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Wenn es im Leben eine Konstante gibt, dann ist es der Tod. Um ihn herum ändert sich jedoch viel, so auch die Mode, die man am Grab trägt. Dass sich trauernde Menschen schwarz kleiden und sich damit abseits der bunten Bewegtheit der anderen positionieren, ist keine sehr alte Tradition. Lange Zeit war Weiss die Trauerfarbe – auch weil schwarze Stoffe sehr teuer waren.

von Christine Schnapp

«Die Bekleidung hat für Herren und Damen gleichermassen zwar nicht unbedingt schwarz, aber doch sehr dunkel zu sein. Das Hemd ist auf jeden Fall weiss und die Krawatte schwarz – ebenso Strümpfe und Schuhe. Kurze Ärmel und unbekleidete Beine sind stillos, ebenso auffälliger schriller Schmuck. Eine Kopfbedeckung (mit Schleier) ist nur den weiblichen Angehörigen erlaubt.» Dies ist laut dem deutschem «Knigge» heutzutage die adäquate Kleidung auf Beerdigungen. Kinder dürfen Alltagskleider tragen; auf allzu bunte Stoffe und Aufdrucke ist aber zu verzichten. So entspannt sieht man das allerdings noch nicht sehr lange. Bis in die 1960er-Jahre waren die Kleidervorschriften für Trauernde streng, und Bekleidungshäuser verfügten über eigene Trauermodenabteilungen. Doch bevor die Menschen überhaupt begannen, Trauerkleidung zu tragen, drückten sie ihre Trauer durch Veränderungen des Körpers aus. Denn das Tragen von Trauerkleidung setzt eine Kulturstufe voraus, in der das Tragen von Kleidung überhaupt gebräuchlich ist, führt Reiner Sörries, Professor für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte sowie Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel in seinem Buch «Herzliches Beileid, eine Kulturgeschichte der Trauer», aus.

Körperliche Trauerzeichen
Menschen können allein durch die Haltung und die Art und Weise des Umgangs mit ihrem Körper Befindlichkeiten ausdrücken. Solch ein urtümliches Körperzeichen ist etwa die Behandlung von Haupt- und Barthaar durch Wachstum oder radikales Abschneiden, je nachdem, wie die Haare zu Normalzeiten getragen werden. Verbreitet war in der Antike auch das Ausraufen der Haare oder das Bestreuen des Hauptes mit Staub oder Asche sowie das Schlagen und Zerkratzen von Antlitz, Wangen und Busen. Prinzipiell geht es immer um die sichtbare Veränderung des Körpers im Gegensatz zum Aussehen in normalen Zeiten. Abgeschwächte Formen von Trauer signalisierenden Körperzeichen sind das Hängenlassen von Kopf und Schultern und insbesondere der Tränenfluss, der ethnologisch als Trauerweinen bezeichnet wird. Mit der Praxis, im Trauerfall das Gewand zu zerreissen, die in altorientalischen und jüdischen Texten beschrieben wird, beginnt gemäss Sörries das Zeitalter der Trauerkleidung. Reduziert auf einen symbolischen Riss im Gewand, hielt sich dieser Trauerakt in der jüdischen Trauerkultur bis in die Neuzeit. Der Riss steht dabei für den Riss oder die Trennung innerhalb eines Sozialgefüges, die durch den biologischen Tod eines Mitglieds hervorgerufen wird.

