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 «Nicht den Sinn oder die Befähigung oder die Zeit»

Wenn ich es wagte, der freundlichen Einladung zu folgen, in Ihrer Mitte einige Worte über Mütterabende zu sagen, so geschah es, damit jemand anfängt. Ich bitte Sie daher, diesen Anfang auch als das zu beurteilen und in der folgenden lebhaften Diskussion seine Mängel freundlich zu berichtigen.

Für die Vermittlung eines Wissens oder das Beibringen einer Fertigkeit genügt wohl eine bestimmte Anzahl von Übungsstunden, und zur Erklärung der Bodenverhältnisse des Tösstals trägt es nicht ab, ob der Schüler daheim lügt oder flucht oder sich nicht wäscht. Anders bei der Willens- und Gemüts-, überhaupt der Charakterbildung. Sitte kann man nicht lehren (darum hasse ich auch die Bezeichnung Sittenlehre, weiss zwar auch keine bessere.) Sitte, Charakter überträgt sich im persönlichen Verhältnis von Zögling und Erzieher, in der steten, stillen, konsequenten Einwirkung des Höherstehenden. Gerade dies Stetigkeit und Konsequenz kommt im Schulleben nicht zustande. Was hilft es, wenn ich auf gewissenhafte Ausführung der Hausaufgabe dringe und Ausreden hören muss wie: «I han i d Stadt müesse»; «de Vater hät d’Tinte sälber brucht» etc? Oder wenn ich auf strenge Wahrhaftigkeit dringe und der Schüler sein Ausbleiben mit Zahnweh entschuldigt, während er fürs Haus in den Anspruch genommen wurde? Oder wenn er zu spät kommt und sich entschuldigt, die Milch habe noch nicht gesotten. Überhaupt, was hilfts, wenn ich die ganze Schlaffheit und Charakterlumpigkeit unsere Zeit bekämpfe, wenn ich daheim am Familientisch darum verlacht werde? Umgekehrt übrigens haben mir auch Mütter aus besseren Ständen – Verzeihung für den Ausdruck, ich meine wirklich gebildete und brave Frauen – oft geklagt, was sie an ihren Kindern arbeiten, werde so oft wieder illusorisch durch das Schulleben, das mit seinen Einwirkungen nicht im Kontakt stehe mit dem Elternhaus.

Sie werden denken, ich habe jedenfalls eine heitere Schule gehabt, wenn ich über das alles nicht Meister wurde. Nicht darum handelt es sich, ob ich in meiner Schule diese Fehler hintanhalten könne oder nicht, sondern darum, dass man in jeder Schulstube beständig gegen diesen Fehler ankämpfen muss. Wo fehlts? An der Erziehung der Eltern, der Mutter besonders. Sie hat entweder nicht den Sinn oder die Befähigung oder die Zeit oder die Geduld dazu. Kurz, das Problem der Willensbildung drängte mich dahin, mit dem Elternhaus engere Verbindung zu suchen. Ich hätte die durch Hausbesuche haben können. (Ich habe sehr viele Hausbesuche gemacht.) Aber es ist sehr schwer, sich vor eine einzelne Mutter hinzusetzen und ihr vorzurechnen, was sie alles falsch mache und was sie alles noch lernen müsse. Es widerstrebte mir zu belehren, als hätte ich allein die Pädagogik gepachtet. Wenn ich die Mütter beisammen hatte, so sah jede Anregung viel neutraler aus, was ich versah, konnte eine andere berechtigen, ich selbst konnte von den andern lernen.

Rosa Gutknecht trat im August 1919 in den Pfarrdienst im Zürcher Grossmünster und war damit eine der ersten Pfarrerinnen Europas.