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Wieviel oder wohin

Es war vor einem Monat. Ein lauer Sommerabend im Berner Freibad Marzili. Ich sehe die offenen Kinderaugen unter Wasser immer noch vor mir. Ist dieser Junge am Tauchen oder am Ertrinken? Er bewegt sich nur noch langsam. Und taucht nicht mehr auf, um Luft zu holen! So bleibt mir nach anfänglichem Zögern nichts anderes übrig, als das fremde Kind aus dem Wasser zu ziehen. Wie froh war ich im Nachhinein über diesen Entscheid! Der Junge war tatsächlich am Ertrinken – es hat nicht viel gefehlt und sein junges Leben wäre zu Ende gewesen. Bis heute kenne ich seinen Namen nicht. Ich weiss nicht, wer er ist, woher er kommt und was sein Leben noch für ihn bereithält. 

Das war ein ausserordentlicher Abend. 

Ausserordentlich? War der Abend wirklich ausserordentlich? Schliesslich bin ich ja tagtäglich mit der gleichen Situation konfrontiert. Jeden Tag sterben unzählige Kinder, deren Name ich nicht kenne und deren Leben ich mit enorm wenig Aufwand retten könnte. Der Aufwand dafür beläuft sich gemäss Schätzungen auf ein paar wenige Tausend Franken – als Spende an eines der maximal wirksamsten Hilfswerke. Mit einem mittleren Schweizer Lohn müsste ich nicht einmal auf einen angenehmen Lebensstandard verzichten und könnte trotzdem jedes Jahr mehreren Kindern die Chance geben, etwas aus ihrem Leben zu machen, statt zu sterben. Jedes Jahr mehrere Male den Abend im Marzili wiederholen! Warum nicht?

Ja, warum nicht? Die Rettung im Marzili fühlte sich nicht als etwas Heldenhaftes an, sondern als etwas Selbstverständliches. Es fühlte sich auch nicht als Pflicht an. Im Gegenteil, ich bin sehr dankbar, im Leben dieses mir unbekannten Jungen eine solche Rolle gespielt haben zu dürfen. Warum sehen wir dann das Spenden immer noch als etwas besonders Grosszügiges statt als etwas Selbstverständliches an? Und: Warum als Pflicht statt als etwas Erfüllendes? Wenn wir mit unserem Geld schon so einfach so enorm viel bewirken können, weshalb sollten wir uns dann zurückhalten? Die Bewegung des «Effektiven Altruismus» setzt genau hier an. Beispielsweise hat sie den «Giving What We Can»-Pledge ins Leben gerufen, den ich mit über 4000 anderen unterzeichnet habe – eine der besten Entscheidungen in meinem Leben. Damit habe ich mich verpflichtet, bis zur Pensionierung mindestens zehn Prozent meines Einkommens zu spenden. 

Wie viel ich spende, ist eine Sache. Wohin ich spende, ist eine andere Sache. Und das «Wohin» ist viel entscheidender als das «Wieviel». Wenn ich sorgfältig prüfe, an welches Hilfswerk ich spende, kann ich zehn-, hundert- oder gar tausendmal mehr Mitmenschen die Tür zum Leben öffnen. Konkret heisst das, nicht einfach dorthin zu spenden, wo ich ein gutes Bauchgefühl habe, wo die Verwaltungskosten niedrig sind, wo das Zewo-Gütesiegel draufsteht, wo ich einen persönlichen Bezug habe oder wo es mir Freude macht. Es bedeutet, dorthin zu spenden, wo die Wirkung maximal ist. Gemäss dem «Effektiven Altruismus» lohnt es sich bei der Frage nach der Wirkung, offen und bescheiden auf die wissenschaftliche Evidenz zu hören. 

Wir sehen Geldspenden oft als etwas Kühles, Abstraktes – ja, fast Liebloses – an im Vergleich mit dem direkten, persönlichen Einsatz für andere Menschen. Dabei hat wahre Nächstenliebe im Alltag kaum irgendwo eine solche Hebelwirkung wie beim grosszügigen und insbesondere sorgfältigen Spenden. Es ist meine Chance, den Marzili-Abend keinen Einzelfall bleiben zu lassen.

Dominic Roser ist Lehr- und Forschungsrat am Interdisziplinären Institut für Ethik und Menschenrechte der Universität Freiburg. Er ist Ökonom und Philosoph.