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Die Forschung bestätigt: Weil wir einzigartig sind und weil wir Sex haben, müssen wir sterben. Dennoch sind Wissenschaftler dem ewigen Leben auf der Spur.

von Ernst Peter Fische

Während die Ärzte in der Vergangenheit versuchten, die Jungen vor dem frühen Tod zu schützen, versuchen sie jetzt, die Alten generell vor dem Tod zu bewahren. Diese Anstrengung verspricht so erfolgreich zu werden wie die erste. Die Menschen scheinen zumindest «unsterblich auf Zeit» geworden zu sein. Diese Situation regt dazu an, über den Tod nachzudenken – unter dem Blickwinkel der Evolution. Der Evolutionsbiologe George C. Williams hat dazu in den 1950er­Jahren festgestellt: «Warum die Evolution den Tod erfunden hat, bleibt ein Rätsel erster Güte. Es ging ihr sicher nicht darum, Platz für nachfolgende Generationen zu schaffen» – auch wenn viele das nach wie vor meinen.

Unsterbliche Bakterien

Die Formulierung von Williams beinhaltet, dass die Erfindung des Todes etwas anderes war als die Erfindung des Lebens und auch zu einer anderen Zeit gelungen ist. In den Worten des Neurobiologen Ernst Pöppel: «Als das Leben erfunden wurde, war der Tod nicht dabei.» Ein wesentliches Kennzeichen der ersten Lebewesen, zum Beispiel Bakterien, sei die Unsterblichkeit ihrer Existenz gewesen. Ernst Pöppel: «Der individuelle Tod kam viel später hinzu.» Es kommt also auf die Individualität an, die Einzigartigkeit. Und sie findet sich nur bei Organismen, die sich sexuell vermehren.

Es liegt am Sex

Tatsächlich hängt der Tod an der sexuellen Fortpflanzung. Sie bringt Individuen hervor, die sterben können. Die Vermehrung per Zellteilung hingegen, mit der sich die ersten Lebewesen begnügen mussten, hat keine Individualität und damit auch keinen Tod zur Folge. Der US ­Biologe Tom Kirkwood sagt dazu: «Wenn man fragt, ob das Altern und das Sterben der Preis für den Sex sind, den wir treiben, dann lautet die Antwort der Wissenschaft, irgendwie schon.» «Irgendwie schon?» Geht das nicht genauer? Nein, denn wenn im Alltag vom Tod die Rede ist, dann meint man den Tod eines oder mehrerer Menschen. Ein Naturwissenschaftler dagegen schaut mehr auf den Tod innerhalb eines Körpers, also auf das Sterben von Zellen, das zum Beispiel geschieht, wenn die Organismen heranwachsen, die aus den Zellen bestehen. Den biologisch nötigen Zelltod nennen die Biochemiker Apoptose, was aus dem Griechischen kommt und Abfallen bedeutet. Damit klingt sofort das Fallen der Blätter im Herbst an, das auch zum Stickstoff ­Recycling geschieht.

Der zum Leben gehörende Zelltod–die Apoptose – ist entdeckt worden, als man untersuchte, wie Organe schrumpfen. Dabei läuft ein Phänomen ab, das als programmierter Selbstmord von Zellen erforscht wird. Die Natur sorgt zunächst für einen Überschuss und wählt im Laufe der Entwicklung diejenigen Zellen aus, die geeignet funktionieren. Wer versagt, erhält das Signal zum Sterben. Alle Zellen tragen also in sich die Möglichkeit des Todes. Und dieser kleine Tod kann besser untersucht werden als das grosse Sterben von Organismen. Nehmen wir die Hefe als Beispiel: Hefekulturen überleben Änderungen ihrer Umgebung am besten, wenn es in ihren Reihen ausreichend Zellen gibt, die sich opfern, die also zeitig sterben. Eine Hefezelle teilt sich nämlich, indem sie eine Knospe bildet, die aus der Mutterzelle herauswächst, an Umfang zunimmt und sich als Tochterzelle abschnürt. Dabei bleibt eine Narbe an der Mutterzelle zurück, was den Gedanken nahelegt, dass eine Hefezelle sich nicht mehr teilen kann, sobald ihre Oberfläche mit Narben bedeckt ist. Obwohl eine Mutterzelle Platz für etwa 100 Narben hätte, lässt sie aber nur rund 25 Töchter entstehen und stirbt dann, was konkret bedeutet, dass sich die Mutterzelle auflöst.

