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Der politische Grundsatzentscheid «Ehe für alle» wirft einige Fragen auf. Dazu ein Interview mit Konrad Hilpert, emeritierter Professor für Moraltheologie. von Stephan Leimgruber

Konrad Hilpert, worin besteht nun genau der Unterschied zwischen traditioneller Ehe und der Ehe für alle?

Es dürfen sich jetzt nicht nur ein Mann und eine Frau verheiraten, sondern auch ein Mann mit einem Mann und eine Frau mit einer Frau. Bisher war es für das Eingehen der Ehe eine selbstverständliche Voraussetzung, dass die zwei, die heiraten wollten, verschiedenen Geschlechts sind. Das entfällt nun. Hingegen gilt weiterhin, dass die Ehe die Institution für eine umfassende Liebes- und Lebensgemeinschaft ist, dass sie Verantwortung füreinander in guten und schlechten Tagen begründet und dass sie auf unbegrenzte Zukunft hin geschlossen wird.

Hinter dem Stichwort «Ehe für alle» verbirgt sich eine neue Bewertung der Homosexualität.

Lange Zeit war man sich ganz sicher, dass Homosexualität ein Zuwider-Empfinden und Zuwider-Handeln gegen die innere Veranlagung des Menschen sei oder aber eine krankhafte Entartung, die unterdrückt oder behandelt werden müsse. Derartige Erklärungen gelten schon seit mehreren Jahrzehnten als wissenschaftlich widerlegt. Man muss also davon ausgehen, dass es Menschen gibt, die eine homosexuelle Orientierung haben, ohne dass sie sich diese ausgesucht haben. Zusätzlich gibt es offensichtlich auch Lebensumstände, unter denen es vermehrt zur Ausbildung homosexueller Gefühle und Praktiken kommt.

Es gibt treue gleichgeschlechtliche Paare. Wenn Sexualität eine gute Gabe Gottes ist, müsste diesen auch der Segen Gottes zugesprochen werden können.

Warum nicht? Nachdem die Einschätzung von Homosexualität als widernatürlich     oder krankhaft ihre Grundlage verloren hat, gibt es auch keinen Grund mehr, entsprechenden Lebensgemeinschaften einen kirchlichen Segen für das Gelingen ihrer Partnerschaft, der gegenseitigen Treue und eine Zusammengehörigkeit, die bereit ist, auch die Lasten und Probleme des anderen mitzutragen, zu versagen. Es ist klar, dass die Einführung einer solchen Praxis in der katholischen Kirche auf Schwierigkeiten und Ablehnung stossen wird. Deshalb hängt viel davon ab, dass man sie den Gläubigen erklärt, begründet und bei der Einführung mit einigem Fingerspitzengefühl vorgeht.

Wie sieht es mit der Mutterschaft gegen Geld aus: Was bedeutet das für die Kinder, wie gehen Leihmütter-Kinder damit um?

Darüber, wie Kinder von Leihmüttern später mit den Umständen ihrer Entstehung umgehen, kann man noch nichts Sicheres wissen; das ist einfach ein zu neues Phänomen. Aber man wird nicht falsch liegen, wenn man vermutet, dass die Aufspaltung zwischen biologischer und sozialer Mutterschaft zumindest für die beteiligten Frauen und mittelbar vielleicht auch für die Kinder schwere Belastungen und Konflikte mit sich bringen kann. Grundsätzlich ist einzuwenden, dass ein Kind und auch eine Schwangerschaft nicht zu den Gütern gehören, die Gegenstand von Geschäften sind und wie Waren und Dienstleistungen behandelt werden, die man gegen Geld tauschen kann. Diese grundsätzliche Andersartigkeit ist ja gemeint, wenn man in Philosophie, Theologie und Recht von der «Würde» des Menschen spricht.

Eine Mutter und ein Vater prägen ihr Kind auf sehr unterschiedliche Weise. Dürfen lesbische oder schwule Paare einem Kind einfach einen Vater oder eine Mutter vorenthalten, weil eine Familie mit zwei Vätern oder zwei Müttern entstehen soll? Hat ein Kind Anrecht auf eine Erziehung durch einen Vater und eine Mutter? Bundesrätin Keller-Suter sagt, dass allein die Liebe entscheidend sei für die Erziehung.

