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Die Schweiz, das Wasserschloss Europas, bezieht über vier Fünftel des im Inland verbrauchten Wassers aus dem Ausland. Als sogenannt «virtuelles Wasser» versteckt es sich in importierten Konsumgütern und Alltagsprodukten. Wo dieses Wasser drinsteckt und wo es fehlt.

von John Micelli

Am meisten Wasser importiert die Schweiz aus Afrika, konkret aus Ghana, einem der Schwerpunktländer für die wirtschaftliche Zusammenarbeit des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Der westafrikanische Staat hat 2016 Südafrika überholt und ist seither mit einem jährlichen Handelsvolumen von rund 2,4 Milliarden Franken wichtigster Handelspartner der Schweiz auf dem Kontinent. Die Schweiz importiert vom Golf von Guinea vor allem zwei Dinge: Gold und Kakaobohnen. Die benachbarte Elfenbeinküste und Ghana produzieren heute gemeinsam fast zwei Drittel des ganzen Kakaos für den Weltmarkt – nachdem im 19. Jahrhundert Basler Missionare die ursprünglich in Zentral- und Südamerika beheimatete Bohne an die Westküste Afrikas gebracht hatten. Der Sissacher Johannes Haas – erster Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Akropong, 50 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Accra, hatte 1857 Samen aus Surinam in Ghana angepflanzt, scheiterte aber an mangelndem Regen. Erst rund 20 Jahre später gelang es dem heute als Volkshelden verehrten Einheimischen Tetteh Quarshie, im weiter nördlich gelegenen Mampong erstmals erfolgreich in Afrika Kakao zu züchten.

Wasser ist nicht gleich Wasser
Der bis zu 15 Meter hohe Kakaobaum aber ist ein Säufer: 27 000 Liter Wasser benötigt die Produktion – Anbau und Verarbeitung – von einem Kilo Kakao. Eine 100-Gramm-Tafel Milchschokolade schlägt mit durchschnittlich 1700 Litern Wasser zu Buche. Die Schweiz verarbeitete im Jahr 2016 zwar nur rund drei Prozent der weltweit verbrauchten vier Millionen Tonnen Kakaobohnen. Mit dem Rohmaterial aus Ghana aber importierte sie gemäss einer Studie des WWF Schweiz auch 668 Zettaliter virtuelles Wasser – was über einer Billion Mal dem Volumen des Bodensees entspricht. Vom Nachbarland Elfenbeinküste bezieht die Schweiz neben Kakao auch Kaffee, was zu einem versteckten Wasserimport von 517 Zettaliter führt, und aus Brasilien neben Kaffee und Kakao auch Soja und Rindfleisch, was dem südamerikanischen Land mit 488 Zettaliter zum dritten Platz gereicht. Nochmals zur Verdeutlichung: In Litern wären das Zahlen mit jeweils 21 Nullen. Kaffee alleine macht rund sechs Prozent des globalen Wasserhandels aus, denn auch diese Tropenpflanze hat grossen Durst: Zur Herstellung eines Kilogramms gerösteten Kaffees braucht es durchschnittlich 21 000 Liter Wasser. Eine Tasse des beliebten Muntermachers benötigt insgesamt gleich viel Wasser wie ein Vollbad. Problematisch ist allerdings nicht in erster Linie der hohe Wasserverbrauch, denn sowohl Kaffee wie auch Kakao werden mehrheitlich in Regionen angebaut, wo es hohe Niederschläge gibt. So liegen zwar die Produktionsländer Venezuela, Ecuador und Tansania gemäss Berechnungen der Vereinigung Deutscher Gewässerschutz mit rund 48 000 beziehungsweise 34 000 und 26 000 Litern Wasser pro Kilogramm Kaffee deutlich über dem weltweiten Schnitt – in tropischen Bergregionen aber ist dank üppigen Niederschlägen Wasser im Überfluss vorhanden. Wenn aufgrund steigender Nachfrage der Kaffeeanbau allerdings ins Tiefland wuchert – wie im brasilianischen Bundesstaat Bahia zum Beispiel – wird mit künstlicher Bewässerung nachgeholfen und den Ökosystemen damit eine zentrale Ressource entnommen. Um die unterschiedliche Herkunft des Wassers – und damit die Problematik – zu verdeutlichen, spricht man im Zusammenhang mit virtuellem Wasser deshalb von grünem, blauem und grauem virtuellem Wasser: Grün meint die Menge an Regenwasser, die im Boden gespeichert ist und von den Pflanzen aufgenommen wird. Als blau gilt Wasser in der künstlichen Bewässerung, das aus dem Grundwasser, aus Flüssen und Seen entnommen wird. Und unter grauem virtuellem Wasser schliesslich ist die Wassermenge zu verstehen, die im Herstellungsprozess eines Produkts verschmutzt wird und daher nicht mehr nutzbar ist.