Trauerkleidung – Trauertracht – Trauermode
Die drei Begriffe werden oft nahezu synonym verwendet und rufen in unserem Kulturkreis als Erstes den Gedanken an die Farbe Schwarz hervor. Trauerkleidung zu tragen ist ein interkulturelles Phänomen und dient in erster Linie dazu, sich anders zu kleiden als nicht trauernde Menschen. Überdies stellt diese Kleidung einen Schutz der Trauernden vor den Nachstellungen der Toten dar. Die Trauertracht kann als Brauch betrachtet werden, in dem, nach sozialem Status und Geschlecht differenziert, strenge Vorschriften gelten. Trauermode schliesslich ist als anlassbezogenes Herausputzen zu verstehen. In einem vorchristlichen Sinn bedeutet Trauerkleidung einen Schutz vor den Toten. Die Hinterbliebenen verkleiden oder verhüllen sich, damit die Verstorbenen sie nicht mehr erkennen und zu sich in den Tod ziehen können. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Trauerbekleidungen waren Ganzkörperverhüllungen, die die Menschen quasi anonymisierten. Man hielt Ganzkörperverhüllung lange für einen heidnischen Brauch, der auf Vorstellungen basierte, die im Aberglauben wurzelten. Die Menschen empfanden Furcht vor dem Tod, der unfassbar war. Man glaubte, dass die Seele eines Verstorbenen nach dem Tod umgehe und die Orte besuche, wo er gelebt hatte. Es bedeutete Unglück, wenn ein Lebender einer umgehenden Seele begegnete, und man schützte sich deshalb mit gewissen Farben der Kleidung und bestimmten Formen der Gesichtsverhüllung. So entstand die Trauerkleidung in ihrer ursprünglichen Form und Bedeutung. Der heidnische Brauch wurde in christlichen Zeiten beibehalten.
Im Unterschied zu dieser magischen Verwendung von Trauerkleidung diente nun die Trauertracht dazu, trauernde Menschen zu kennzeichnen. Eine Witwe musste sich entsprechend kleiden, damit sie als solche erkennbar war, denn mit ihrem Witwenstatus waren bestimmte Rechte und vor allem Pflichten verbunden. Für Männer galten Trauertrachten in abgemilderter Form. Trauermode schlussendlich ist eine Erscheinung der Neuzeit, als die Menschen ihre Identität sowie ihre Befindlichkeit zum Ausdruck bringen wollten. Im Barock mündete die theatralische Übersteigerung von Leichen- und Trauerkleidung in eigentliche Materialorgien, die immer wieder Verbote nach sich zogen. Schon aus Kostengründen waren diese Gepflogenheiten lange ein Privileg der Oberschicht, und erst im 19. Jahrhundert wurden sie von allen Bevölkerungsschichten nachgeahmt.

Die Last der Trauer trug die Frau
Männer waren grundsätzlich vom Tragen einer Trauerkleidung weniger betroffen. Meist legten sie diese nur zum Begräbnis selbst an, vor allem einen Umhang, Klagmantel genannt. Dazu gehörte eine kapuzenartige Kopfbedeckung, die Gugel, die einen langen Schwanz besass, der sich im Laufe der Zeit zu einem Trauerflor wandelte, bis dieses schwarze Textilband schliesslich auf eine schlichte Armbinde reduziert wurde. Oder der Flor wurde nur noch als Bändchen oder Schleife am Revers getragen. Auch die schwarze Krawatte wurde zum Trauerzeichen. Seit dem 17. Jahrhundert mutierte die Soldatenuniform zu einem feierlichen Ehrenkleid und eignete sich deshalb ebenfalls als Trauerkleidung. Bei den Frauen waren laut Sörries mehr Trauerzeichen gefordert. Sie trugen die Last der Trauer. Die Gründe für den Verzicht auf äusserliche Kennzeichnungen seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts müssen im Kontext der Emanzipationsbewegung gesehen werden. Für die Frauen stellte die Lockerung der Kleidervorschriften eine Befreiung aus der männlichen Bevormundung dar, denn sie waren auch gegen ihren Willen zum Tragen von Trauerkleidung verpflichtet worden.

Trauerflor für die Kollektivtrauer
Der Trauerflor ist als Trauerzeichen auch in der Gegenwart noch gut bekannt. Meist wird er als Zeichen kollektiver Trauer getragen, etwa innerhalb bestimmter Berufsgruppen, wenn um einen verstorbenen Kollegen getrauert wird. Wenn dieser bei der Ausübung seines Berufs gewaltsam ums Leben kam, kann der Trauerflor auch zum Ausdruck von Ohnmacht oder Wut über herrschende Zustände werden. Der Trauerflor hat sich auch zu einem öffentlichen Trauerzeichen gewandelt. Wenn beispielsweise Flaggen nicht auf halbmast gesetzt werden können, versieht man sie alternativ mit Trauerflor. Die länglichen schwarzen Textilbänder stehen dabei symbolhaft für den Fall von Tränen, schreibt Sörries.

In Vergessenheit geraten: Trauerschmuck
Bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts pflegten hauptsächlich Frauen beim Trauern auch speziellen Trauerschmuck zu tragen. Dieser wurde aus billigem, anspruchslosem, aber attraktivem Material gefertigt, bevorzugt aus Gagat, auch Jett genannt, einer dichten, fossilen, polierfähigen Kohle. Alternativen zum modischen Gagat waren schwarzer Schmuck aus Glas, Email, schwarzem Holz, Onyx, später auch Ebonit und Bakelit. Das Material sollte günstig sein, schliesslich wurde es nur für eine begrenzte Zeit getragen und dann wieder gegen wertvollen Schmuck ausgetauscht.

