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Spazieren ist etwas Wunderbares! Es hält den Körper gesund, macht den Geist wach und schenkt uns gemütlich gemächliche Einblicke in die Umgebung, die uns dabei umgibt. Wer zusätzlich seinen Blick für diese schärft und sich überlegt, warum er sieht, was er sieht und weshalb das so ist, macht aus dem Spazieren gar eine Wissenschaft, die Promenadologie. Um diese Spaziergangswissenschaft, ersonnen vom Schweizer Lucius Burckhardt und seiner Frau Annemarie Burckhardt, geht es im ersten Teil unserer Juliserie.

von Christine Schnapp

 

Was nehmen wir von unserer Umgebung wahr, wenn wir Routinegänge verrichten wie Besorgungen erledigen, zur Arbeit pendeln, Kinder abholen? Vermutlich eher wenig, weil der Fokus dabei auf dem Ziel des Gangs liegt, für den die Umgebung nur die bekannte und damit vernachlässigbare Fassade bildet und es wohl auch schnell gehen soll. Möchten wir unsere Umgebung bewusst wahrnehmen, so wie man es etwa im Urlaub tut, schaltet man automatisch einen Gang runter und öffnet gleichzeitig bewusst die Sinne. Tut man dasselbe in ähnlicher Manier in der gewohnten Umgebung, kann das zu überraschenden Beobachtungen und Überlegungen führen. Stand hier nicht bis vor Kurzem noch eine kleine Garage? War die Fassade dieses Hauses schon immer gelb, oder war sie früher ocker? Ist die Anzahl Parkplätze in jener Strasse mehr geworden?

Genau um diese bewusste Wahrnehmung der Umwelt ging es Lucius Burckhardt, als er auf der Basis seiner soziologischen und kulturgeschichtlichen Forschungen zusammen mit seiner Frau Annemarie Burckhardt, einer Künstlerin, die Promenadologie oder Spaziergangswissenschaft entwickelte. Mehr als eine Wissenschaft ist es eine Methode, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Burckhardt ging es darum, bewusst zu machen, unter welchen Bedingungen wir unsere Umwelt wahrnehmen und uns darin bewegen – Prägungen, Vorwissen, Bildung, Erfahrung usw. – und diese Wahrnehmung zu erweitern. Durch das konzentrierte und bewusste Wahrnehmen der Umwelt soll das blosse Sehen zu einem Erkennen weiterentwickelt werden. Dafür entwickelte er, basierend auf dem «Urspaziergang», die reflexiven Spaziergänge.

 

Wem sini Stadt? Eusi Stadt!

Am Beginn der Beschäftigung mit der Promenadologie stand die Beobachtung und Sorge Burckhardts, dass sich Städte u. a. mit der Zunahme des Autoverkehrs und einer verstärkt anonymen Bauweise von den Bedürfnissen der Menschen wegentwickeln. «Es scheint uns als ein geradezu naturgegebenes Gesetz, dass öffentliche Verkehrsmittel privatwirtschaftlich abrechnen, der privat motorisierte Verkehr aber auf öffentlich finanzierten Fahrbahnen verkehrt.» «Aber die Umwelt-Verschlechterung war auch eine Folge von Planung: Sie ist eben jener Teil der Planung, den ungeplant zu lassen man sich stillschweigend einig war.» (Lucius Burckhardt in: Wer plant die Planung?)

Als kritischer Planungswissenschaftler widersprach Burckhardt dem technokratischen Ansatz in der Planungswissenschaft dieser Zeit und sah in seiner ästhetischen Methode eine Alternative dazu, die andere Wege zur Lösung von Problemen in der Planung bieten kann.

Dass die Sorge von Lucius Burckhardt berechtigt war und bis heute Handlungsbedarf besteht, lässt sich gut auf einem wissenschaftlichen Spaziergang durch eine durchschnittliche Schweizerstadt erleben. Gehen wir nur schnell Milch und Brot holen, machen wir uns vermutlich nicht viele Gedanken darüber, dass wir uns auf derart schmalen Streifen den Häusern entlanghangeln müssen, dass es sofort eng wird, wenn uns nur schon ein Paar Hand in Hand entgegenkommt. Auf einem wissenschaftlichen Spaziergang hingegen, auf dem man keine Tatsache einfach als gegeben hinnimmt, sondern alles hinterfragt, realisiert man rasch, dass unsere Städte heute noch immer mehrheitlich dem motorisierten Verkehr dienen und eine zunehmende Zahl an Hoch- und anderen Häusern mit glatten Fassaden Menschen nicht warm und offen wirkend willkommen heissen, sondern ihnen mit den kalten Fallwinden, die sich an ihnen stets bilden, nur abweisend ins Gesicht pusten.

 

Wir planen, was wir kennen

Ein anderer Teil der Methode Burckhardts sind kleine, ästhetische Eingriffe in die Umwelt, eine Technik aus der Ethnologie, bei der das Verhalten von Menschen in einer gewohnten Umgebung beobachtet wird, die eine überraschende Veränderung des Gewohnten erlebt haben. So hat er beispielsweise einmal auf einem Spaziergang mit Studierenden einen Parkplatz als Seminarraum benutzt, um die Reaktion der Autofahrerinnen und Passanten auf die Kaperung dieses Freiraums zu beobachten. Bei diesen Versuchen ging es Lucius Burckhardt darum, zukünftigen Planerinnen und Planern persönliche Erfahrungen zu ermöglichen, die planerisch wichtig sind, wie etwa das langsame Überqueren einer vielbefahrenen Strasse. Es ging aber auch darum, den Teilnehmenden ihre Wahrnehmungs- und Verhaltensgewohnheiten auf eine neue Art bewusst zu machen, weil viele Planungsprobleme schlussendlich auf eingefahrenen Wahrnehmungsmustern gründen.

