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Gerne orientieren wir uns etwas an anderen. So gibt es nicht nur im Sport oder in der Wissenschaft Vorbilder, sondern auch in der eigenen Familie oder im Bekanntenkreis. Ist das eine sinnvolle Orientierung? Oder gibt es einen besseren Weg?

Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen hat kürzlich sein Buch «Würde» veröffentlicht. «Wir verletzen unsere Würde immer dann, wenn wir einander nicht als gleichwertige Subjekte auf Augenhöhe begegnen», erklärte er in einem Interview. Erhebt man sich also arrogant über andere, fällt es leicht, diese herabzusetzen. Aber wenn man andere anhimmelt, bewundernd nach oben schaut – leidet da die Würde auch? Gerald Hüther hat darauf eine indirekte Antwort: «Nicht alle Menschen machen die Erfahrung, dass sie so, wie sie sind, angenommen und wertgeschätzt werden. Aber nur dann können sie zunächst ein Gefühl, dann eine Vorstellung und schliesslich auch ein Bewusstsein ihrer eigenen Würde entwickeln.» Zu oft würden nämlich viele schon als Kinder zu Objekten der elterlichen Erwartungen gemacht. Dann ist das Risiko gross, in sozialen Kontakten lauter «Vorbildern» zu begegnen, die es vermeintlich besser haben und besser machen. Bei diesem Blick auf seine Umgebung bleibt die eigene Würde auf der Strecke. Hier gilt es, den Blick auf sich zu richten, seine eigene Würde zu entdecken und zu pflegen. «Jemandem, der sich seiner Würde bewusst ist, kann niemand diese Würde nehmen, selbst dann nicht, wenn man ihn noch so unmenschlich behandelt», sagt der Neurologe. Die Würde wird dann zu einer starken Lebensenergie. Deshalb propagierte Immanuel Kant das Bewusstwerden der eigenen Würde, um als Mensch in der individualisierten Gesellschaft bestehen zu können. Allerdings ist der Weg zur eigenen Würde eine Gratwanderung. Als soziale Wesen brauchen wir andere Menschen, um uns zu entwickeln. Wir brauchen den Austausch, um Würde zu erfahren und zu erstarken. Eine gute soziale Selbstfürsorge besteht somit darin, Vorbilder zu wählen, um die eigene Würde zu stärken und Mitmenschen wertschätzend zu begegnen. Denn in der Vermittlung von Würde bei Begegnungen, wächst auch die eigene Würde. Daraus resultieren Kontakte auf Augenhöhe, die gute Gefühle auslösen – beim Gegenüber und bei sich selbst. Die Menschenwürde steht immer in einer Wechselwirkung. Wer gibt, der empfängt – und das erst noch in einer steigenden Dynamik.