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Beim Gehen denkt es sich besser. Das weiss die Hirnforschung schon lange. Nichts liegt also näher, als Gehen und Lernen miteinander zu verknüpfen, wie Katrin Seele in ihrem Buch über die sogenannte «Peripatetische Unterrichtsmethode» erklärt.

Was die Vorteile dieser Methode sind und was Schulen für den Unterricht daraus profitieren können, verdeutlicht die Dozentin der Pädagogischen Hochschule Bern.

von Christine Schnapp

Katrin Seele, «Peripatetische Unterrichtsmethode» klingt kryptisch. Was versteht man, einfach erklärt, darunter?

Es geht darum, im Gehen zu denken. Dabei werden gezielt Lerninhalte auf einem Spaziergang im Gehen erarbeitet, diskutiert und reflektiert. Somit zählt die Methode zu den bewegten Lernformen. Vielleicht einige Beispiele: Es macht einen Unterschied, ob Sie Passagen über die «grauen Herren» und die Welt der Kinder in Michael Endes Roman «Momo» im Schulzimmer besprechen, in einer geschäftigen Innenstadt oder einem tristen Wohnquartier. Oder ob Sie Fragen der Tierethik im Seminarraum oder beim Spaziergang durch einen Zoo behandeln und Auge in Auge mit einem Primatenaffen sind.

Und woher kommt der Name «peripatetisch»?

Das griechische Verb peripatein bedeutet umherwandeln. Der Name spielt zudem auf den Peripatos an, die Schule des Aristoteles‘ im antiken Athen. In der Antike wurde viel im Gehen philosophiert, gelehrt und gelernt. Fast alle sokratischen Dialoge finden unter freiem Himmel statt. Und in der Gegenwart gibt es verschiedene bewegte Unterrichtsformate – in Heft 7/2020 haben Sie die «Promenadologie» porträtiert. Auch gibt es Ansätze aus der Schulpädagogik, die auf bewegte Lernspiele oder Bewegungspausen im Unterricht setzen – allerdings in der Schule, nicht an ausserschulischen Lernorten. Die peripatetische Methode betont die philosophische Tradition und stellt die Gleichzeitigkeit von Gehen und Denken ins Zentrum. Die reflektierende Verknüpfung von Lerninhalt und Geh-Umwelt steht im Fokus. Reflexion wird so zu einem ganzheitlichen Erlebnis.

Wie muss man sich Lernen im Gehen ganz praktisch vorstellen – ohne Bücher, Tisch, Computer usw.?

Es gibt ein Handout zum Spaziergang mit dem Lerninhalt, z. B. kurze Textausschnitte, evtl. Fragen oder Aufgabenstellungen. Wenig Text, denn lesen und schreiben im Gehen sind unbequem. Der peripatetische Spaziergang hat festgelegte Treffpunkte und -zeiten. Dazwischen gehen die Teilnehmenden wahlweise in Gruppen oder auch mal allein. Sie reflektieren und diskutieren im Gehen und mit wachem Blick in ihre Umgebung. Gruppen sind unterwegs fluide, man kann sich zurückfallen lassen oder durch schnelleres Gehen zu anderen Personen aufschliessen. Ein begrenztes Spazier-Areal wird definiert – das können einige Strassen in einem Quartier sein, bestimmte Waldwege, ein Park. Die räumliche Begrenzung gewährleistet, dass sich die Wege der Gruppen unterwegs kreuzen und man mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch kommen kann. Auch die Lehrperson ist potenzielle Gesprächspartnerin unterwegs.

