Kundendienst: Tel. 056 203 22 33 kundendienst@dornbusch.ch

Zeit zum Aufwachen

Kurz nach Ostern schlägt die letzte Stunde der Eiche. Männer in Arbeitskleidung und mit Schutzhelmen rücken mitsamt Mobilkran an, um den majestätischen Baum Ast um Ast dem Erdboden gleichzumachen. Bald sind die knorrigen Arme und das dichte Kronendach nur noch eine Erinnerung.

Verschwunden ist jedoch nicht nur ein altes, wunderbares Baumlebewesen, sondern auch ein vielfältiger Lebensraum: In jeder Eiche leben viele Insektenarten und sie wiederum sind Nahrung für verschiedene Vogelarten.

Das, was der Eiche und ihren Bewohnern widerfahren ist, wiederholt sich weltweit in gigantischem Ausmass: die Vernichtung von Waldlebewesen und Lebensräumen. Beispiel Amazonas-Regenwald: Nicht einmal während der gegenwärtigen Corona-Pandemie kehrt für sie etwas Ruhe ein. Im Gegenteil. Im Schatten der weltweiten Gesundheitskrise ist die Abholzung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in den ersten drei Monaten des Jahres sogar um mehr als 50 Prozent gestiegen – für Weideland für die Produktion von Fleisch oder für die Gewinnung von «Edelholz».

Durch die Zerstörung des Waldes sterben sehr viele Tiere und den Überlebenden bleibt weniger Platz. Das Zusammenspiel der Arten verändert sich. Beutetiere leben plötzlich viel dichter neben Raubtieren und der Nahrungskampf verschärft sich. Zusätzlich zwingt der Mensch vielen Wildtieren eine ungesunde Nähe auf, indem er sie gewaltsam in seine Nähe bringt und beispielsweise auf Wildtiermärkten in Afrika und Asien als Handelsware ausstellt.

Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre ist es immer klarer, dass der Handel mit Wildtieren, aber auch die intensive Nutzung von Tieren in der Massentierhaltung nicht nur viel Leid über die betroffenen Tiere bringen, sondern obendrein wichtige Faktoren für die Entstehung und Ausbreitung von Krankheiten wie die Vogelgrippe, Ebola und COVID-19 sind.

Im Augenblick geht es darum, Menschenleben zu retten. Aber wir sollten uns dringend jetzt schon Gedanken darüber machen, wie wir in Zukunft mit der Umwelt und den darin lebenden Tieren und Pflanzen umgehen wollen − für eine gesündere Zukunft für alle Lebewesen auf dieser Erde. Denn was vielen Menschen nicht gewahr ist: Schon heute ist die Natur, wie wir sie erleben, bloss noch eine verarmte Variante einer einst viel reichhaltigeren Welt. Das Verschwinden eines Baumes, ja eines Waldes mag nicht sehr dramatisch klingen. Doch durch das zunehmende Insektensterben leiden insektenfressende Tiere wie viele Vogelarten und droht der Ausfall von Ernten wegen des Ausfalls von Bestäubern für Bäume und Pflanzen. Diese Entwicklung hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf Tiere und Pflanzen, sondern auf die ganze Erde und damit auch auf das Überleben des Menschen.

Eine gefällte Eiche mag im weltweiten Zusammenhang nur ein Symbol für den Lebensraumschwund und die Verarmung der Natur sein. Aber sie ist ein Symbol für eine viel dramatischere Entwicklung, einen bereits länger dauernden Abwärtstrend in der Natur, den nur eine Spezies aufhalten kann: der Mensch. Es ist dringend notwendig, dass wir uns konsequent lebensfreundlichere Gewohnheiten aneignen und uns aktiv für den Erhalt von Lebensräumen und den Schutz von Tieren einsetzen, zum Wohle aller.

Dr. iur. Eveline Schneider Kayasseh, Geschäftsleiterin des Arbeitskreises Kirche und Tiere (AKUT).