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Sich selbst zu verzeihen, öffnet den Weg, andern leichter zu verzeihen. Das erschliesst Zufriedenheit, wo man sie nicht vermutet hat, und zeigt, wie Achtsamkeit zu mehr Mitmenschlichkeit führt.

Zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2019 schrieb Papst Franziskus, der Mensch solle versöhnlicher mit sich selber sein, um so auch versöhnlicher mit den Mitmenschen zu werden. Eine interessante Aufforderung. Sie stützt den Grundsatz, dass Nächstenliebe nur möglich ist, wenn sie bei Selbstliebe beginnt. Anders formuliert: Nur was im eigenen Garten wächst, kann sich über den Zaun ausbreiten.
Aber wie kann man mit sich versöhnlicher sein? In Gesellschaft und Politik wird Versöhnung als Bestandteil zur Bewältigung der Vergangenheit oder eines Konflikts gesehen. Die Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika oder in Deutschland nach dem Untergang der DDR zeugen davon. Das setzt aber Opfer und Täter voraus. Dennoch: Jeder kennt das Gefühl, dass man sich selbst zum Feind werden kann. Dann sollte eine «innerliche Versöhnungskommission» an die Arbeit. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel kann da hilfreich sein. Er versteht die Versöhnung als Vermittlung, die zu einer Synthese führt und dadurch die Spannung aufhebt. Nach einem Schicksalsschlag neigt der Mensch dazu, in Schuldgefühlen zu versinken. Die bekannten Sätze beginnen mit: «Hätte ich nur …», «Wenn ich …», «Wäre ich doch …». Laut Hegel hilft hier eine Dialektik: Der These muss eine Antithese gegenübergestellt werden. Daraus kann am Schluss eine Synthese, eine Versöhnung resultieren. Das setzt aber eine Grosszügigkeit mit sich selbst voraus. Zum Beispiel ein versöhnliches «Das ist nun mal geschehen.» Damit schöpft man auch wieder Vertrauen in sich selbst. Wer eine solche Haltung gewinnt, dem fällt es auch leichter, mit seiner Umgebung versöhnlich umzugehen.

Für die Schweizer Psychotherapeutin und Buchautorin Verena Kast gibt es neben dem Verzeihen und Versöhnen noch eine dritte Option, die aus einer inneren Versöhnung wachsen kann: das Gut-sein-Lassen. «Das heisst, etwas stehen zu lassen, ohne nachzubohren, ohne etwas zu erwarten. Gut sein lassen wir etwas, wenn wir nicht erwarten können, dass der andere sich entschuldigt.» Das hat nach ihrer Meinung auch viel mit Freundlichkeit zu tun. «Wer anderen gegenüber freundlich gestimmt ist, kann auch leichter verzeihen.»
Zum grossen jüdischen Feiertag Jom Kippur steht im Talmud: «Der Versöhnungstag befreit von Sünden gegen Gott, jedoch von Sünden gegen den Nächsten erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten worden ist.» Was nicht im Talmud steht, aber die moderne Psychologie belegt: Das macht frei. Zentral dabei bleibt aber, dass man sich zuerst selbst verzeiht und sich mit seinem Schicksal versöhnt, dann werden viele Schritte möglich.

Anton Ladner