Endliche Ressource
Ziel der Studie des WWF war es, aufzuzeigen, wo der hohe virtuelle Wasserverbrauch der Schweiz die stärksten negativen Auswirkungen auf Mensch und Natur hat. Um verlässliche Daten zu erhalten, wurden für die Studie verschiedene Faktoren berücksichtigt: die klimatischen und geografischen Bedingungen in den Produktionsgebieten, die Art des Anbaus, die aktuelle Nutzung der Flächen durch die Bevölkerung und die jeweilige Verfügbarkeit von Wasser aus Grund- und Oberflächengewässern. Den «Wasserstress» entscheidend verschärft die Schweiz nach dieser Analyse in Spanien und der Türkei. Die Türkei ist weltweit wichtigster Produzent von Nüssen – Mandeln, Pistazien und Haselnüssen. Die Schweizerinnen und Schweizer auf der anderen Seite sind gemäss FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die grössten Verbraucher von Haselnüssen – über zwei Kilo pro Person und Jahr importiert unser Land. Türkische Haselnüsse sind wegen ihrer hohen Qualität sehr begehrt; rund acht Millionen Menschen in der Türkei leben von ihrem Anbau. Klassisches Anbaugebiet ist die niederschlagsreiche Schwarzmeerküste Anatoliens. Um aber die steigende Nachfrage zu bewältigen, breitet sich der Anbau seit einigen Jahren westwärts aus, wo zwar die Böden fruchtbar sind, aber die Niederschläge fehlen und deshalb künstlich bewässert werden muss. Durch die zunehmend ganzjährige Bewässerung werden dem Grund- und Oberflächenwasser Mengen entzogen, die sich selbst in regenreichen Perioden nicht regenerieren können. Wo aber mehr als die Hälfte der neu gebildeten Wasserressourcen genutzt werden, wächst das Risiko von Knappheit und Dürre – das betrifft neben der Türkei weite Teile Süd- und Südosteuropas, Nordafrika, Teile der USA, Indien, Pakistan und weitere Länder Asiens. Spanien investiert bereits drei Viertel seines gesamten Wasserverbrauchs in die Bewässerung von landwirtschaftlichen Nutzflächen. In der südspanischen Region Andalusien arbeitet fast ein Viertel der Beschäftigten in der Lebensmittel- und Agrarindustrie, dem Sektor, der auch knapp ein Viertel der industriellen Wertschöpfung der autonomen Gemeinschaft Andalusien generiert. In unmittelbarer Nähe der trockensten Landschaft Europas, der Wüste von Tabernas – aufgrund der Ähnlichkeit zu nordamerikanischen Wüsten Drehort zahlreicher europäischer Western –, werden Früchte und Gemüse für Europa gezüchtet. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche Andalusiens muss künstlich bewässert werden. Noch grösser als die geografische Ausdehnung ist die sozioökonomische Bedeutung der bewässerten Flächen für Andalusien: Auf diesen werden 67 Prozent des landwirtschaftlichen Einkommens der Region erzielt. Seit 1995 seien in Andalusien Bewässerungssysteme auf fast der Hälfte der Fläche dieses Landes modernisiert und der Wasserverbrauch damit um knapp zehn Prozent gesenkt worden, steht in einem Bericht des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung des Europäischen Parlaments. Trotzdem hat gemäss dem gleichen Bericht der Vogelbestand – Andalusien ist durch seine Lage zwischen Mittelmeer, Atlantik und der Strasse von Gibraltar und dank zahlreichen Feuchtgebieten ein wichtiges Durchzugsgebiet für Zugvögel – im gleichen Zeitraum um 34 Prozent abgenommen. Fast die Hälfte des andalusischen Wassers stammt aus Grundwasserspeichern, die bald erschöpft sein könnten. Ausserdem führen Ackerbau und Viehzucht zu Wasserverschmutzungen – knapp 20 Prozent der Fläche Andalusiens gelten als nitratgefährdet. Und die Aussichten sind alles andere als rosig: Der Klimawandel wird die hohe Unregelmässigkeit bei der räumlichen und zeitlichen Verteilung der Niederschläge in Zukunft verstärken und so das diffizile Wassermanagement in der Region weiter erschweren.

Sündige Früchtchen
20 Milliarden Liter Wasser jährlich – oder ein Drittel der in der Region verfügbaren Wasserressourcen – versickern auf Erdbeerfeldern. Die Provinz Huelva im Südwesten Andalusiens produziert auf rund 6000 Hektaren fast ein Viertel der europäischen Erdbeerproduktion. Die Kosten für die Bewässerung fallen dabei dank extrem tiefer Wasserpreise kaum ins Gewicht – trotzdem stammt fast die Hälfte des Wassers aus illegal gebohrten Brunnen, die dem Grundwasser jährlich Mengen entnehmen, die gemäss Berechnungen des WWF zur Versorgung von 58 Millionen Menschen reichen würden. Ein Kilo Erdbeeren braucht im Schnitt bis zur Erntereife 276 Liter Wasser – eine Menge, die bei saisonal in der Schweiz angebauten Erdbeeren niemandem Bauchweh bereitet, weil hierzulande von Mai bis Juli genügend Regen fällt. Dumm nur, dass die Grossverteiler ihre Höchstwerte im Verkauf bereits im März und April erreichen. Knapp 15 000 Tonnen Erdbeeren importiert die Schweiz deshalb im Jahr – natürlich grösstenteils aus Spanien.

142 Liter pro Tag
Es wurde viel getan in den vergangenen Jahrzehnten: Dank dem Ausbau der Abwasserreinigung seit 1980, dem Verbot von Phosphat in Textilwaschmitteln im Jahr 1985 und der Ökologisierung der Landwirtschaft seit 1990 nimmt die Belastung des Wassers von Schweizer Flüssen und Seen laufend ab. Die Hochwasser von 1999, 2005 und 2007 bewogen den Bund zu einem Strategiewechsel. Durch Renaturierungen bekommen die Gewässer wieder mehr Raum, was nicht nur die Hochwasserschäden verringert, sondern auch die Wasserqualität verbessert. Und nicht zuletzt ist auch der Wasserverbrauch von Privathaushalten und Industrie gesunken – leider aber ist die Zeit noch nicht gekommen, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: Die im Inland verbrauchten Wassermengen stellen nämlich nur einen kleinen Teil dessen dar, was wir wirklich jeden Tag beanspruchen. 142 Liter pro Person und Tag brauchen wir fürs Trinken, Kochen und Duschen, so die Berechnung des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches. 6082 Liter sind es, wenn man auch das virtuelle Wasser berücksichtigt.