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Ist das Selbstbild, das man von sich hat, tatsächlich genauer als das Bild, das sich andere von einem machen? Die eigene Wahrnehmung ist längst nicht so verlässlich, wie sie vortäuscht. Umdenken ist deshalb ein guter Rat.

Es begann vor über 300 Jahren. John Locke, der englische Arzt, Philosoph und Vordenker der Aufklärung, schrieb über die Introspektion als eine Art innerer Sinn des Menschen. Eine Fähigkeit, das Innenleben transparent wahrzunehmen. Locke, der Vater des Liberalismus, war der Meinung, der Mensch sei in der Lage, die Abläufe seines Geistes – so wie heutzutage ein Fernsehzuschauer auf dem Bildschirm – betrachten zu können. Damit sprach Locke dem Menschen die Fähigkeit zu, genau zu wissen, was er denkt, fühlt und tut. Bis heute herrscht die Überzeugung vor, dass die Bilder, die sich andere von uns machen, bedeutend weniger zutreffend seien als das Selbstbild, das man von sich hat. In der Forschung wird diese Annahme als «privilegierte Einsicht» bezeichnet. Viele Psychotherapien fussen auf dieser Annahme, dass der Mensch sich selber am besten kenne und somit auch am besten selber helfen könne. Der US-amerikanische Psychotherapeut David Schnarch greift in seinem neuen Buch «Brain Talk» diesen Umstand auf: «Wenn die Klienten sich selbst so gut durchschauen, wozu brauchen sie dann Therapeuten?» Die Frage zeigt klar: Schnarch hat grosse Zweifel an der Verlässlichkeit der Introspektion. «Die meisten von uns gehen von dem Irrglauben aus, wir hätten privilegierte Einsicht in unseren eigenen Geist.» Für Schnarch ist das ein Irrglaube, denn diese vermeintliche Einsicht basiere auf lange zuvor entwickelten ungenauen Selbstbildern mit übertrieben positiven, aber auch negativen Einschätzungen. Hinzu kommt, «dass wir uns häufig nicht wirklich bewusst darüber sind, was wir fühlen oder warum es uns so geht, wie es uns geht», schreibt Schnarch. Inzwischen belegen auch zahlreiche Studien die Fehlbarkeit der Introspektion. Das führt zu einem klaren Schluss: Weil es sehr schwierig ist, sich objektiv zu sehen, kennen einen andere Menschen meist besser. Es lohnt sich somit, auf Kritik zu hören, wenn die Ehegattin, der Ehegatte, Kinder oder Geschwister einem die Fehler aufzählen. Wenn man offen ist, erweist sich das nämlich als Gewinn. Dann kann man sich für den Beitrag zum eigenen Wachstum sogar auch bedanken. Wer den Versuch wagt, erlebt verblüffende Reaktionen − garantiert.

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