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Billiger, besser, umweltfreundlich – aus den Abfällen philippinischer Ananasplantagen entsteht ein Stoff, der Leder aus Tierhäuten überflüssig machen soll: Wie aus einer fixen Idee ein erfolgreiches Unternehmen entstand.

von John Micelli

Gisele Bündchen war da, Livia Firth und Donna Karan – zum ersten «Omina Fashion Summit» im Juni vergangenen Jahres in Costa Rica kamen alle, die ihr Geld mit Mode verdienen, aber dabei kein schlechtes Gewissen mehr haben wollen: Die beiden Modeunternehmerinnen Carmen Busquets und Andrea Somma-Trejos haben die internationale Messe ins Leben gerufen, um Designer, Hersteller und Aktivisten miteinander ins Gespräch zu bringen, um Nachhaltigkeit und sozialen Standards in der Modewelt mehr Achtung zu verschaffen und neue Produkte vorzustellen. Gebannt wartete in San José denn auch die versammelte Prominenz auf den Auftritt von Carmen Hijosa, der Erfinderin von Piñatex, einem Textil aus der Faser von Ananasblättern, das Tierleid überflüssig macht und den Menschen die Arbeit mit giftigen Chemikalien, wie sie bei der Herstellung von Leder benötigt werden, erspart. Denn die Modebranche gilt heute weltweit als einer der grössten Umweltverschmutzer: Im Fokus stehen neben chemischen Hilfsmitteln und Schwermetallen, die in Veredelungsprozessen eingesetzt werden, auch der enorme Wasserverbrauch – 11 000 Liter benötigt zum Beispiel die Herstellung von nur einem Kilo Baumwolle.

Hartes Leder
Eine herausragende Dreckschleuder ist auch die Lederindustrie. Von Europa, wo hohe Lohnkosten und strenge Umweltauflagen den Gerbereien das Leben schwer machten, wurde die Produktion nach Asien ausgelagert. Grösster Lederproduzent weltweit ist zurzeit China. Vorprodukte für die europäische verarbeitende Industrie werden vor allem in Indien, Bangladesch und auf den Philippinen hergestellt. 85 Prozent der heute erhältlichen Lederwaren wurden mit Chrom III behandelt, das in geringen Mengen zwar als ungiftig gilt, sich durch unsachgemässe Behandlung aber in hochgiftiges Chrom VI umwandeln kann. Und auch die Konzentration des eigentlich unproblematischen Chrom III auf landwirtschaftlichen Nutzflächen – durch den Gebrauch belasteten Wassers zur Bewässerung – hat mittlerweile in gewissen Regionen Indiens und Bangladeschs zu einer massiven Verringerung der Ernteerträge geführt. Arbeiter in den Gerbereien sind vielfach ohne angemessene Schutzausrüstung während Stunden giftigen Dämpfen und aggressiven Chemikalien ausgesetzt – zum gesetzlichen Mindestlohn von 60 Franken im Monat –, beispielsweise im indischen Bundesstaat Tamil Nadu.

Der erste Schreck
Carmen Hijosa hatte einst selbst als Beraterin in der Produktentwicklung für die Lederbranche gearbeitet. 1995 wurde sie auf die Philippinen gerufen. Das Handels- und Industrieministerium suchte Beratung für ein neu gegründetes Designzentrum – das südostasiatische Land setzte an, seine Lederindustrie in Schwung zu bringen. Hijosa hatte bis dahin nur mit fertigem Leder zu tun gehabt. In der Stadt Meycauayan auf der grössten philippinischen Insel Luzon aber begrüsst sie als Erstes der Gestank der zahlreichen Gerbereien. Sie erschrickt, als sie die ausgemergelten Arbeiter sieht. «Da schuftet eine Armee von Kranken», denkt sie sich. Die Abwässer landen unbehandelt im Fluss, der denselben Namen trägt wie die Stadt. Aus dem Fluss Meycauayan aber beziehen über eine Viertelmillion Menschen das Wasser für Felder und Gärten, fürs Duschen und Waschen. Und schliesslich mündet der Fluss in die Bucht von Manila, die die Millionenmetropole mit Fischen und Meeresfrüchten versorgt. «Ich habe mich gefragt, wie ich so lange so unfassbar naiv sein konnte», sagt Hijosa im Rückblick. Die Ausbeutung der Arbeiter, das Gift, das in die Umwelt dringt, lassen ihr keine Ruhe mehr – sie beschliesst, nie wieder mit Leder zu arbeiten.

