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Unser Zeitempfinden hat sich stark verändert. Wir haben nämlich mehr Zeit als früher zur Verfügung, aber wir meinen, dass sie immer schneller vergeht. Das hat negative Folgen für die sozialen Kontakte.

Marc Wittmann ist ein besonders interessanter Forscher. Als Humanbiologe und Psychologe untersucht er am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie, wie wir die Zeit wahrnehmen. Der Zeitpsychologe ergründet die gefühlte Zeit und hat dabei eine Psychologie des Zeitempfindens erarbeitet. Aber zuerst noch einen Blick zurück: Vor dem mobilen Telefon waren die öffentlichen Telefone begehrt. Es galt damals, eine Telefonkabine zu finden, aber oft war sie besetzt oder defekt. Ohne Geduld kam es zu keiner Kommunikation. Man benötigte auch Wechselgeld, um telefonieren zu können. In Italien sogar Telefonkarten, die man am Kiosk kaufen konnte. Was ist aus dieser Zeit geworden, die man heute mit dem Griff zum mobilen Telefon gewonnen hat?

Marc Wittmann weiss das wohl auch nicht. Aber er hat festgestellt, dass der moderne Mensch heute das Gefühl hat, weniger Zeit zur Verfügung zu haben. Zudem ist heute Zeit mehr denn je Geld. Mit der Zeit sorglos umzugehen, liegt nicht mehr drin. Darunter leiden soziale Kontakte zunehmend. Denn Zwischenmenschliches muss Wochen oder Monate im Voraus geplant werden. Zeit haben nur noch Arbeitslose oder Obdachlose; Zeit ist Indikator  für das Sozialprestige. Wer erfolgreich ist, was ja die meisten sein wollen, hat wenig Zeit. Dennoch schenken wir der Zeit weniger Beachtung als früher, was paradox ist. Denn wir lassen uns die Zeit stehlen – vom Smartphone, das permanent mit einer Palette von Zeitvernichtern lockt. Weil wir ständig nachschauen, wer angerufen hat, eine Mail übermittelt hat, eine Whatsapp verfasst hat, fehlt die Zeit für Qualitätskommunikation, für ein Treffen im Café, für einen Austausch bei einem Bier, für einen gemeinsamen Spaziergang. Für Wittmann hat das mit verschiedenen Ängsten des modernen Menschen zu tun. «Man muss beschäftigt sein oder zumindest so wirken, um im Arbeits- oder Freundeskontext nicht als Nichtsnutz zu gelten, weil man zu viel Zeit hat», sagte er in einem Interview mit der Wochenzeitung Zeit. Eine weitere Angst ist heute, sich mit sich selber zu beschäftigen. «Wenn wir komplett verlernen, es mit uns selbst auszuhalten», so Wittmann, «verlernen wir eben auch, die Zeit wahrzunehmen, und verlieren dadurch auch Lebenszeit.»