Ein Spaziergang dauert 30 bis 60 Minuten. Idealerweise sollte man nicht stehenbleiben, sondern stetig gehen. Es ist eine wichtige Erfahrung, nicht sofort alles notieren oder abspeichern zu können. Sich auf sein Erinnerungsvermögen zu verlassen und die Eindrücke «im Kopf» mitzunehmen. Und darauf zu vertrauen, dass im Gespräch nach Ende des Spaziergangs die wichtigsten Erkenntnisse erinnert und notiert werden können. Denn am Ende jedes Spaziergangs gibt es ein Zeitgefäss für die Besprechung, die Ergebnissicherung und Zeit für Notizen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Gehen und Lernen miteinander zu verbinden?

Die Idee entstand im eigenen Studium. Gerade wenn man geisteswissenschaftliche Fächer studiert, beschäftigt man sich zwar inhaltlich-thematisch mit der ganzen bunten Welt, die in den Texten beschrieben ist – aber sitzt selbst im Seminarraum oder am Schreibtisch. Mein Mann und ich haben daher vor 20 Jahren eine studentische Initiative namens «Die Peripatetiker» zum Lesen und Reflektieren im Gehen ins Leben gerufen. So haben wir z. B. Heraklit und seinen berühmten Satz «Alles fliesst» bei einem Spaziergang am Fluss behandelt.

Später, während meiner Arbeit im Gymnasium, wollte ich ausprobieren, ob die Art und Weise, wie wir als Studierende draussen im Gehen gelesen und philosophiert haben, auch institutionalisiert in der Schule funktioniert. Das war der Beginn der peripatetischen Unterrichtsform.

Für wen oder welche Schulstufe ist diese Methode geeignet?

Geeignet ist die Methode in der Schule ab ca. der 9. Klasse und dann natürlich in der Erwachsenenbildung. Bei Jüngeren hängt es von der Lerngruppe ab. Lernende sollten bereits über Erfahrungen mit dem selbstorganisierten Lernen verfügen. Bei einer jüngeren Gruppe wird man bestimmte Spazierumgebungen meiden – befahrene Strassen, Kreuzungen usw. Aber selbst auf dem Schulgelände ist peripatetischer Unterricht mit Kindern denkbar, oder auf einem Sportplatz.

Wie könnten Schulen die peripatetische Unterrichtsmethode in die bestehenden Methoden integrieren?

Da peripatetischer Unterricht in einer normalen 45- oder 90-Minuten-Lektion möglich ist, kann jede Lehrperson in diesem Format arbeiten und unterwegs auch andere Unterrichtsmethoden integrieren, z. B. Diskussions- und Gesprächsmethoden. Wichtig: «Spektakuläre» Orte wie Zoos oder archäologische Stätten sind oft gar nicht ideal für den peripatetischen Unterricht, weil sie bereits «durchdidaktisiert» sind. Und logistisch schwierig erreichbar. Beim peripatetischen Unterricht ist der Weg das Ziel. Optimal sind Spazierareale in Schulnähe, die thematisch affin, jedoch «unaufdringlich» sind. Ein Spaziergang auf einem Feldweg kann unter Umständen inspirierender sein als ein Zoobesuch.

Sie selbst haben die Methode während des Shutdown mit Ihren Studierenden angewendet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Uns hat der Shutdown im laufenden Semester «erwischt». Präsenzkurse mussten rasch auf Distanzlehre umgestellt werden. Mit einer Kollegin waren peripatetische Kurse geplant. Wir wollten mit den Lerngruppen im Bremgartenwald in Bern arbeiten. Durch den Shutdown konnten wir uns dann nicht mehr persönlich treffen. Wir haben am peripatetischen Format festgehalten – allerdings unter Einhaltung der Vorschriften zur sozialen Distanz. Die Studierenden haben Aufträge erhalten, die sie selbstständig und allein im Spazierengehen erledigen konnten. Anschliessend gab es Austauschmöglichkeiten auf einer digitalen Lernplattform. Viele Studierende haben rückgemeldet, dass es gerade während des Shutdown und des damit verbundenen Online-Studiums schön gewesen sei, draussen im Gehen zu arbeiten. Denn in dieser Zeit mussten viele noch mehr als sonst drinnen vor dem Computer sitzen. Das Feedback war insgesamt sehr positiv.