Altbewährt und zukunftsträchtig
Einen Ausweg aus ihrem Dilemma offenbart ihr eine philippinische Tradition: Der Barong Tagalog – ein überlanges Hemd aus einem feinen, durchschimmernden Stoff – wird auf den Philippinen bei festlichen oder förmlichen Anlässen getragen und ist bei der Volksgruppe der Tagalen seit dem 10. Jahrhundert in Gebrauch. Der Pinya-Barong wird aus Ananasfasern gewoben, die in mühsamer Handarbeit aus den Blättern gezogen, zum Trocknen aufgehängt und dann verdrillt werden. Ananasblätter gibt es auf den Philippinen zuhauf – sie fallen bei der Produktion der Früchte für den Weltmarkt als Abfall an und werden bestenfalls verbrannt. Im schlechtesten Fall werden sie einfach weggeworfen und bilden ideale Brutherde für Stechmücken, die dann über das Vieh herfallen.
Das Pinya-Gewebe – reissfest und dehnbar – weckt Hijosas Interesse: Liesse sich daraus ein Ersatz für Leder herstellen? Im Alter von fast 50 Jahren zieht sie um nach Irland, um an der Akademie für Kunst und Design in Dublin Textilwissenschaften zu studieren. Ihre Arbeit mit Pinya wird von der Akademie gefördert, weil das Projekt nachhaltig ausgerichtet ist. Nach Abschluss des Studiums gründet Hijosa eine Firma, die aus Ananasfasern Luxusprodukte herstellt: Kleider, Taschen, Accessoires. Das Geschäft läuft gut – aber Hijosa bleibt zu wenig Zeit für ihr eigentliches Anliegen: die Entwicklung eines vollwertigen Lederersatzes. 2009 fängt sie ein weiteres Mal von vorne an. An der renommiertesten Designakademie der Welt, dem Royal College of Art in London beginnt sie einen Masterlehrgang. Auch in London werden zukunftsträchtige Werkstoffe gefördert – Hijosas Projekt wird in das Innovationsprogramm aufgenommen. Sechs Forscher unterstützen nun ihre Suche, darunter ein Chemiker. Ein Glücksfall, denn mit der Zeit wird klar: Die Moleküle sind das Problem – es gelingt nicht, eine durchgängig feste Masse herzustellen. Nach fünf Jahren intensiver Forschung schaffen sie 2014 den Durchbruch: Wird den Blättern der Steifmacher Pektin entzogen und die Fasern anschliessend verfilzt statt verwoben, entsteht ein Material mit den gewünschten Eigenschaften – von Hijosa Piñatex getauft. Die Internationale Organisation für Normung (ISO) attestiert, dass Piñatex die für Leder geforderten Werte bezüglich Stärke, Farbechtheit, Abnutzung und Flexibilität erfüllt. Hijosa macht mit 62 ihren Abschluss am Royal College, das ihrer Erfindung eine Sonderausstellung widmet. «Das war der wundervollste Tag meines Lebens», beschreibt sie die Vernissage, zu der Medien und Vertreter von Mode- und Textilfirmen kommen. Internationale Marken in der Mode-, Schuh-, Möbel- und Automobil-Industrie interessieren sich für das neue Material, entwickeln Prototypen und testen seine Eignung für ihre Bedürfnisse. Das Unternehmen Ananas Anam – Hersteller von Piñatex und die jüngste Firmengründung Hijosas – hat nur ein Problem: Die monatlich produzierten rund 3000 Quadratmeter des neuen Textils befriedigen die Nachfrage bei Weitem nicht. Wie die Beschaffungswege optimiert werden können und effizienter produziert werden kann, interessiert Hijosa allerdings nur noch am Rande – sie hat sich aus der Geschäftsleitung von Ananas Anam zurückgezogen und forscht an einer anderen Pflanzenfaser. Was daraus werden soll, hat sie kürzlich der Süddeutschen Zeitung verraten: «Ich bin jetzt 66 und bereit für eines der grössten Probleme unseres Planeten: Plastik.» Wir sind gespannt!

