlsruher Institut für Technologie und verantwortlich für den Europa-Teil der IPBES-Studie. Rounsevell weiter: «Die Nahrungsmittelindustrie ist die Ursache des Problems. Die Kosten der ökologischen Degradierung werden bei dem Preis, den wir für Lebensmittel zahlen, nicht berücksichtigt, aber wir subventionieren immer noch die Fischerei und die Landwirtschaft.»

Die letzte grosse Safari?
Pro Jahr, so der Bericht, kostet der Verlust von Bäumen, Weideflächen und Feuchtgebieten zehn Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes. Er treibt gleichzeitig das Artensterben an, verschärft den Klimawandel und könnte zum sechsten grossen Massenaussterben führen. In Afrika beispielsweise seien bereits 20 Prozent der Landoberfläche durch Bodenerosion, Vegetationsverlust und Umweltverschmutzung geschädigt worden, sagt Luthando Dziba, der am Afrika-Teil des Berichts mitgearbeitet hat. «Afrika ist die letzte Heimat für eine Vielzahl grosser Säugetiere weltweit, aber der wissenschaftliche Konsens ist, dass bei den derzeitigen Szenarien bis 2100 mehr als die Hälfte der afrikanischen Vogel- und Säugetierarten verloren gehen könnten», so Dziba. Von denen, die es noch gibt, muss man hinzufügen, denn seit 1970 ist die weltweite Tierpopulation durch menschliches Handeln bereits um 60 Prozent zurückgegangen. Übersehen werden oft Tierarten, die nicht besonders beliebt sind. So spricht man über aussterbende Wale und Elefanten, doch das Massensterben der Insekten, von Süsswassertierpopulationen und Amphibienarten wurde lange übersehen.
Laut dem IPBES-Bericht macht die abnehmende Bodenproduktivität die Gesellschaften sozial instabil. In 30 Jahren könnten 50 bis 700 Millionen Menschen wegen Bodendegradierung und den Folgen des Klimawandels migrieren müssen, weil sie in ihren Heimatländern keine Lebensgrundlage mehr haben werden.

Indigene Völker als Schlüssel
Die Studie kommt zur überraschenden Erkenntnis, dass der Erhalt eines grossen Teils des verbleibenden Naturreichtums von indigenen Völkern abhängen wird. Sie wissen am besten, wie man die Natur erhält, und haben oftmals sogar detailliertere Informationen über Umweltveränderungen als Wissenschaftler. Laut Studienleiter Watson solle man indigene Völker nicht romantisieren, aber man könne von ihnen viel darüber lernen, wie man die Natur und auch die westlichen Gesellschaften schützt. Ihre Rolle sei nicht zu unterschätzen. Umso tragischer, dass indigene Völker vielerorts diskriminiert und von Gewalt bedroht sind. Der neue brasilianische Präsident Bolsonaro beispielsweise verfolgt einen unzimperlichen Kurs gegenüber den Naturvölkern. Er will ihre Rechte beschneiden und ihre Siedlungsgebiete in kommerzielle Nutzungen überführen.

Jeder Baum zählt
Robert Watson kommt zum Schluss, dass die Aussichten zwar düster, aber nicht hoffnungslos sind. Es sei noch nicht zu spät, die Zerstörung der Natur zu bremsen. Die Autorinnen und Autoren der Studie fordern, dass bestehende Gesetze durchgesetzt und durch weitere Regelungen ergänzt werden, die die Abholzung von Wäldern und die Überfischung der Meere betreffen. Etwa die Hälfte der Erde müsse geschützt werden, damit die Chance besteht, eine grosse Naturkatastrophe abzuwenden. «Es gibt kein Wundermittel oder die eine Lösung. Die besten Optionen liegen in einer besseren Regierungsführung, die Belange von Biodiversität in den Mittelpunkt von Landwirtschafts- und Energiepolitik rückt, wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien anwendet und ein grösseres Bewusstsein schafft und Verhaltensänderungen anstrebt», schliesst Watson.