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In diesen Tagen vor 100 Jahren trommeln die damals gerade frisch gegründete Evangelische Volkspartei (EVP) für Sitze im Nationalrat. Seither behauptet sie sich als Partei des Gewissens, als eine Konstante in der Schweizer Politik, was viele überrascht.

von Anton Ladner

Vor 100 Jahren war das Leben in der Schweiz voller existentieller Schwierigkeiten: Im November 1917 hatten sich die politischen Spannungen zwischen liberalen und konservativen Kräften in Streiks und Demonstrationen entladen. Ein Jahr später wurde der Landesstreik von der Armee niedergeschlagen. Danach grassierte die Spanische Grippe. Von Juli 1918 und bis Juni 1919 kostete sie in der Schweiz über 24 000 Menschen das Leben. In solchen Zeiten suchte man Gott in seinem Alltag. Die Gründungen der «Protestantisch-christlichen Partei» in Uster im März 1917 und der «Politischen Vereinigung christlicher Bürger» 1918 in Bern waren Antworten auf die Zeit. Ebenso der Einstieg in die nationale Politik, als im März 1919 in Brugg der Entscheid fiel, die Evangelische Volkspartei ins Leben zu rufen, was im Mai im Zwinglisaal im Glockenhof in Zürich geschah. Die Gründung erfolgte mit der Absicht, fünf Monate später bei den Nationalratswahlen in die eidgenössische Politik Einzug zu halten. Kein leichtes Unterfangen in einer Krisenzeit mit eingeschränkter Mobilität. Aber die EVP holte für den Kanton Zürich einen Sitz im Nationalrat. Während den folgenden zwanzig Jahren konnte die EVP diesen Sitz halten. 1939 verlor sie ihn, weil ein politischer Ausnahmezustand herrschte. Damals wurden im September 450 000 Soldaten zum Aktivdienst einberufen und 10 000 Frauen zum militärischen Frauenhilfsdienst eingezogen. 1943 holte sich die EVP den Sitz im Nationalrat zurück – der Zweite Weltkrieg hatte die Menschen stark geprägt. 1959 gewann die EVP einen zweiten, 1963 einen dritten Sitz, bei denen es bis 2007 mit einem Unterbruch 1995 blieb. Heute ist die Partei mit dem Zürcher Nik Gugger und der Bernerin Marianne Streiff in der grossen Kammer vertreten.

Während 20 Jahren gehörte die EVP zur Fraktion des Landesringes der Unabhängigen (LdU, die Partei des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler), die 1999 aufgelöst wurde. Notabene: 1967 hatte der LdU 16 Nationalratssitze und war in zahlreichen Kantonsparlamenten vertreten. Der Vergleich mit dem LdU dokumentiert, dass die politische Resistenz der EVP ein Phänomen darstellt. Offensichtlich repräsentiert die Partei Werte, die auch immer wieder jüngere Generationen der Wähler ansprechen. Wer sind diese Wähler? Und für welche Werte stehen sie? Nach eigenen Angaben wählen die EVP überdurchschnittlich viele Junge, denen christliche Werte wichtig sind. Sie engagieren sich in evangelikalen oder reformierten Kreisen und messen der Familie, der Umwelt und der Bildung grosse Bedeutung bei, was einen konstanten Wähleranteil von 2 Prozent sichert. Dabei zeigt sich die Partei immer wieder agil. Bei den Stadtzürcher Kommunalwahlen reichte sie mit der BDP eine gemeinsame Liste ein, was ihr vier Sitze im Stadtparlament einbrachte. Die CVP blieb derweil unter der 5-Prozent-Grenze und flog dadurch aus dem Stadtparlament.

 

«Es herrscht eine grosse Sehnsucht nach Werten, nach einer werteorientierten, ehrlichen und anständigen Politik jenseits der Fake-News.»

Roman Rutz, Generalsekretär der EVP, verlässt sich auf den Mobilisierungsgrad seiner Mitglieder bei den eidgenössischen Wahlen.

Roman Rutz, was ist das Geheimnis der EVP, dass sie sich während 100 Jahren behaupten konnte?

Unsere Werte-DNA ist seit 100 Jahren die gleiche geblieben. Werte wie Gerechtigkeit, Solidarität, Sorge zur Schöpfung und Nächstenliebe waren schon in den ersten Publikationen und Programmen vorrangig und gewisse Texte könnten heute noch eins zu eins übernommen werden. Mit unserem einzigartigen Profil – in sozialen und Umweltfragen eher Mitte-Links progressiv und in Wertefragen eher konservativ – bieten wir eine parteipolitische Alternative für werteorientierte Menschen.

Wie geling es der EVP, in jüngeren Generationen Wählerinnen und Wähler zu gewinnen?

Mit einer aktiven *jevp, welche die Anliegen der jüngeren Generationen in die EVP einbringt. Und wir geben den jungen Menschen auch die Möglichkeit, politische Mandate zu übernehmen, etwa in Stadt- oder Kantonsparlamenten. Das zieht wiederum andere Junge an.

Und unsere Themen sind für die jüngeren Generationen relevant: Fairer Handel, Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel, Klimawandel und Umweltschutz waren und sind für uns wichtige Themen getreu unserem Motto «Aus Leidenschaft für Mensch und Umwelt. Für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Menschenwürde.»

 Wo liegt heute der grösste Unterschied der EVP zur CVP?

Die EVP und die CVP sind bereits von ihrem Ursprung her eigentlich grundverschiedene Parteien. Einerseits die katholisch konservative Partei, die in vielen Stammlanden die absolute Mehrheit hatte und daher sehr mächtig war. Andererseits die EVP, die als Kleinpartei grossen Wert auf ihre christlichen Werte legte sowie den Menschen und die Umwelt schon seit jeher ins Zentrum ihrer Politik stellte. In der Art und Weise des Politisierens und des Abstimmungsverhaltens wird dies teilweise sichtbar. Persönlich funktioniert die Zusammenarbeit aber sehr gut.

 Welche Prognose stellen Sie christlichen Werten in der Gesellschaft?

Die Säkularisierung schreitet mit grossen Schritten voran. Ich denke, der Wind wird hier zunehmend rauer. Gleichzeitig herrscht eine grosse Sehnsucht nach Werten, nach werteorientierten, ehrlichen, anständigen Politikerinnen und Politikern jenseits von Fake-News, siehe den jüngsten Widerstand gegen Waffenexporte in Bürgerkriegsländer. Und ich bin überzeugt, dass wir die christlichen Werte wie Nächstenliebe, Respekt, Vergebung, Solidarität oder Gerechtigkeit als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben dringend brauchen und dass sie die Menschen daher auch in Zukunft überzeugen werden.

 Wie wird die EVP bei den eidgenössischen Wahlen im Herbst abschneiden?

Hoffentlich erfolgreich (lacht)! Unser Ziel ist es, mindestens drei Sitze zu erreichen – also plus 1 – und ich bin sehr optimistisch, denn wir sind bereit für die Wahlen. Das 100-Jahr-Jubiläum hat uns als Partei Schub gegeben und die Partei intern gestärkt. So treten wir in so vielen Kantonen wie noch nie (16) zu den Wahlen an, und dies mit 306 Kandidierenden, fast die Hälfte davon Frauen (48 %).

Die Mitte-Listenverbindungen eröffnen uns mindestens in Aargau und Waadt spannende Ausgangslagen.