 

Lucius Burckhardt

Der Begründer der Promenadologie wurde 1925 in Davos geboren. Er studierte Medizin, Nationalökonomie und Soziologie in Basel, wo er auch promovierte. Anschliessend arbeitete er an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster in Dortmund. Nach einer Gastdozentur an der Hochschule für Gestaltung Ulm übernahm er Lehraufträge und Gastdozenturen für Soziologie an der Architekturabteilung der ETH Zürich. Darüber hinaus war er zehn Jahre lang Chefredakteur der Zeitschrift «Werk». In den 1980er-Jahren entwickelte er gemeinsam mit seiner Frau Annemarie Burckhardt auf Grundlagen seiner Forschungen zu Soziologie und Urbanismus die Promenadologie und hatte gleichzeitig an der Gesamthochschule Kassel eine Professur für Sozioökonomie urbaner Systeme im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung inne. Burkhardts Werk wurde 1994 mit dem Hessischen Kulturpreis für herausragende Leistungen in den Bereichen der Wissenschaft, Ökologie und Ästhetik mit dem Bundespreis für Förderer des Designs 1995 und dem Design Preis Schweiz 2001 gewürdigt. Er starb 2003 in Basel.

 

Annemarie Burckhardt-Wackernagel

Die Künstlerin, geboren 1930 in Basel, heiratete 1955 Lucius Burckhardt und entwickelte mit ihm zusammen die Methode der Promenadologie. Für Aufsehen sorgte Annemarie Burckhardt 1991 mit einem falschen Katalog für die documenta IX. Als Reaktion auf immer dicker und schwerer werdende Ausstellungskataloge war ihr Kunstobjekt aus Schaumstoff und konnte auch als Kissen verwendet werden. Die Verantwortlichen der documenta reagierten leider nicht mit dem erhofften Humor auf das Werk. Nach der Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl engagierten sich Annemarie und Lucius Burckhardt in Basel, das immer ihr Hauptwohnsitz war, politisch bei der Grünen und Alternativen Partei Basel. Als Grossrätin äusserte sich Burckhardt hauptsächlich zu Fragen der Sozialplanung und Stadtentwicklung. Annemarie Burckhardt starb 2012, postum waren sie und ihr Mann 2017 auf der documenta 14 in Kassel und Athen vertreten.

 

Der Urspaziergang

1976 spazierte Lucius Burckhardt mit seinen Studierenden durch das Dorf Riede und dessen Umgebung in der Nähe von Kassel und begründete mit diesem sozialen Experiment die Promenadologie. Die Gruppe untersuchte dabei den Zusammenhang zwischen Landschaft, Prägung und Kommunikation. Auf einer Karte war der Streckenverlauf eingetragen, darauf sollten alle die für sie bemerkenswertesten Stellen einzeichnen. Interessanterweise war die Übereinstimmung der eingezeichneten Stellen bei den Teilnehmenden gross. Es waren Merkmale, von denen die Studierenden lange davor gelernt hatten, dass sie typisch seien für eine nordhessische Landschaft. Die Zusammenführung von Eindrücken von Wald, Dorf, Weg usw. zum Begriff «typische nordhessische Landschaft» ist eine beachtliche Leistung. Dadurch, dass die Herausfilterung typischer Merkmale bei verschiedenen Betrachtenden sehr einheitlich verläuft, kann gut miteinander über das Gesehene gesprochen und die Eindrücke weitererzählt werden, sodass sie auch verstanden werden.

 

Lucius und Annemarie Burckhardt Professur

Martin Schmitz hatte bei Lucius Burckhardt im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung an der Uni Kassel studiert, bevor er als Autor, Kurator und Lehrbeauftragter tätig war. Seit 1989 ist er Verleger in Berlin und spezialisiert auf die Fachbereiche Architektur, Kunst, Film, Design, Musik und Literatur. Er ist Mitherausgeber der Bücher von Lucius Burckhardt und seit 2016 Vertreter der Lucius und Annemarie Burckhardt Professur an der Kunsthochschule Kassel. Bei einem Spaziergang mit dem Tagesspiegel erklärt Schmitz die Spaziergangswissenschaft so: «[Sie] ist eine Form der Städtebau- und Mobilitätskritik. Man läuft umher, durchaus ziellos, beobachtet, betrachtet und bewertet dabei das, was einem von Stadt- und Landschaftsplanung in und an den Weg gesetzt wurde. Was soll dieser Brunnen hier? Warum nimmt der Weg diesen und keinen anderen Verlauf? Weshalb steht da ein Zaun? Prinzipiell geht es bei meiner Disziplin um die Frage: Wie bewegen wir uns durch die Welt, was nehmen wir dabei wahr, und welchen Einfluss hat beides auf zukünftiges Planen und Bauen?»

 

Buchtipps

Lucius Burckhardt
Wer plant die Planung?
Architektur, Politik und Mensch
Martin Schmitz Verlag, Berlin, 2004.
359 Seiten, Fr. 29.90.
ISBN 978-3-927795-39-6.

 

Lucius Burckhardt
Der kleinstmögliche Eingriff oder die Rückführung des Planeten auf das Planbare
Martin Schmitz Verlag, Berlin, 2013.
191 Seiten, Fr. 26.90.
ISBN 978-3-927795-66-2

 

Ueli Mäder
Raum und Macht
Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit
Leben und Wirken von Lucius und Annemarie Burckhardt (mit DVD)
Rotpunktverlag, Zürich, 2014.
303 Seiten, Fr. 51.
ISBN 978-3-85869-591-8

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