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Die richtige Ernährung ist heute eine Thematik von grosser gesellschaftlicher Bedeutung. Die Frage, welche Nahrungsmittel geboten, verboten oder erlaubt sind, beschäftigt viele Menschen. Vegetarismus und Veganismus nehmen dieses Anliegen auf.

von Markus Huppenbauer

Der Fokus auf orthodiätetische Ernährung, also auf die richtige Ernährung, kann dazu führen, dass andere wichtige Aspekte des Essens verdrängt werden. Dazu gehören kulinarisch-sinnliche sowie sozial-gemeinschaftliche Aspekte, kurz: Aspekte des «gelingenden Lebens». Wer wie ich an diesen festhalten will, muss zeigen, dass es Grenzen der orthodiätetischen Fragestellung gibt. Ich will dies im Folgenden anhand der ethischen Fragen diskutieren, die mit dem Fleischkonsum verbunden sind. Insofern werde ich im Folgenden auch eine Grenze der Moral aufzeigen.

 

Argumente für den Vegetarismus

Eine erste Gruppe von Argumenten für den Vegetarismus bezieht sich auf die Empfindungsfähigkeit der meisten Tiere, die wir essen. Haltung, Transport und Tötung nicht nur von Schweinen und Rindern sind oft mit Leiden, Stress und Angst verbunden. Dem Aspekt «Tierwohl» wird häufig nicht ausreichend Rechnung getragen. Eine zweite Gruppe von Argumenten, die gerade im Hinblick auf den Klimawandel zunehmend ins Feld geführt wird, bezieht sich auf die Ressourcenproblematik. Die Produktion von Fleisch als Nahrungsmittel ist ineffizient und trägt substanziell zur Treibhausgasemission bei.

Diese beiden Argumente beziehen sich auf ethisch legitime Aspekte des Fleischkonsums. Sie sprechen aber nicht grundsätzlich gegen den Konsum von Fleisch. Mit hohen Standards im Bereich des Tierwohls (tiergerechte Tierhaltung und leidensfreie Tötung usw.) sowie einer Reduktion des Fleischkonsums kann ihnen ohne Weiteres Rechnung getragen werden.

Das Motto könnte lauten: Weniger, dafür qualitativ besseres Fleisch. Kontroverser sind demgegenüber zwei andere Argumente.

 

Instrumentalisierung von Tieren

Neben dem Tötungsverbot, das ich später diskutieren werde, argumentieren Veganerinnen und Veganer (und nur sie), dass die Nutzung von Tieren grundsätzlich eine moralisch verwerfliche Ausbeutung sei. Man muss also, so das dritte der hier diskutierten Argumente, von einer unzulässigen Instrumentalisierung sprechen. Der Vegetarismus geht ihnen daher zu wenig weit. Tierische Produkte wie Milch, Käse, Eier, welche im Vegetarismus gegessen werden dürfen, seien immer noch Teil der Institutionen, welche letztlich zum Töten der Tiere führe.

Als moralisches Prinzip ist eine radikale Form des Abolitionismus allerdings nicht vertretbar. Kulturgeschichtlich ist die Domestizierung von Tieren nicht primär als Akt menschlicher Gewalt, sondern besser als wechselseitige Annäherung unterschiedlicher Spezies zu interpretieren. Eine Annäherung, von der, wenn man das so anthropomorph sagen will, beide Seiten etwas haben.

Sehr viel ernster zu nehmen, ist demgegenüber das letzte Argument, das gegen den Fleischkonsum ins Spiel gebracht wird.

 

Das Tötungsverbot

Tiere, die sich selbst als Subjekt eines Lebens erfahren und Zeit- oder Selbstbewusstsein haben, dürfen, so das vierte Argument, nicht getötet werden. Weil sie analoge biologische Eigenschaften wie Menschen haben, wäre es unfair, ihnen ein Recht auf Leben vorzuenthalten. Es gibt unterschiedliche Versionen des Argumentes, die ich hier nicht diskutieren kann. Bis heute ist aber auch unter Tierrechtlern die Frage umstritten, welche Eigenschaften im Hinblick auf das Tötungsverbot wirklich relevant sind und wo genau empirisch die Trennlinie verläuft. Philosophisch sehr umstritten ist, ob einige Gleichheiten zwischen Menschen und Tieren auch eine Gleichbehandlung bezüglich des Tötungsverbots rechtfertigen.

