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Manche Menschen erleben sie häufiger, manche nur selten – diese Momente, in denen man von seinen Emotionen übermannt wird. Scheinbar wie aus dem Nichts, fallen die Gefühle über einen her, ähnlich einer Welle, deren Wogen man hilflos ausgeliefert ist. Von einem Moment auf den anderen ist man plötzlich tieftraurig oder rasend vor Wut, macht oder sagt Dinge, wie man es in einem weniger emotionalen Zustand niemals tun würde.

Doch so urplötzlich und unkontrollierbar, wie es scheint, sind solche Gefühlsausbrüche gar nicht. Häufig haben sie ihren Ursprung in Gedankengängen, die ganz unbewusst ablaufen und meist mit tief verwurzelten Überzeugungen und Wertvorstellungen zusammenhängen. Das können Grundsätze darüber sein, wie Menschen sich zu verhalten haben («Auch wenn es schwierig wird, darf man niemals aufgeben») oder wie Dinge zu machen sind («Nur wer Karriere macht, ist erfolgreich und wird ernst genommen»). Diese inneren Glaubenssätze geben uns Orientierung, beeinflussen aber auch unser Verhalten und wie wir auf bestimmte Situationen reagieren und uns dabei fühlen.

Auf der einen Seite stehen also die unbewussten Werte und Überzeugungen, auf der anderen die bewusst erlebten Gefühle und die für alle sichtbaren Reaktionen im Verhalten. In der Psychologie wird hier gerne die Metapher des Eisbergs herangezogen. Denn auch bei einem Eisberg ist nur seine Spitze, also etwa 20 Prozent, wirklich sichtbar. Die restlichen 80 Prozent und damit der Grossteil des Eisbergs sind unter der Wasseroberfläche verborgen – so wie die inneren Überzeugungen, die, wenn sie von eher unrealistischer Natur sind (z. B.: «Ich möchte, dass mich immer alle Leute mögen»), unausweichlich zu negativen Erlebnissen bis hin zu emotionalen Krisen führen. Gelingt es aber, den inneren Eisberg aufzuspüren, kann das schon einige Wogen glätten. Oder zumindest ist man darauf vorbereitet und sieht die Welle kommen, bevor sie über einem zusammenbricht. Auch für die Resilienz-Expertin Jutta Heller, steht fest: Wer eigene Werte und Motive besser versteht, kann seine Gefühle und Gedanken in Krisensituationen auch effektiver steuern. Aber nicht nur den eigenen Eisberg gilt es zu entdecken, sondern auch die der Mitmenschen, schreibt die promovierte Sozialwissenschaftlerin: «Mit dem Bewusstsein, dass alle Menschen solche tief verwurzelten Überzeugungen haben, können wir besser verstehen, wieso es zu zwischenmenschlichen Konflikten kommt. Denn viele Eisberge sind einfach gegensätzlich und prallen dann aufeinander.»

Leonie Pahud