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Die Jagd nach Bewunderung hat wenig mit sozialer Selbstfürsorge zu tun, denn je grösser die Anstrengung danach, desto geringer die Beute. Die gesuchte Bewunderung stellt sich aber automatisch ein, wenn man sich einfach auf sein Gegenüber einlässt.

Elsa liebt Gäste zum Essen. Der Ablauf ist immer sehr ähnlich gestaltet. Das gilt auch für die Gesprächsform. Elsa spricht über Emotionen. Sie schildert zum Beispiel, was sich im Buch ereignet, das sie gerade liest. Sie wählt dabei die Worte präzis und nimmt Anteil am Protagonisten ‒ wie er leidet oder hofft. Manchmal wählt Elsa als Sujet einen Film, den sie gesehen hat. Sie schildert die Rahmenhandlung, rollt die Grundproblematik auf und stürzt sich dann auf die Einzelschicksale. Die intensive Schilderung fordert die Gäste auf, innezuhalten, das Besteck auf den Tellerrand zu legen und an ihren Lippen zu hängen. Elsa mag solche Auftritte. Sie scheint damit ihren sozialen Haushalt alimentieren zu wollen. Das gelingt aber offenbar nicht richtig, denn seit Jahren zelebriert Elsa immer wieder das Gleiche. Denn gedachte Emotionalität ist keine gelebte Emotionalität. Kann das dennoch eine Form der sozialen Selbstfürsorge sein? Eher ein Ersatz, weil gedachte Emotionalität nicht die Qualität von Emotionen im zwischenmenschlichen Austausch hat. Was könnte Elsa ändern, um zu Live-Emotionen zu kommen? Statt sich mit den fiktiven Protagonisten zu verbünden, Anteil an ihnen zu nehmen, Mitgefühl für sie zu generieren, könnte sie diesen emotionalen Aufwand mit ihren Gästen leisten. Das ist ganz einfach mit simplen Fragen möglich: Wie geht es dir? Hast du viel Stress? An was arbeitest du gerade? Da entsteht ein Austausch, der immer von Emotionen begleitet ist. Denn die Anteilnahme am Gegenüber führt auch zu einem Mitgefühl des Gegenübers, zu einer Wechselwirkung, die allen guttut. So wird ein Essen zu einem warmherzigen Zusammensein statt zu einer Bühnenaufführung. Und der Gewinn des Abends ist in der Regel das Gefühl, sich nähergekommen zu sein, sich verbunden zu fühlen. Das hat die Qualität einer Kraftquelle und ist deshalb eine gute soziale Selbstfürsorge. Elsas Bühnenvorstellung hingegen führt zu Defiziten bei den Gästen, Emotionen bleiben auf der Strecke, auch für die Gastgeberin. Die Selbstzelebrierung, um Bewunderung auszulösen, bleibt meistens ein defizitäres Unterfangen. Für alle Beteiligten.

Anton Ladner