Viele Lehrerinnen und Lehrer haben wegen Corona zum ersten Mal online unterrichtet und hatten keine Zeit, sich methodisch vorzubereiten. Welche Anpassungen sind nötig, wenn man das Schulzimmer vom Schulhaus ins Internet verlegt – je nach Stufe?

Ich glaube, dass eine Verlegung des Schulzimmers ins Internet nicht ohne gewisse Verluste zu haben ist. Distanzunterricht funktioniert vermutlich gut, wenn Lernende und Lehrende eine tragfähige Beziehung haben. Und wenn auf beiden Seiten gewisse technische Voraussetzungen – stabiles Internet, kompetenter Umgang mit einer digitalen Lernplattform – gegeben sind. Meine Erfahrung aus der Online-Lernphase ist aber auch, dass manchmal weniger mehr ist. Gerade bei erwachsenen Lernenden muss es nicht immer eine Live-Videokonferenz sein. Bücher sind nach wie vor wichtige Lernmedien. Und man kann sie auch mit nach draussen nehmen. Viele Lernende haben die flexible Zeiteinteilung begrüsst. Eine gute Balance zwischen Präsenz und Selbstständigkeit ist wichtig.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Corona noch zu anderen Veränderungen in der Schule führen wird?

Distanzunterricht könnte die Heterogenität der familiären Hintergründe und damit eventuell auch die Chancenungleichheit stärker ans Licht bringen. Aktuelle Studien zeigen zudem, dass Kinder auch psychisch stark unter dem Shutdown gelitten und in der Summe weniger Zeit mit dem Lernen verbracht haben. Die Schulen werden wohl noch etwas Zeit brauchen, um diese Wunden zu versorgen. Auch könnte die Angst vor einem nächsten Shutdown dazu führen, dass selbstorganisiertes Lernen künftig auch in Präsenzzeiten vermehrt eingeübt wird. Sozusagen präventiv.

Sind Sie der Meinung, das Schweizer Schulsystem habe im Zuge der Digitalisierung einen grundsätzlichen Modernisierungsschub nötig?

Durch den Shutdown hat es einen solchen Schub gegeben, der aber unterschiedlich umgesetzt wurde. Aber abgesehen von der Digitalisierung war es während des Shutdown mindestens ebenso wichtig, ein Gespür für die Situation der Lernenden, ihre Belastbarkeit und Konzentrationsfähigkeit zu haben. Von Studierenden habe ich gehört, dass sie wegen der vielen Aufträge im Distanzstudium mehr hätten arbeiten müssen als sonst. Viele haben die Fokussierung auf den Bildschirm als herausfordernd empfunden. Lehrende wie Lernende mussten neue Erfahrungen sammeln, welches die richtige Dosis und Stoffmenge sind. Wenn ich die Studierenden anschaue, denke ich, dass die Lehrerschaft von morgen in puncto Digitalisierung bereits versiert ist und auch Methodenvielfalt im Gepäck hat.

Viele Jahre war Frontalunterricht das Ein und Alles in der Schule. Hat, wer so unterrichtet wurde, weniger profitiert als Schülerinnen und Schüler heute, die in den Genuss von innovativen Lehr- und Lernmethoden kommen, die der aktuellen Forschung entsprechen?

Jedes Unterrichtsformat hat Stärken und Schwächen – auch Frontalunterricht. Unterrichtsformate sind an gesamtgesellschaftliche Trends gekoppelt. Was in den 1950er-Jahren als passend erachtet wurde, muss in den 2020er-Jahren nicht passen – und umgekehrt. Schule ist ein experimenteller Raum, der von allen Beteiligten geprägt wird. Unterschiedliche Unterrichtsmethoden stärken unterschiedliche Kompetenzen und Wissensbestände. Es kommt auf die Mischung an.

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