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Wer sich in den Finger schneidet, greift zur Notfallapotheke und klebt ein Pflaster auf die Wunde. Gibt es auch eine Soforthilfe bei einer seelischen Verletzung?

Wenn es aus der Wunde blutet, ist der Fall klar. Es handelt sich um eine Verletzung, die eine Intervention erfordert, damit das Blut nicht noch mehr tropft. Bei emotionalem Stress, konkret einer seelischen Verletzung, setzt in der Regel keine logische Massnahme ein. Die Gründe dafür können zahlreich sein. Angefangen beim Umstand, dass man sich die Verletzung gar nicht eingestehen will, bis hin zu einem Gefühl der Ohnmacht, das lähmend wirkt. Dies hat mehr oder weniger immer mit dem Irrtum zu tun, dass negative Gefühle aus Verletzungen kontrolliert, reduziert und am besten ignoriert werden sollten. Diese Haltung kann jedoch die Schleusen für noch schlechtere Gefühle öffnen und eine Negativspirale in Gang setzen. Deshalb: Gefühle aus seelischen Verletzungen müssen behandelt, bewältigt werden – ebenso rasch wie eine Schnittwunde. Aber wie? Innere Stressoren wie Enttäuschung oder Wut können laut einer Studie der University of California zu langen Nachwirkungen führen. Es gilt deshalb, negative, belastende Gefühle wahrzunehmen, wenn sie aufsteigen. Denn negative Gefühle werden zu einem erneuten Stressor – es kommt zur Akzeleration des Negativen. Das führt dazu, dass das ausschlaggebende Ereignis verzerrt wahrgenommen wird, oft überzeichnet, mit einer Bedeutung, die gar nicht der Realität entspricht. Der Verstand löst so noch eine Verschlimmerung der ganzen Situation aus. Laut Neurologen schlagen sich solche Mechanismen in der Grosshirnrinde als Gedächtnisspuren nieder, die bei ähnlichen Auslösern sofort wieder reaktiviert werden. Aus der Notwendigkeit des Überlebens erinnert sich das Gehirn zudem ohnehin viel besser an Negatives als an Positives. Dies gilt es mit dem Griff in die Notapotheke zu vermeiden. Mangelt es zum Beispiel an Respekt, Wertschätzung, Fairness, Wohlwollen oder Freundlichkeit, resultiert eine Kränkung, eine emotionale Verletzung. Ihr soll man als «emotionales Pflaster» eine positive Selbsteinschätzung und Komplimente von Dritten gegenüberstellen. Das ist Gedankenarbeit, die Selbstdisziplin abverlangt, aber Selbstvertrauen aufbaut, Geschehenes relativiert und innere, heilende Sicherheit generiert. Entgegengesetzt zu handeln, weckt positive Gefühle, die vor negativen Folgen schützen.

Anton Ladner