Unsterbliche Krebszellen

Aus dieser Beobachtung stammt die Hypothese, dass natürliches Sterben nach einem «Abzählprogramm» erfolgt. Sie ist durch den Zellbiologen Leonard Hayflick erhärtet geworden. Er hat menschliche Bindegewebszellen im Laboratorium wachsen lassen und konnte dabei feststellen, dass sie nach der 50. Verdopplung aufhörten, sich weiter zu teilen. Man spricht seitdem vom Hayflick­Limit und sucht nach dem dazugehörigen molekularen Mechanismus. Denn man will endlich verstehen, warum es trotzdem Zellen gibt, die diese Grenze überschreiten und sich beliebig oft teilen können, wenn sie nur gut versorgt werden. Gemeint sind die leider unsterblich scheinenden Krebszellen. Ein Mechanismus, der für das Sterben der Zellen verantwortlich ist, hängt mit den Chromosomen von Zellen zusammen, deren Endstücke als Telomere bezeichnet werden. Diese Telomere bestehen aus Buchstabenfolgen, die tausendfach wiederholt werden. Siewerden bei jeder Zellteilung ein Stück kürzer, und es ist zu vermuten, dass eine Zelle über die Länge der Telomere erfährt, wie viele Kopien der Chromosomen sie schon angefertigt hat. Die natürliche Selektion hat dabei Endstücke hervorgebracht, die in etwa zwischen 75 und 90 Jahren halten können. So lange leben Menschen.

Bei Krebszellen verkürzen sich die Telomere nicht. Sie erhalten nach jeder Teilung ihre alte Länge zurück. Biochemiker nennen das hierfür verantwortliche Enzym Telomerase oder auch «Werkzeug der Unsterblichkeit». Die Telomerase wirkt nicht nur in Tumorzellen, sondern auch in den gesunden frühen Zellen, die einen menschlichen Embryo bilden. Auch sie schaffen es nämlich mithilfe der Telomerase, ihre Chromosomen auf konstanter Länge zu halten. Den Begriff Telomerase sollte man sich merken: Mit ihm verknüpft sich die Hoffnung auf Unsterblichkeit und somit die Überwindung des Todes. Die Telomerase spielt auch die Hauptrolle in einem Buch des Fachjournalisten Stephen S. Hall. Die «Kaufleute der Unsterblichkeit» haben in dem gleichnamigen Buch (im Original «Merchants of Immortality») die Laboratorien verlassen, in denen sie unter anderem auf die Telomerase gestossen sind, die der Lebensverlängerung dient. Mit diesem Wissen haben sie sich in die freie Wirtschaft begeben und Medikamente entwickelt, mit denen man «praktisch unsterblich» werden kann – und nicht nur «auf Zeit unsterblich», wie es in der heutigen modernen Medizin bereits der Fall ist. Die Endstücke der Chromosomen sind die Telomere. Diese werden bei jeder Zellteilung kürzer, bis sie soweit aufgebraucht sind, dass das Chromosom stirbt und damit auch die Zelle. Aber wenn die Telomerase die Länge der Telomere wiederherstellt, stirbt das Chromosom nicht und damit lebt die Zelle theoretisch ewig. junge Zelle 1 Telomere Chromosom alternde Zelle tote Zelle unsterbliche Zelle Die Telomere werden bei jeder Zellteilung kürzer. Aufgebrauchte Telomere Die Telomerase stellt die Länge der Telomere wieder her. Einmal angenommen, jemand findet tatsächlich ein wirksames Medikament, das in menschlichen Zellen die Telomerase geeignet aktivieren kann, ohne dabei Krebszellen zu erzeugen. Also, angenommen, es gäbe ein Medikament, das den menschlichen Zellen «die Leugnung der Vergänglichkeit» erlaubt, wie würde sich dann unser Leben ändern?

Die letzte Grenze

Diese Frage stellt sich eher der Gesellschaft als der Wissenschaft. Doch auch Biologen als Lebenswissenschaftler haben einige Gedanken zum Tod formuliert. Sie denken zum Beispiel, dass die Evolution den Fokus auf Vorteile in jungen Jahren gelegt hat (zum Beispiel die Verkalkung von Knochen). Denn in jungen Jahren kann man sich noch vermehren. Um die Auswirkungen im Alter hat sich die Evolution hingegen nicht gekümmert (zum Beispiel die Verkalkung von Arterien). Denn im Alter ist die Fruchtbarkeit vorbei. Da wären wir wieder bei der Vermutung, dass der Tod mit der sexuellen Fortpflanzung zusammenhängt. Bekannt ist auch, dass Molekülsorten wie Sauerstoff und Zucker sowohl lebenswichtig als auch dem Absterben förderlich sind, da sie zugleich Lebensenergie liefern und grosse Gewebeschäden verursachen können. Und so bleibt der Tod auch für die Wissenschaft, was er immer schon war, nämlich ein Geheimnis. Warum wollen wir ihn eigentlich abschaffen? Ohne ihn wäre nicht nur das Leben ärmer, sondern auch die Wissenschaft. Übrigens: Wissenschaft wird von Menschen gemacht, die in der Lage sind, Grenzen zu erkennen, und es lieben, sie zu überwinden. Seit sie leben und denken können, sehen Menschen diese unheimliche Grenze des Todes vor sich. Man sollte sie ihnen lassen. Wenn man sie ihnen nimmt, haben sie nichts mehr zu tun. Sie haben ja dann ewig Zeit.