Trauer war nicht immer schwarz
Kulturgeschichtlich ist Schwarz als Kleider- und Trauerfarbe vergleichsweise jung. Sie verdankt ihren Ursprung dem Wandel der spanischen Hoftracht im 16. Jahrhundert, die rasch für alle europäischen Höfe vorbildlich wurde. Voraussetzung war die Möglichkeit, Stoffe schwarz einzufärben. Dies war ein teures Verfahren, das sich nur Begüterte leisten konnten. Schwarz war zunächst Ausdruck einer eleganten Kleidung, die man auch zu Leichenbegräbnissen trug. Erst als die Mode sich wieder änderte und bunter wurde, man aber gleichzeitig Schwarz für die Trauerkleidung beibehielt, mutierte es zur Trauerfarbe. Dieser Übergang zur Trauerfarbe Schwarz vollzog sich zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert, teilweise auch erst im 19. Jahrhundert. Vorher war Weiss die Trauerfarbe, und sie ist es in vielen Kulturen, vor allem in Asien, heute noch. Für ärmere Bevölkerungsschichten war ein schwarzes Gewand oftmals das einzig vornehme und wurde deshalb zur Hochzeit, zum Kirchgang und zu Begräbnissen getragen. Schwarz im überwiegenden oder alleinigen Sinn für Trauer konnte sich erst durchsetzen, als ein gewisser Wohlstand eine umfangreichere Garderobe erlaubte.
Im Bereich der liturgischen Farben war Schwarz in der Kirche zunächst nicht vorgesehen. Die Trauerfarbe für die Passions- und Fastenzeit war Violett. Schwarzgrundige Kaseln für die Totenmesse sind erst für das 16. Jahrhundert belegt.

Vom Sack zum Rock: Die Entwicklung der Trauermode
Im Fin de Siècle wurden Trauerkleider in Europa modisch und damit attraktiv. Auch in den Jahrhunderten zuvor hatten wohlhabende Trauernde es gewagt, Kleider anzuziehen, die sich an der Mode ihrer Zeit orientierten, doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand die Trauer Eingang in die Modezeitschriften. Die Farbe Schwarz wurde in der Modewelt geschätzt wegen ihrer abgründigen und romantisch-schwermütigen Ausstrahlung. Fortan durfte Trauerkleidung auch die andere Funktion übernehmen, die Kleidung hat: den Körper zu zieren und seine Reize zur Geltung zu bringen. In den Jahrhunderten davor dienten Trauerkleider jedoch hauptsächlich der Verhüllung, sie waren schwer, und der Körper darin demütig versteckt. Die Vorform der christlich-abendländischen Buss- und Trauergewänder war der Sack (hebräisch), eine grobfaserige Decke, die man sich mit einem Gürtel um die Hüfte schlang. Der Oberkörper blieb als Zeichen der Demut und Selbsterniedrigung nackt. Aus dem Trauersack entwickelten sich die religiösen Gewänder der ersten Nonnen und Mönche, und aus diesen wiederum die verhüllenden Trauergewänder. Im Laufe der Zeit differenzierten sich die Gewänder in Capes, Trauerkutten und Kapuzenmäntel, man trug Hauben und Schleier, die später zu Cloches (bodenlangen Schleiern) und schliesslich zu Trauerbändern wurden. Wenn sich die Art der Kleider auch änderte, ging es doch immer darum, möglichst viel schwere und glanzlose Stoffe (Krepp) oder kratzige Wolle zu verwenden, die Körper zu versteckten und Demut zu signalisieren. In der griechischen und römischen Antike waren Trauergewänder schwarz; im Abendland setzte sich Schwarz ab der Neuzeit gegen Weiss als Trauerfarbe durch. Weiss verschwand in Europa jedoch nicht gänzlich. In der Halb- oder Abtrauer wurde Weiss getragen, und es wurden weisse Accessoires (Federn) verwendet. In einzelnen Regionen Ost- und Süddeutschlands sowie in slawischen Gebieten und in China wird heute noch Weiss zum Trauern getragen. In Anlehnung an vergilbende Blätter war Gelb in asiatischen Reichen und in der Bretagne eine verbreitete Trauerfarbe. Blau als symbolische Farbe der Verzweiflung, des Firmaments und des ewigen Jenseits sowie Rot als Zeichen für das Blut Christi wurden ebenfalls verwendet. Nur Grün wurde nie zur Trauerfarbe – steht die Farbe doch für das Erwartungsvolle und den erneuernden Lenz. Allenfalls wurden grüne Schmucksteine in Gedenkschmuck getragen: als immergrünes, nie sterbendes Andenken an den Toten.

Quelle: «Schwermut und Schönheit. Als die Menschen Trauer trugen», von Natascha N. Hoefer. Fachverlag des deutschen Bestattungsgewerbes, Düsseldorf, 2010.