Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Im Wald die Freiheit lernen – und ihre Regeln. Das will das Waldexperiment des gleichnamigen Vereins Kindern in der Schweiz ermöglichen. Ein Augenschein bei den Aarauer Waldkindern am Schlussanlass ihres Experiments.

von Christine Schnapp

So ganz wohl scheint ihnen grad nicht zu sein – mit all den Eltern und den sonstigen Erwachsenen, die zu dem Schlussanlass gekommen sind, weil sie sehen wollen, was ihre Sprösslinge im Verlauf des vergangenen Jahres einmal pro Monat im Wald gemacht haben. Die Kinder des Aarauer Waldexperiments warten zwar geduldig, bis das Begleitungsteam zu Ende gesprochen hat, doch man sieht ihnen an, dass sie am liebsten einfach losspringen und mit den Gspöndli zwischen den Bäumen herumtoben würden. Und das ist im Kern auch bereits Sinn und Zweck des Waldexperiments, das der gleichnamige Verein an verschiedenen Orten in der Schweiz anbietet. Es soll Kindern ermöglichen, regelmässig in den Wald zu gehen, ihn kennenzulernen und zu erkunden, sich frei und jenseits von Dauerbeaufsichtigung in ihm zu bewegen und das Verhalten in der Natur sowie den Respekt ihr gegenüber zu erlernen. Ein Programm, das von den Erwachsenen vorgegeben wird, gibt es an diesen Nachmittagen nicht. Das Begleitungsteam des Aarauer Waldexperiments, Martina Huber und Reto Massmünster, erzählen, dass sie nur eingegriffen hätten, wenn es gar nicht mehr anders gegangen sei. In Konfliktsituationen etwa oder wenn der korrekte Umgang mit dem Schnitzmesser noch zu wünschen übrig liess. Ansonsten geht es beim Waldexperiment auch darum, dass die Kinder selbst Ideen entwickeln, was sie in den jeweils drei Stunden machen wollen, und auch eine langweilige Phase auszuhalten lernen.

Das ist den Aarauer Waldkindern in der Regel gut gelungen. Von Schlammbädern, Insektenforschungen, Schnitzen, Fechten über Theater spielen und Waldmusik machen hin zu Staudämme bauen und vielem mehr haben sie wohl alles ausprobiert, was man in einem Wald machen kann. Dabei hat es ihnen nichts ausgemacht, auch mal schmutzig zu werden oder schleimige Schnecken auf die Hand zu nehmen. Bei ihren Präsentationen an der Schlussveranstaltung geben die Jungs eine Kostprobe ihrer erworbenen Fechtkünste und die Mädchen zeigen das Haus, das sie für die Familie Klee gebaut haben und an dessen Eingang die Besucherinnen und Besucher Glücksklee zu essen kriegen, den die Mädchen im Wald gesammelt haben. Auch das ist etwas, was man im Wald lernen kann, nämlich dass er über ein reiches Nahrungsangebot verfügt. Elin, die die Hausführung anbietet, findet das Waldexperiment eine tolle Sache: «Es war immer gut, ausser wenn die Buben uns genervt haben.»

Die richtige Zielgruppe ansprechen
Dass die sieben- bis zehnjährigen Mädchen und Knaben stets unter sich und nie über die Geschlechtergrenzen hinweg miteinander gespielt haben, ist dem Begleitungsteam ebenso aufgefallen wie die Tatsache, dass soziale Probleme nicht halt machen am Waldrand. Doch das Waldexperiment folgt keinem starren Ablauf, sondern lebt von Gegebenheiten wie dem Wetter und der Gruppenzusammensetzung, die sehr unterschiedlich sein kann. Die Aarauer Waldkinder beispielsweise waren schon vor dem Experiment «waldnah». Sie bewegten sich im Wald also in einer Umgebung, die sie bereits gut kannten, ebenso wie deren Regeln, wenn auch da und dort noch ein wenig Nachhilfe nötig war, was man denn nun darf oder nicht. Damit spricht man laut Ruedi Iseli, dem Verantwortlichen des Projekts Waldexperiment, im Grunde eigentlich die falschen Kinder an. Seine Vision wäre es, dass man mit dem Waldexperiment Kinder erreichen könnte, die aufgrund ihres sozialen Umfelds wenig Bezug haben zu Wald und Natur und stark behütet aufwachsen. Doch das ist für den Verein, der trotz Stiftungs- und anderer Fördergelder nicht auf Rosen gebettet ist, erst Zukunftsmusik. Vorerst geht es darum, auch für die Zeit nach der Entwicklungsphase konstant fliessende Finanzquellen zu finden, damit das Waldexperiment an verschiedenen Standorten zu einem Dauerangebot werden kann, wie es etwa in Olten bereits der Fall ist. Ein Problem mit der Nachfrage hat der Verein nicht, doch bis jetzt steckt noch viel ehrenamtliche Arbeit im Waldexperiment. Insbesondere die Weiterentwicklung des Angebots für die sozialen Gruppen, die man bis jetzt noch nicht erreicht hat, kostet Geld.

Kein Experiment ohne Wald
Kooperativ hatten sich die Aarauer Ortsbürger gezeigt, die den Verantwortlichen – nachdem einige anfängliche Bedenken ausgeräumt waren – gerne ein Stück ihres Waldes fix für das ganze Jahr zur Verfügung stellten. Roger Wirz vom Forstbetrieb Region Aarau findet es wichtig, dass Kinder und Jugendliche in den Wald gehen können. Diese seien die Zukunft, bei ihnen müsse man ansetzen, wenn man wolle, dass sie einen pfleglichen Umgang mit dem Wald erlernen.