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Wer glaubt, betreibt spirituelle Selbstfürsorge. Und wer fern einer Religion lebt, erfährt keine Spiritualität. Stimmen diese Aussagen? Nein.

Der französische Philosoph und Sorbonne-Professor André Comte-Sponville schaffte mit seinem Buch «Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott» bereits vor über zehn Jahren Klarheit. Compte-Sponville hat mit Gott nichts am Hut, findet aber, dass viele Haltungen des Glaubens für das menschliche Zusammenleben unerlässlich sind. Er denkt da an Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Mitgefühl, Liebe, aber auch an Demokratie und Menschenrechte. Locker formuliert geht es um den Grundsound des Menschseins, um humanistische Werte. Da sie gedacht, verinnerlicht und gelebt sein müssen, um Wirkung zu entfalten, werden diese Werte zur Spiritualität. Es gibt somit eine Spiritualität jenseits von Glauben und Religion, wenngleich die humanistischen Werte weitgehend identisch sind mit christlichen Werten.

Wie gelingt es, diese Spiritualität so im Leben zu integrieren, dass daraus eine Selbstfürsorge resultiert? Nehmen wir die Freundlichkeit gegenüber Mitmenschen, das Mitgefühl, die liebevolle Zuwendung. Es handelt sich dabei immer um Engagements im Sinne eines Gebens, die im Rückfluss zu einer Fülle führen, die oft grösser und bedeutsamer ist, als das, was am Anfang floss. Wer sich am Morgen zum Beispiel auf Freundlichkeit ausrichtet und sich vornimmt, zwei, drei Mal während des Tages besonders freundlich zu sein, erlebt das bewusst und intensiv. Gleiches gilt für das Tagesprogramm Mitgefühl. Man muss da nicht nach Gelegenheiten suchen, um Mitgefühl zu generieren, sondern einfach abwarten, was auf einen zukommt, um bewusst mit Mitgefühl zu reagieren. Auch hier ergeben sich intensive Erfahrungen, die guttun und das Selbstbewusstsein stärken. Es handelt sich nämlich immer um einen Austausch und um eine Auseinandersetzung mit den anderen und der Welt, was zu Antworten auf Fragen des Lebens führen kann. Denn der Mensch lebt in einer Gemeinschaft, die auf Austausch, Solidarität, Respekt und Liebe baut – auf Haltungen des Glaubens, die laut André Comte-Sponville für das menschliche Zusammenleben ganz entscheidend sind. Diese Haltung kann man auch einnehmen, wenn man nicht an Gott glaubt. Dann beginnt die Spiritualität – die das Leben veredelt – mit dem Glauben an den Menschen.