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Das Januarloch ist geprägt von Mangel: zu wenig Kunden, zu wenig Betrieb, zu wenig Umsatz und zu wenig Geld, weil zu viel für  die Festtage ausgegeben wurde. Der Mangel hat die Menschheit von jeher bestimmt. Aus Mangel wurden die Menschen zum Beispiel Nomaden und aus Absatzmangel entstand die Globalisierung der Wirtschaft. Doch viel von dem, was heute als Mangel erscheint, ist Überfluss, wie die neue Monatsserie aufzeigt. Unsere Gesellschaft leidet nämlich an einem sehr ambivalenten Umgang mit Mangel, sei es beim vermeintlichen Gütermangel, beim Zeit- oder Sinnmangel.

 von Anton Ladner

Der Psychiater hatte mit seinem Patienten viel Mitgefühl. Dieser brauchte dringend seine Unterstützung, neue Perspektiven. Denn der Patient hatte in der Finanzkrise eine Million Dollar verloren und wusste nicht mehr weiter. In der Behandlung fand der Psychiater langsam heraus, dass sein Patient keineswegs verarmt war. Er hatte immer noch zehn Millionen Dollar Barvermögen. Diese Geschichte war vor zehn Jahren beispielhaft für den Umgang mit Verlust während der Finanzkrise. Das «Mangel-Gefühl» war in den Vereinigten Staaten bei jenen, die aufgrund der Finanzkrise ihr Haus verloren hatten, ähnlich intensiv wie bei diesem Patienten, der stellvertretend für viele steht, die einen Verlust hinnehmen mussten, den sie faktisch nicht spürten.

Vor 15 Jahren sorgte in Grossbritannien ein Junge für Schlagzeilen, der während Jahren kein Gemüse und keine Früchte gegessen hatte, auch kein Salatblatt oder auch nur einen Zwiebelring im Hamburger, und dennoch keine Mangelerscheinungen hatte. Die Allgemeinheit war überzeugt davon, dass jemand der sich so ernährt, krank werden müsse. Ein ganzer Industriezweig lebt heute von der Angst möglicher Mangelerscheinungen und bietet Nahrungsmittelergänzungen zur Vorbeugung an. Da passt ein kerngesunder Junge, der Mangelerscheinungen haben müsste, nicht ins Bild. Die zwei Beispiele verdeutlichen, wie Mangel hochemotional und sehr individuell wahrgenommen wird.

Derweil zeichnet sich ein Mangel-Drama in den Krisenregionen ab. Die Vereinten Nationen gehen laut einem im Dezember veröffentlichten Bericht davon aus, dass die Zuspitzung der Krisen eine Aufstockung der Nothilfeeinsätze nötig macht. Der Bedarf an humanitärer Hilfe werde durch die Kombination von Krieg, Gewalt, Klimaschocks und wirtschaftlichen Problemen steigen. Betroffen davon sind 168 Millionen Menschen – ein Viertel mehr als für das abgelaufene Jahr erwartet worden war. Um den Bedürftigsten in 55 Ländern zu helfen, werden rund 29 Milliarden Dollar benötigt, rechnet die Uno-Nothilfeorganisation Ocha. Laut Bericht wird sich die Lage in neun von 22 Krisenregionen verschlechtern. Der Finanzbedarf steigt deshalb drastisch. Ob er im neuen Jahr aufgebracht wird, hängt von der Wohlstandswelt ab, ob sie zu etwas mehr Verzicht bereit ist oder ob die Angst vor Mangel dominiert.

