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Die Digitalisierung vernichtet Jobs und schafft gleichzeitig neue. Und sie ist die Chance für eine ortsunabhängige, kreative und genügsame neue Art von Arbeit. Die digitalen Nomaden probieren diese schon mal aus.

von Christine Schnapp

«Wir sind nur die Spitze des Eisbergs», sagt der digitale Nomade Lorenz Ramseyer über die digitalen Nomaden in der digitalisierten Arbeitswelt. Und: «Die Schweiz muss dafür sorgen, dass sie nicht abgehängt wird.» Digitale Nomaden? Die Innovationsweltmeisterin Schweiz abgehängt? Wovon spricht der mitteljunge Berner mit dem überaus wachen, freundlichen Blick – Präsident des Vereins Digitale Nomaden Schweiz?

Das Leben ist mehr als Arbeit

Doch erst mal der Reihe nach: Die Arbeitswelt wurde in den vergangenen 20 Jahren mehr und mehr digitalisiert. Zum einen arbeitet heute ein grosser Teil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am Computer und ist permanent online. Um ihre Arbeit zu verrichten, müssten sie eigentlich nicht physisch in einem Büro anwesend sein, sie könnten ihre Aufgaben von überallher erledigen, wo es eine Internetverbindung gibt. Zum anderen sind in den vergangenen Jahren viele Jobs verloren gegangen, dafür sind neue, meist digitale, dazugekommen – eine Entwicklung, die noch weitergeht. Mit offenem Ausgang, notabene. Laut Prognosen werden zwei Drittel der Kinder, die heute zur Schule gehen, dereinst eine Arbeit verrichten, die es heute noch gar nicht gibt. Nun hat insbesondere die jüngere Generation, die um die Jahrtausendwende geborene sogenannte Generation Z,  auf die Veränderungen in der Arbeitswelt reagiert. Es ist die erste Generation, die die Digitalisierung ab der Wiege erlebt hat. Sie kennt deren technischen Möglichkeiten und bezieht sie in allen Bereichen ihres Lebens mit ein. Und vor allem möchte sie die Freiheiten, die die Digitalisierung gerade in der Arbeitswelt bietet, nutzen.

Arbeiten von wo sie wollen, wann sie wollen und wie viel sie wollen. Denn eine 100-Prozent-Tätigkeit und steile Karriere sind für diese Jungen nicht das Lebensziel. Sie wollen eine Arbeit ausführen, die sie persönlich erfüllt und weiterbringt, aber nur so viel arbeiten, dass es zum Leben reicht und noch Zeit für anderes bleibt. Achtsamkeit, Reisen und Erfahrungen sammeln, das ist ihnen mindestens genauso wichtig wie die Arbeit selbst. Es sind die digitalen Nomaden, die die Bewegungsfreiheit, die die Digitalisierung ihnen bietet, nutzen wollen. Das beginnt bei einem Tag Home office pro Woche, wobei man nicht unbedingt zu Hause arbeiten muss, sondern auch in ein Café geht, auf eine schöne Wiese sitzt oder einen Platz in einem Coworking-Space mietet, geht weiter zu denen, die mal einen Monat von Berlin oder Taiwan aus arbeiten und hin zu denen, die gar keinen festen Arbeitsplatz mehr haben, sondern permanent unterwegs sind. Angestellt oder selbstständig zu arbeiten, ist dabei sekundär. Viele digitale Nomaden suchen sich aber zumindest eine teilweise selbstständige Tätigkeit. Und wie reagieren die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen – die meisten von ihnen sind ja weit älter als die Generation Z – auf diese Entwicklung?

Anwesenheit vor Leistung

«Das ist ein Riesenproblem in der Schweiz», sagt Lorenz Ramseyer, «die Arbeitgeber sind darauf noch kaum vorbereitet. Zudem ist bei uns die Kultur der Präsenzpflicht noch immer weitverbreitet und die achtstündige Anwesenheit des Arbeitnehmers wichtiger als das eigentliche Resultatseiner Tätigkeit. Aber wer nicht die Möglichkeit bietet, flexibel zu arbeiten, wird zukünftig nicht mehr die besten Leute kriegen.» Und deshalb droht die Schweiz abgehängt zu werden? «Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist global. Ich kann Leute aus Indien oder Chile anstellen, wenn die das können, was ich brauche. Die sind mit den neuen Arbeitsmethoden vertraut und ihre Lohnkosten sind tief. Schweizerinnen und Schweizer, die erstens die digitalen Arbeitsweisen nicht gewohnt sind und zweitens hohe Löhne brauchen, werden in diesem Arbeitsmarkt schlechte Karten haben. Fast alle Industrieländersind mit der Digitalisierung weiter als die Schweiz.» Ein globaler Arbeitsmarkt? Wo zahlt man dann Steuern? Und wie werden die Sozialversicherungen organisiert?

«Das sind alles Fragen, die in der Schweiz kaum angegangen, geschweige denn gelöst werden. Wir bräuchten dringend eine Fachstelle, die sich darum kümmert. Estland, das digitale Vorzeigeland, bietet heute die E-Residency an. Das ist eine Art digitaler Steuerausweis. Damit kann man in Estland eine Firma eröffnen und zahlt dort seine Steuern, lebt aber nicht im Land.» Ramseyer ist ein digitaler Nomade der ersten Stunde. Bereits vor zwölf Jahren hat er in Peru in einem Hilfswerk als IT-Fachmann komplett digital gearbeitet. Danach war er ein Jahr lang für eine Ausbildung in Australien und hat abends seine Kunden übers Internet betreut. Seine Firma für Digitalberatungen hat er in Singapur gegründet, danach in Vietnam, Indien und auf den Philippinen gearbeitet. Heute hat er einen kleinen Sohn, was die Reisetätigkeit ein wenig einschränkt, aber beileibe nicht ausschliesst. Ist digitales Nomadentum für jeden etwas oder nur für eine privilegierte Gruppe, die es sich wirtschaftlich leisten kann?

«Reines Nomadentum wird immer der Lifestyle einer kleinen Gruppe bleiben, die es sich leisten kann und wenige Verpflichtungen hat, die sie örtlich binden. Darauf, dass die Mehrheit zukünftig zumindest teilnomadisch lebt, sollten wir uns hingegen einstellen. Die Digitalisierung fragt nicht, ob wir sie gerne möchten, sondern sie kommt einfach. Jobs werden verschwinden und auch die, die sich das heute noch nicht vorstellen können, werden sich damit auseinandersetzen müssen, was sie zukünftig arbeiten werden. Wir digitalen Nomaden versuchen, nicht nur die Probleme dieser Veränderungen zu sehen, sondern auch die Chancen, die sich daraus ergeben. Ich bin als freiheitsliebender Mensch froh, nicht fünf Tage die Woche in einem Büro sitzen zu müssen, und ich habe für mich die Tätigkeit gefunden, die ich gut kann und die mir Freude macht. Daneben habe ich viel Zeit für anderes, dafür, die Welt zu entdecken. Aber auch für die Gesellschaft gibt es Chancen. Wir reden auch von verstopften Strassen und öffentlichen Verkehrsmitteln, von Randregionen, die entvölkert werden, weil die Arbeitsstellen in den grossen Städten sind, und von der schwierigen Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kindern.» Aber hat er denn auch mal genug von Handy und Laptop?

«Digitale Nomaden sind weniger online als jemand, der täglich fix acht Stunden im Büro am Computer sitzen muss. Wir arbeiten bewusst weniger als acht Stunden am Tag und schalten das Handy nach der Arbeit ab, um uns Zeit für andere Erfahrungen zu nehmen.»