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Norwegen bringt mit seinen 5,2 Millionen Bewohnern die Welt immer wieder zum Staunen. Vergangene Woche als Gastland an der Frankfurter Buchmesse und nun an den Literaturtagen Zofingen mit dem Motto «Der Traum in uns». Norwegen scheint es auch gelungen zu sein, einen Traum für ein ganzes Volk zu realisieren. Aber nur fast.

von Anton Ladner

Wenn Norweger schreiben, dann schreiben sie nicht auf Norwegisch, sondern in der Buchsprache Bokmål . Sie basiert überwiegend auf dem Dänischen und zu einem kleinen Teil auf urbanen norwegischen Dialekten. Printprodukte in Bokmål haben deshalb einen beschränkten Absatzmarkt. Dennoch floriert die norwegische Literatur beispielhaft. Das verdankt sie dem Bibliotheksgesetz, das seit 1947 besteht und den kostenlosen Zugang sowie das kostenlose Angebot für alle Einwohner Norwegens verankert. Das Gesetz hat zu 892 kommunalen, 336 wissenschaftlichen und 19 nationalen Bibliotheken geführt. Was in der Landesprache erscheint, kaufen die Bibliotheken gleich in mehreren Exemplaren. Mit dieser indirekten staatlichen Förderung ist eine erste Auflage schnell verkauft. Damit gilt Norwegen in der Literaturförderung weltweit als vorbildlich.

Szenenwechsel: In keinem Land sind die E-Mobile so verbreitet wie in Norwegen. Oslo gilt als Welthauptstadt des Elektroautos. Langfristiges Ziel ist, die Privatautos aus der Innenstadt zu verbannen, damit die E-Busse völlig freie Fahrt haben. Ab 2025 werden in Oslo keine Benzin- und Dieselfahrzeuge mehr zugelassen. Diese Umstellung wird mit zahlreichen Anreizen beschleunigt. Für E-Autos muss keine Mehrwertsteuer von 25 Prozent entrichtet werden und auch die Gebühr für die Fahrt in die Innenstadt entfällt. Das macht Elektroautos oft günstiger als benzinbetriebene Modelle. Hinzu kommt, dass E-Autos in verschiedenen Städten die Spur der Busse benutzen dürfen und auch noch gratis parkieren können. Die inzwischen 8500 Ladestationen, vor allem im südlichen Norwegen, haben die E-Modelle zu einer attraktiven Alternative zu den Autos mit Verbrennungsmotoren gemacht. So stark, dass jetzt in Oslo über die Streichung dieser Privilegien nachgedacht wird, weil nun wiederum die E-Autos die Strassen verstopfen. Zudem kostet die Subventionierung der Elektromodelle den Staat eine Stange Geld, was er sich aber gut leisten kann.

Dieser Staat verfügt nämlich mit dem Oljefondet über den grössten Staatsfonds der Welt. Am 31. Dezember 2018 belief sich das Vermögen auf 910 Milliarden Franken. Der Fonds soll den Wohlstand künftiger Generationen sichern. Denn Norwegen war vor der Erdölgewinnung bis in die 1960er-Jahre ein armes Land. Der Staatsfonds wagte, was andere Staatsfonds nicht wagten. Er investierte zwei Drittel in Aktien weltweit. So gehört der Oljefondet auch zu den bedeutenden Aktionären von Credit Suisse (5,06 Prozent), UBS (3,24 Prozent), Nestlé (2,33 Prozent), Novartis (2,03 Prozent) und Roche (2,19 Prozent). Das investierte Geld stammt aus den Erdölexporten. 2018 stand Norwegen auf Rang 14 der Erdölförderländer. Der Staatsfonds investierte die Erlöse daraus aber auch in Energiekonzerne (unter anderem: BP, Chevron, Gazprom), was zu wachsender Kritik geführt hat. So beschloss das Parlament diesen Sommer, zwölf Milliarden Euro aus über 150 Öl- und Kohleunternehmen abzuziehen. Begründet wurde die Umverteilung von der zuständigen Parlamentskommission nicht ökologisch, sondern vor allem wirtschaftlich. Man wolle die Abhängigkeit vom Erdölsektor verkleinern. Denn die norwegische Wirtschaft sei mit ihrer Abhängigkeit vom Erdöl verwundbar. Beim Rückzug aus dem Kohleabbau waren hingegen Klimabedenken ausschlaggebend.

Ein Grundproblem bleibt aber bestehen. Die stark naturverbundenen Norwegerinnen und Norweger setzten ganz auf die grüne Karte – schon Anfang der 1990er-Jahre mit einer CO2-Steuer. Mit ihr will Norwegen den CO2-Ausstoss reduzieren und einen Beitrag leisten, den Klimawandel zu begrenzen. Mit der Einführung der CO2-Steuer wurden andere Steuern gesenkt. Möglich war das dank der Einnahmen, die mit der Erdölförderung erzielt werden. Exportiert ins Ausland verursacht es als Heizöl, Benzin oder Diesel einen gigantischen CO2-Ausstoss. Fazit: die heile Welt, der realisierte Traum zu Hause, der Dreck im Ausland. Aber die Klimaerwärmung macht vor Landesgrenzen keinen Halt. Das muss auch Norwegen in seinem ambivalenten Verhältnis zu Umwelt und Nachhaltigkeit schmerzlich zur Kenntnis nehmen.