Sendhil Mullainathan, Professor an der Universität Harvard und einer der weltbesten Verhaltensökonomen der Welt, und Eldar Shafir, Psychologe der Universität Princeton, umschreiben Mangel als Gefühl, weniger von etwas zu haben, als man zu brauchen meint. Jenseits von Krisen in der wohlstandsgesättigten Schweiz brauchen die Menschen faktisch viel weniger, als sie meinen. Das Leben ist deshalb nicht von objektiven Mängeln geleitet, sondern von subjektiv erlebten. Der Wohlstandsmensch tendiert dazu, seine Situation subjektiv negativ zu bewerten. Der Satz: «Ich habe nichts mehr anzuziehen», ist die Spitze dieses Umstandes. Man braucht dringend einen neuen Fernseher, Ferien sind überfällig, ohne neuen Wintermantel glaubt man, die bevorstehende Kälte nicht überstehen zu können. Es handelt sich dabei weitgehend um Mangelgefühle, die Anbieter wecken, weil sie den vermeintlichen Mangel gleich abdecken können. Es werden Scheinbedürfnisse geweckt, um sie gleich zu befriedigen, denn Scheinmängel treiben den Konsum in die Höhe. Und so leben wir heute in einer Welt von permanenten Überangeboten: Zu viele Autos, Fernseher, Computer, Kleider oder Esswaren warten auf Käufer. Deshalb werden die Bedürfnisse weiter stimuliert und dadurch wird der Mangel zu einem Dauergefühl – sofern man diesen Mechanismus nicht durchschaut. Das setzt allerdings Lebenserfahrungen voraus. Junge Menschen meinen, sozial abzusteigen und todunglücklich zu werden, wenn sie nicht das neue iPhone oder die Skinny-Jeans haben. Der Mangel ist zum grössten Teil, abgesehen von Menschen, die durch die sozialen Auffangnetze gefallen sind, selber konstruiert. Denn der Mensch sieht vor allem das, was er nicht oder nicht in dieser Grösse oder Menge hat. Das Mangelgefühl wird zu einer Fixierung auf unerfüllte Bedürfnisse, in deren Erfüllung eine Verbesserung projiziert wird (besseres Aussehen, mehr Ansehen, grösserer Genuss, stärkere Glücksgefühle). Nach Erfüllung der vermeintlichen Bedürfnisse tritt dann die erhoffte Verbesserung nicht in der erwarteten Intensität ein. Und so dreht sich die Bedürfnisspirale weiter, der Mangelstachel macht sich erneut bemerkbar. Das Gefühl, zu wenig zu haben, ist zu einem gesellschaftlichen Unbehagen geworden. Hintergründig geht es dabei oft um eine Knappheit an Aufmerksamkeit, Anerkennung – an immaterieller Lebensqualität.

Neben dem vermeintlichen Gütermangel sieht sich die Wohlstandsgesellschaft als Geisel des Zeitmangels. Trotz unzähliger Erleichterungen, wie Staubsaugerroboter, automatische Rasenmäher, Wasch- und Geschirrspülmaschinen, Fernbedienungen, sprachgesteuerte Geräte, Onlineshopping usw., wird die Zeit immer knapper. Und niemand fragt sich dabei, was eigentlich aus der eingesparten Zeit wurde. Keine Zeit zu haben, ist heute eine Formel für ein erfolgreiches, erfülltes Lebens. Man ist so gefragt, dass man keine Zeit mehr hat – der Mangel als Prestige. Auch hier ist der Mangel weitgehend selber gebaut, eine Illusion, die gepflegt wird. Denn der Umgang mit der Zeit ist eine Frage der Prioritäten, die man in seinem Leben setzt. Wenn Mails sofort beantwortet sein sollen oder man immer erreichbar sein will, verliert man leicht Stunden und hat das Gefühl, keine Zeit zu haben. Dabei wird die Zeit auch sehr undifferenziert wahrgenommen. Man kann keine Zeit haben für eine Weltreise, weil das die aktuelle Lebenssituation nicht erlaubt. Oder man erlebt Zeitnot, um alle Aufgaben, die man erledigen möchte, in einem Tag unterzubringen. Und man kann keine Zeit haben, weil das Tram in zwei Minuten kommt oder der Zug in zehn Minuten abfährt. Das sind sehr unterschiedliche Arten von Zeitmangel.

 Der Sinnmangel ist derweil im Gegensatz zum vermeintlichen Güter- oder Zeitmangel eine Knappheit, die in der Wohlstandsgesellschaft gerne verschwiegen wird. Wer depressiv wird, dem ist oft der Sinn des Lebens abhandengekommen. Der Mangel an Lebenssinn kann sich zu einem qualvollen Zustand entwickeln. Doch der Mensch hat die Schwierigkeit, lebensnotwendige Faktoren erst zur Kenntnis zu nehmen, wenn sie ihm fehlen, wenn ein Mangel resultiert. Alle machen diese Erfahrung mit der Gesundheit. Sie ist selbstverständlich, bis Probleme auftauchen. Dann stellt sich auch Reue ein, dass man dem, das man als etwas Grossartiges vermisst, zuvor keine Bedeutung beigemessen hat. Aber es gehört zum Menschsein, dass der Mangel erst das Bewusstsein schafft. Die Vitamin-C-Mangelerkrankung Skorbut wurde nur entdeckt, weil Seefahrer starben.

Joachim Bauer, seit seiner Emeritierung an der Universität Freiburg als Gastprofessor an der International Psychoanalytic University Berlin tätig, ist Autor des Buches «Das Gefühl der Gefühllosigkeit». Laut Bauer kann der Mensch am Sinnmangel erkranken. Um dem Mangel zu entgehen, brauche es zwischenmenschliche Anerkennung, Zuwendung und Sympathie. «Wir benötigen, um Sinn zu erleben, andere Menschen, für die wir Bedeutung haben. Menschen brauchen, um gesund zu bleiben, Bindungen.» Für ihn steht deshalb fest, dass es eine Sinn-Mangelerkrankung gibt – die Depression.

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