Ein derartiges Anrecht würde ich auch bejahen und unterstreichen. Aber die Sachlage ist nicht ganz einfach. Denn einerseits gibt es auch bei heterosexuellen Eltern häufiger nicht ideale Konstellationen, sodass die Kinder bei nur einem Elternteil oder mit einem Vater bzw. einer Mutter, die ihrer Erziehungsaufgabe nicht gewachsen sind, aufwachsen und zurechtkommen müssen. Und andererseits differenzieren sich in vielen Familien mit gleichgeschlechtlichen Partnern die Rollen so aus, dass sie denen von Vater und Mutter in einer «normalen» Familie gleichen. Die wissenschaftlichen Studien, die es zu diesen sog. Regenbogenfamilien gibt, liefern bislang keine Belege für die Befürchtung, dass Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, Schäden davontragen müssten oder sich ganz anders entwickeln würden als Kinder mit verschiedengeschlechtlichen Eltern. Insofern hat Bundesrätin Keller-Suter zweifellos recht. Dass Elternliebe noch wichtiger ist als bestimmte biologische Voraussetzungen, möchte ich nicht bestreiten. Aber dass die sog. Blutsbande deshalb einfach bedeutungslos seien, lässt sich daraus eben nicht ableiten und wird in der Realität der familiären Beziehungen vielfach widerlegt.

Warum hört und sieht man immer wieder von Kindern, die ihre Eltern nicht kennen, aber alles unternehmen, um sie kennenzulernen? Gehört es zur Identität eines Menschen, seine Wurzeln zu kennen?

Ja, das ist ein erstaunliches Phänomen. Es gehört offensichtlich zur Identität des Menschen, zu wissen, woher er kommt und wer seine Eltern und Grosseltern sind. Deshalb enthalten alle modernen Regelungen für Reproduktionsmedizin Bestimmungen, die dem entstandenen Kind die Möglichkeit garantieren, später, falls es das will, Kenntnis davon zu erlangen, wer seine biologischen Eltern sind. Das setzt natürlich eine sorgfältige Dokumentation voraus. Seit der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 hat das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner eigenen Abstammung völkerrechtliche Verbindlichkeit.

Ist Becherspende – etwa von Studenten – eine feine Sache oder ein bedenklicher Geldverdienst?

Auf diese Weise Geld zu verdienen mag für manche ein lukrativer Nebenjob sein. Aber er ist wohl nicht ganz einfach wegen der erforderlichen Qualität des Samens: Es braucht eine Mindestdichte von Spermatozoen, es müssen durch Bluttests HIV und andere Infektionen ebenso wie genetische Abweichungen ausgeschlossen werden, und das Sperma muss zur Befruchtung geeignet sein usw. Ausserdem spüren wohl viele, dass es keineswegs unproblematisch ist, «Zeugungsmaterial» und das «Projekt» Kind von anderen zum Gegenstand eines so banalen Geschäfts zu machen. Samenspender hüllen deshalb ihren Nebenjob meistens in Anonymität ein. Das ist übrigens auch von den Regularien so vorgesehen, zum Schutz der Spender vor späteren Unterhalts- und Erbschaftsforderungen einerseits und zum Schutz der Familie, in der ein so entstandenes Kind aufwächst, andererseits.

Die Bezeichnung «Spender» und «Spende» in diesem Zusammenhang ist übrigens eine Täuschung. Denn das Charakteristische an einer Spende ist ja gerade, dass sie umsonst gegeben wird, wie das genauso bei einer Kollektenspende wie bei einer Organspende der Fall ist.

Warum wird gesellschaftlich ein unbekannter Samenspender für eine Mutterschaft besser akzeptiert als ein bekannter Samenspender?

Die Möglichkeit, Samen von einer bekannten Persönlichkeit zu wählen, ist mit  dem Risiko verknüpft, dass unter der Hand eine fantasierte einseitige Beziehung entstehen könnte. Das wollen Spender in aller Regel gerade vermeiden, weil daraus Ansprüche auf Unterhalt, Erbe, Teilhabe an Ruhm und Erfolg, Name usw. und entsprechende Auseinandersetzungen entstehen könnten. Dazu kommt die Sorge von Gesellschaft und Politik, dass man auf diese Weise der Möglichkeit des Designer-Babys (ein nach eigenen Wünschen fabriziertes Kind) näherkommen könnte.

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