Schauen wir auf diese Diskussion zurück: Ein richtig starkes Argument gegen den Vegetarismus habe ich bisher nicht vorlegen können. Und ein richtig starkes Argument für den Fleischkonsum erst recht nicht. Auch wenn die Argumente für das Tötungsverbot kleinere Schwächen haben, ist es nun an den Fleischessern und Fleischesserinnen, zu zeigen, dass das Töten von Tieren erlaubt ist. Das oft gehörte Argument, weil Tiere in der Wildnis von andern Tieren getötet werden, dürfen wir das auch, ist kein valides ethisches Argument. Man schliesst hier von Fakten der Natur auf Normen der Moral, was in der Ethik als Fehlschluss verboten ist.

 

Das Töten von Tieren: ein mögliches Argument

Moral, wie sie in den Tierrechtsdiskursen normalerweise vorausgesetzt wird, basiert auf der (abstrakten) Frage nach der Gleichheit bestimmter biologischer Eigenschaften von Menschen und Tieren. Ich schlage demgegenüber vor, eine völlig andere Konzeption von Moral ins Spiel bringen: Moral basiert darauf, was uns bestimmte Wesen bedeuten. Mit Menschen sind Formen der Beziehung und Kommunikation möglich, die einzelne Menschen zwar mit einzelnen Tieren haben können, aber nicht mit Tieren generell. Wir können demgegenüber mit allen Menschen Ängste, Hoffnungen, Ziele und Geschichten und natürlich auch moralische Fragen teilen. Zum Grundverständnis menschlicher Gemeinschaften gehört es, die Mitglieder dieser Gemeinschaft nicht zu töten, weil sie uns als Mitglieder der Gemeinschaft etwas bedeuten. Moralische Rechte wie das Recht, nicht getötet zu werden, sind also nicht die Voraussetzung, um zur moralischen Gemeinschaft zu gehören, sondern deren Folge.

Diese Konzeption hat den Vorteil, dass sie auf ein «one size fits all» verzichtet. Wir haben zu unterschiedlichen Tieren unterschiedliche Beziehungen. So macht diese Konzeption verständlich,

  • warum wir bestimmte Tiere töten dürfen (weil sie nicht zur moralisch relevanten Gemeinschaft gehören),
  • warum wir bestimmte Tiere nicht essen wollen (und warum das von Kultur zu Kultur unterschiedlich ausfällt),
  • warum Menschen ihre Heimtiere («pets») nicht töten,
  • warum wir kranke und schwache Mitglieder unserer Gemeinschaft schützen sollten.

Darüber hinaus ist sie selbstverständlich offen für die Erweiterung der «Gemeinschaft» um andere Spezies (beispielsweise Menschenaffen). Andere Kulturen sind zu andern Zeiten für derartige Öffnungen der Gemeinschaft mit spezifischen Tierarten durchaus offen gewesen.

Fazit

Mein Fazit aus dieser kurzen Diskussion: Niemand muss Fleisch essen, aber es ist erlaubt, das Fleisch von Tieren, die anständig gehalten und getötet wurden, in kleineren Mengen als heute üblich zu konsumieren. Dafür wird ökonomisch ein substanziell höherer Preis als heute zu bezahlen sein. Fleisch soll wieder etwas Wertvolles sein. Dieser neuen Wertschätzung von Fleisch korrespondiert sinnvollerweise die Kultivierung des Genusses von Fleisch aufseiten der Esser und Esserinnen. Vor diesem Hintergrund werden zudem gemeinschaftliche kulinarische Praktiken, wie etwa die Grillparty und der «Sonntagsbraten», in ihrer sozialen Bedeutung aufgewertet. Das Essen von Fleisch ist damit als Teil eines gelingenden Lebens rehabilitiert.

Markus Huppenbauer ist geschäftsführender Direktor des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) der Theologischen Fakultät an der Universität Zürich.