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Fussball ist in der Schweiz der beliebteste Mannschaftssport. Weit über eine Viertelmillion Menschen spielen wöchentlich, betreut von zahlreichen Ehrenamtlichen. Das erzeugt eine gewaltige Klammerwirkung.

 von Anton Ladner

Soviel Geschichte verpflichtet: Der erste Fussballklub Europas wurde 1860 in der Schweiz gegründet. Der kurz später entstandene FC St. Gallen ist der älteste noch bestehende Club. Und 1904 war der Schweizerische Fussballverband Gründungsmitglied des Weltfussballverbandes Fifa. Heute sind 273 000 lizenzierte Spielerinnen und Spieler in 14 206 Teams in 1389 Vereinen organisiert. Gemessen an der Anzahl Mitglieder ist der Fussballverband somit der drittgrösste Sportverband der Schweiz, gemessen an der Anzahl Aktivmitglieder sogar der zweitgrösste. Denn die Zahl der Aktivmitglieder liegt laut Vereinsbefragung durch den Fussballverband bei 334 792 Mitgliedern, davon sind 27 204 weiblich. Erfreulich ist, dass trotz Stagnierung bei der Anzahl Vereine die lizenzierten Aktivmitglieder stetig wachsen. 1995 waren 197 443 Spieler lizenziert, heute sind es knapp 40 Prozent mehr. 55 Prozent davon entfallen auf die Deutschschweiz, 35 Prozent auf die Romandie und zehn Prozent aufs Tessin. Mit 4,3 Fussballklubs auf 10 000 Einwohner hat das Tessin die höchste Fussballklub-Dichte der Schweiz.

Breite Begeisterung
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 20 Jahre machen 62 Prozent aller Aktivmitglieder aus, so die Statistik des Schweizer Fussballverbandes.Etwa 40 Prozent aller Aktivmitglieder haben einen Migrationshintergrund. Die Fussballvereine leisten deshalb auch einen grossen Beitrag zur Integration. Und jeder dritte Verein hat Aktivmitglieder über 60 Jahre. Der Fussball als Breitensport bildet somit eine einzigartige gesellschaftliche Klammer. Denn involviert sind da auch Eltern, Lebenspartner, Verwandte und Bekannte. Da fiebern leicht jedes Wochenende über eine Million Menschen mit. Nicht vor Bildschirmen im Wohnzimmer, sondern auf Fussballfeldern in Dörfern, am Rand von Kleinstädten und den Peripherien der grossen Zentren. Eltern waschen im Turnus die Tenues der Mannschaft ihres Sohnes oder ihrer Tochter, fahren die jungen Spieler zu den Spielen und spenden danach Trost oder feiern mit. Warum ist Fussball so beliebt? Und warum vermag Fussball – im Gegensatz zu Hornussen, Schwingen, Steinstossen oder Curling, das auf Kinder und Jugendliche in der Schweiz kaum mehr Magnetwirkung hat, – immer wieder neue Generationen zu begeistern?

Der Philosoph Paul Hyningen von der Universität Hannover bietet in einem Aufsatz «Das Drama des Lebens. Warum Fussball fasziniert» schlüssige Erklärungen: «Was dort als Spiel gelingt oder nicht, hat tausendfache Analogien zum Ernst des Lebens, sowohl was einzelne Spielzüge als auch das Spiel als Ganzes anlangt. Es ist die Mixtur der eigenen Handlungen, die man mehr oder weniger gut ausführt, mit den unkontrollierten äusseren Umständen, die man vielleicht grob vorweg nehmen kann, die das Drama des Lebens wie das Drama des Spiels ausmachen. Viele Fußballregeln sorgen genau dafür, dass die Mixtur von Können und Unkontrolliertem stimmt. Ein Tor erzielen ist vom eigenen Können und von vielen Unwägbarkeiten beeinflusst. Die Regeln sorgen dafür, dass diese Unwägbarkeiten zwar so stark sind, dass etwa der Angriff aufs Tor auch den Besten misslingen kann, gleichzeitig aber nicht derart stark sind, dass es reiner Zufall wird, ob man Tore schiesst oder nicht.» So gebe es gerechte Ergebnisse, aber auch solche, die einfach auf Glück zurückzuführen seien, so der Philosoph. Fussballs stelle das Drama des Lebens in einer Vielfalt und zugleich in Einfachheit nach.