Veganes Leder – was steckt drin?
Produkte aus Piñatex werden bisweilen als «veganes Leder» angepriesen, denn der Veganismus liegt im Trend. Hinter dem Begriff verstecken sich aber leider vielfach Kunststoffe wie Polyurethan oder Polyester, deren Ökobilanz dem Leder nicht unbedingt überlegen ist. Zusätzlich verwirren Begriffe wie «Rhabarberleder», ein Material, das zwar umweltschonend produziert wurde, weil mit Inhaltsstoffen aus der Rhabarberwurzel gegerbt, aber nicht – wie der Name vermuten liesse – aus Pflanzenfasern besteht. Erstes Indiz ist vielfach der Preis: Für 14 Franken, so viel kostet derzeit das billigste Paar veganer Schuhe bei einem grossen Versandhaus, kann man weder ein hochwertiges noch ein nachhaltig produziertes Produkt erwarten. Mittlerweile aber interessiert sich selbst die Autoindustrie für umwelt- und tierfreundliche Alternativen zum Leder – im Hochpreissegment noch immer Inbegriff für gehobenen Komfort bei der Innenausstattung –, was die Forschung beflügelt. Bezahlbare, nachhaltig produzierte Ersatzprodukte für Leder werden also hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Süsse Frucht – bittere Realität: Ananas für den Weltmarkt
Die Herstellung von Textilien aus Ananasfasern ist ein Ansatz, eines der Probleme des florierenden Ananashandels zu lösen: das Anfallen von Unmengen an Grünabfall. Bei der Produktion der süssen Früchte aber liegt noch manches andere im Argen. Gemäss Swisscofel, dem Branchenverband des schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels, ist der globale Handel mit Frischobst in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel auf 80 Millionen Tonnen pro Jahr gewachsen. 35 Prozent davon betreffen den Handel zwischen Lateinamerika und Europa. Ananas sind nach Bananen, Äpfeln, Orangen, Mandarinen und Trauben mit jährlichen 3,6 Millionen Tonnen auf dem sechsten Platz. Die Schweiz importiert jährlich rund 22 000 Tonnen frische Ananas und weitere 5500 Tonnen Ananaskonserven. Ananas aus den Philippinen werden vor allem in andere Länder Südostasiens exportiert. Die Schweiz und die EU beziehen ihre Früchte grösstenteils aus Lateinamerika. Grösster Exporteur der Welt ist Costa Rica. In dem zentralamerikanischen Land belegen die Plantagen der US-Fruchtgiganten Del Monte, Dole und Chiquita mittlerweile eine Fläche von der Grösse des Basellands. Wegen der Mückenplage, die von der unsachgemässen Entsorgung des organischen Abfalls der Plantagen verursacht wurde, machen Milchbauern und Rinderzüchter zurzeit vor costa-ricanischen Gerichten einen Verlust von insgesamt 26 Millionen US-Dollar geltend. Und auch die Menschen leiden: Ananas wird in Monokulturen angepflanzt, die aufgrund der fehlenden Biodiversität den weltweit höchsten Verbrauch an Pestiziden generieren – 18 Kilo an giftigen Substanzen, deren Gebrauch in Europa grösstenteils verboten ist, pro Hektar und Jahr. Anwohner und Arbeiter klagen über Hautausschläge und Magenprobleme, auch Krebserkrankungen hätten zugenommen, berichten Hilfswerke. Sie beklagen, dass die Behörden allzu oft wegschauten bei offensichtlichen Verstössen gegen Umweltauflagen oder arbeitsrechtliche Bestimmungen. Doch gegen die Lobby des wichtigsten Exportzweigs des Landes, der rund 27 000 Menschen ein – wenngleich geringes – Einkommen verschafft, ist schwer anzukommen. Und schliesslich bleibe den Produzenten gar keine andere Wahl, solange die Endkunden in Nordamerika und Europa nicht bereit seien, mehr als zwei Franken für die begehrte Tropenfrucht hinzublättern, erklärt der Ökologe Mauricio Álvarez von der Universität von Costa Rica: «Für diesen Preis musst du zu sehr niedrigen Kosten produzieren. Du zahlst geringe Löhne, sparst Sozialabgaben, drückst Steuern. Du nimmst die günstigsten und giftigsten Insektizide und Herbizide, du schmeisst die Pflanzenreste auf einen Haufen und kippst Chemikalien drüber, damit sie schnell verrotten. Du hast keine Rückhaltebecken für die Gifte. Dann müssen die Bauern ihr Land verkaufen, weil die Plantagen ihnen Wasser und Böden vergiftet haben. Und so wird die ganze Region zu einer Ananas-Monokultur.» Besser ist die Bilanz von Früchten aus Fair-Trade-zertifizierten Betrieben, die laut der Max-Havelaar-Stiftung für den Schweizer Markt von Kleinbauern in Costa Rica und aus dem afrikanischen Ghana stammen.