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Verschwörungstheorien mit gesundem Menschenverstand begegnen

Fast so schnell wie das neue Coronavirus SARS-CoV-2 verbreiten sich die Verschwörungstheorien darüber. Wie sollen bei dem Tempo noch wahre Nachrichten von Fake News und Verschwörungstheorien unterschieden werden?

Verschwörungstheorien und Falschnachrichten zu SARS-CoV-2 könnte man in drei grobe Kategorien einteilen: Theorien zur Herkunft/Entstehung (1), Behauptungen zum hervorgerufenen Krankheitsbild (2) und Diagnose-/Behandlungsempfehlungen (3).

(1) Die wilden Geschichten reichen von der angeblichen künstlichen Herstellung des Virus als Biowaffe in geheimen Labors bis zu misslungenen Experimenten in Forschungsanstalten. Dabei hat jedes Land oder Medium seinen Lieblingsfeind. Während westliche Medien ein Geheimlabor in Wuhan für die Entwicklung dieses Virus verantwortlich machten, liessen russische Staatsmedien stilgetreu gleich mehrere Theorien verlauten: Einmal war es eine US-amerikanische Biowaffe, das nächste Mal ein geheimes Laboratorium im nicht gerade befreundeten Georgien. Und die von Trumps läppisch-undiplomatischer Rhetorik gekränkten chinesischen Bürokraten liessen unlängst verlauten, dass ein US-Soldat angeblich SARS-CoV-2 als Patient 0 nach Wuhan gebracht habe. Dass alle diese Theorien wissenschaftlich unhaltbar sind, ist dabei natürlich Nebensache.

(2) Die Verharmloser: Wurde das neue Coronavirus zunächst sogar von Staatsoberhäuptern (Trump, Lukaschenko) mit der Grippe verglichen, wurden diese schnell durch die sich überschlagenden Fallzahlen und eine aktuell ca. sechsprozentige Mortalität (saisonale Grippe als Vergleich: ca. 0.1 Prozent) in eine sehr unglaubwürdige Ecke gedrängt. Die Unbelehrbaren müssen dann zur Verschwörungskeule greifen, um ihre Behauptungen doch noch zurechtzubiegen, und bezichtigen Staat, Medien, Forscher und Gesundheitsinstitutionen der gross angelegten koordinierten Lüge. Gerne wird auch darauf hingewiesen, dass es schon immer Coronaviren gegeben habe und diese lediglich harmlose Erkältungen hervorrufen würden. Dabei wird verschwiegen, dass auch MERS und SARS (2002/2003) mit deutlich höheren Mortalitätsraten als die aktuelle Pandemie durch Coronaviren hervorgerufen wurden. Die Spanische Grippe, die schliesslich auch «nur» durch Grippeviren hervorgerufen und für den Tod von 25 bis 100 Millionen Menschen verantwortlich war, wird keines Wortes gewürdigt.

(3) Alle kennen sie, die in Familienchats in regelmässigen Abständen zirkulierenden Nachrichten mit absurden Empfehlungen zur Vorbeugung, «Selbstdiagnose» und Therapie bei COVID-19. Viele haben die Warnung vor der Einnahme von Ibuprofen erhalten. Sogar BAG und WHO zogen nach, nur um die Warnung wenige Tage später zurückzuziehen, als klar wurde, dass diese ausschliesslich auf unbelegten Gerüchten fusste. Dann gibt es die Behandlungsempfehlung mit Bleichmittel oder die Behauptung, man habe kein COVID-19, wenn man die Luft länger als X Sekunden anhalten könne. Theorien mit einem solchen Absurditätsniveau dürften zum Glück am gesunden Menschenverstand der Mehrheit abprallen.

Die Welt ist voller Verschwörungstheorien. Die Corona-Krise veranschaulicht nur, wie schnell solche Theorien Fuss fassen können. Als Menschen haben wir das Bedürfnis, Informationen einzuordnen, in gut, schlecht, wahr oder falsch. Oft passiert das intuitiv, sodass eine Falschinformation nur unsere Intuitionen richtig anstacheln muss – schon glauben wir sie. Vielleicht ist bereits ein Schritt in die richtige Richtung getan, wenn wir beim Hören neuer Informationen diese als Erstes bewusst nicht einordnen, sie zur Kenntnis nehmen und abwarten, ob wir Bestätigendes oder Widersprüchliches noch von anderen Quellen erfahren?

 

Denis Uffer ist Präsident des Vereins Skeptiker Schweiz und arbeitet als Assistenzarzt in Facharztausbildung Neurologie.