Motivierter Nachwuchs
Für Kinder und Jugendliche beruht die Fussballbegeisterung wohl auf einer Kombination aus der Freude an Bewegung, dem Spass am Zusammensein und sozialer Geborgenheit, die das gemeinsame Einhalten von Regeln generiert. Anfänger lernen, dass Teamplay für Erfolg entscheidend ist, und erfahren dadurch zum ersten Mal bewusst eine gestaltete Gemeinschaftsorientierung. Vor allem Kindergärtler und Unterstufenschüler verlieren auf dem Spielfeld nämlich schnell die Orientierung und wissen nicht mehr, in welche Richtung sie spielen müssen. Sich da am Mitspieler orientieren zu können, im Trainer eine Hilfe zu erfahren, erweist sich als lebensprägende Erfahrung, wie sie die Schule nicht bieten kann. Später in der Pubertät, wenn die Eltern an Autorität einbüssen, gewinnt ein Trainer als Leader an Bedeutung. Er bestraft Unpünktlichkeit oder unbegründetes Fernbleiben mit Geldbussen, bleibt dabei aber immer ein Teil des Teams. Dieses Gefühl «wir gegen alle andern» kann sich mit einem Schullehrer oder Lehrmeister kaum einstellen. Das Mannschaftsspiel wird so auch zu einem Training fürs Leben, weil es Selbstwertgefühl, soziale Gemeinschaft, Integration und Toleranz fördert. Jugendfussball erweist sich dabei auch als eine hervorragende Drogenprävention. Wer gewinnen will, verzichtet gerne auf Zigaretten-, Alkohol- und Cannabiskonsum.

Ohne Freiwillige läuft nichts
Ohne enorme freiwillige Engagements im Kinder- und Jugendfussball wäre dies aber gar nicht möglich. Laut Swiss Olympic sind 950 000 Freiwillige in 19 0000 Schweizer Sportvereinen im Einsatz. Davon entfallen 100 000 Freiwillige auf den Fussball, wovon etwa 32 000 Ehrenamtliche als Trainer oder Vorstandsmitglieder wirken. Entschädigt werden im Schweizer Fussball insgesamt 6500 Personen, die 1800 Vollzeitstellen besetzen. Die grosse Motivation von Freiwilligen ermöglicht, dass auch kleine Klubs Mannschaften in jeder Altersklasse haben. Die Ehrenamtlichen leisten im Fussball pro Monat im Schnitt 21 Arbeitsstunden. Trainer, Übungsleiter und Schiedsrichter machen 50 Prozent der ehrenamtlichen Funktionen aus. Müsste dieser Aufwand kommerziell erbracht werden, wären um 4300 Vollzeitstellen notwendig, was 300 bis 400 Millionen Franken kosten würde. Trainerinnen und Trainer finden sinnstiftende Befriedigung in der Jugendarbeit, vor allem in ihrer Schlüssel- und Vorbildfunktion. Viele von ihnen verfügen über keine speziellen pädagogischen Ausbildungen, aber dafür über umso mehr Enthusiasmus. Oft bringen sie die ihnen Anvertrauten sportlich und auch menschlich weiter. Freiwilliges Engagement ist im Fussball somit eine zentrale und unverzichtbare Ressource. Laut Swiss Olympic sind die Ehrenamtlichen mit ihrem Amt sehr zufrieden (42 Prozent) oder zufrieden (51 Prozent), was eine enorm hohe Quote ist. In der Schweiz erfolgt die Übernahme eines Ehrenamtes meist zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr mit einer Dauer von zehn Jahren. Es handelt sich in der Regel um vollzeitlich Berufstätige, die durch einen überdurchschnittlichen Berufsstatus ziemlich eingespannt sind. Häufig haben sie Kinder und fühlen sich vielleicht gerade deswegen motiviert, Kinder oder Jugendliche zu trainieren oder im Klubvorstand mitzuarbeiten.

Big Business
Die Rolle der öffentlichen Hand ist beim Schweizer Breitensport Fussball ganz entscheidend. Denn zu 92 Prozent wird auf öffentlichen Anlagen gespielt, die das Gemeinwesen finanziert. Pro Stunde bezahlt ein Fussballverein für die Nutzung der Anlage im Schnitt nur 3,9 Franken. Dennoch geht es bei den Schweizer Fussballvereinen um grosse Summen. 47 Prozent aller Vereine haben Einnahmen von über 100 000 Franken pro Jahr. 32 Prozent aller Klubs erzielen ein ausgeglichenes Ergebnis, 42 Prozent der Klubs sogar einen Gewinn. Das ist vor allem bei den 25 Prozent Grossvereinen mit mehr als 300 Mitgliedern der Fall. Die Haupteinnahmequellen sind nämlich die Mitgliederbeiträge sowie Werbung und die Festwirtschaft. Dennoch stellt heute für viele Vereine die Gewinnung und Bindung von Trainern und Schiedsrichtern das grösste Problem dar. Bei etwas mehr als 100 Klubs ist diese Problematik zusammen mit Finanzsorgen so gravierend, dass die Existenz gefährdet erscheint.