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In Nepal kennt man es schon lange, in Kanada seit Kurzem und Deutschland zieht Ende Jahr nach. Die Rede ist vom dritten Geschlecht in amtlichen Dokumenten für inter-sexuelle Menschen. Auch in der Schweiz bewegt sich diesbezüglich etwas.

von Christine Schnapp

Wer im Internet Schuhe, Salat oder ein Konzertticket kaufen will, muss neben der Lieferadresse auch das Geschlecht angeben. Wo die Angabe der Adresse ja durchaus Sinnmacht, entbehrt die Einordnung als Frau oder Mann bei einem Online-Kauf jeglicher Notwendigkeit. Ein bisschen anders mag es sich auf den ersten Blick mit amtlichen Dokumenten verhalten. Dass im Pass oder auf dem AHV-Ausweis das Geschlecht steht, ist zumindest weniger abwegig als auf dem Salat-Bestellschein. Und doch – in Zeiten von biometrischen Ausweisen ist der Hinweis auf ein biologisches Geschlecht, das man mit der Hälfte der Menschheit teilt, kein Spezifikum, das einen Menschen unverwechselbar charakterisiert. Vollends absurd wird der Zwang zum Kreuzchen aber dann, wenn eine Person kein eindeutiges biologisches Geschlecht aufweist, sondern biologische Merkmale beider Geschlechter in sich trägt und damit als intersexuell gilt. Das sind gemäss Schätzungen ein bis zwei Menschen von 1000. Ihre Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien weisen gleichzeitig weibliche und männliche Merkmale auf, wobei viele verschiedene Varianten möglich und die meisten davon auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Nachdem intersexuelle Menschen seit den 1960er-Jahren mithilfe von schmerzhaften Operationen von Geburt weg zu Mädchen oder Knaben geschnitzt wurden, ist man heute aufgrund eines Berichts des Nationalen Ethikrates zumindest zurückhaltender mit vermeidbaren Operationen, bis die Kinder alt genug sind, um selber zu entscheiden. Ins Zivilstandsregister werden sie aber trotzdem als Mädchen oder Knabe eingetragen, die Rubrik leer zu lassen, wie z. B. in Deutschland möglich, geht in der Schweiz nicht. Deutschland ist zudem mittlerweile noch einen Schritt weiter als die Schweiz. Die intersexuelle Person Vanja, die bei der Geburt als Mädchen eingetragen wurde, hat erfolgreich vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht dafür geklagt, dass in amtlichen Dokumenten eine dritte Variante eingeführt wird. Weder Mann noch Frau, sondern eine positive Alternative, die vorzuschlagen die deutschen Behörden nun bis Ende 2018 Zeit haben. Denn eine Leerstelle, so Vanja, sei eine unbefriedigende Variante. Andere Länder sind in dieser Diskussion schon weiter. So gibt es z. B. in kanadischen Pässen seit Sommer 2017 als drittes Geschlecht das X. Nepal, Pakistan, Indien, Bangladesch, Australien und Neuseeland kennen das dritte Geschlecht schon länger. Neben X gibt es auch die Bezeichnungen «anders», «inter» oder «nicht-binär».

Und was macht die Schweiz?

Aktuell wird auf Bundesebene diskutiert–und eine entsprechende Vorlage geht im Frühjahr 2018 in die Vernehmlassung –, ob man Eltern von Neugeborenen, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können, statt der üblichen drei Tage nach der Geburt 30 Tage lang Zeit geben möchte, das Geschlecht ihres Kindes eintragen zu lassen. Weiter ist angedacht, die Änderung des Geschlechtseintrags im Zivilstandsregister für volljährige Intersexuelle zu erleichtern. Wer also z. B. bei der Geburt als Mädchen eingetragen wurde und sich volljährig eher als Mann fühlt, soll den ursprünglichen Eintrag unbürokratisch ändern können. Denn es gibt durchaus intersexuelle Menschen, die sich dem einen oder anderen Geschlecht etwas näher fühlen und einen entsprechenden Eintrag als Mann oder Frau wünschen. Die Diskussion um die Festschreibung eines dritten Geschlechts hat neben juristischen auch linguistische und ethische Dimensionen. So schrieben Philippe Wampfler, Dozent für Fachdidaktik, und Manuel Bamert, Germanist, kürzlich im Tagesanzeiger in einem Beitrag zu Political Correctness: «Sprachliche Benachteiligung ist oft gleichbedeutend mit tatsächlicher Benachteiligung. Findet eine intersexuelle Person auf amtlichen Dokumenten keine Bezeichnung für ihr Geschlecht, existieren beim Staat, der ihre Rechte schützen sollte, nicht einmal Kategorien, um die Person wahrzunehmen.» Doch entgegen den Erwartungen wünschen nicht alle intersexuellen Menschen, die sich selber explizit als ein drittes Geschlecht wahrnehmen, einen entsprechenden Eintrag im Pass. Während das Transgender Network Switzerland eine dritte zivilrechtliche Option befürwortet, warnt Daniela Truffer, Präsidentin der Organisation Zwischengeschlecht.org, in der Aargauer Zeitung: «Für Kinder kann ein solcher Eintrag als drittes Geschlecht Nachteile haben.» Denn die Entscheidung der Eltern komme einem unfreiwilligen Outing gleich, über das die Betroffenen nicht selber entscheiden könnten.

Die Präsidentin der Nationalen Ethikkommission, Andrea Büchler, Mitverfasserin des wegweisenden Berichts von 2016 zum Thema Intersexualität, auf den die gegenwärtig vom Bund diskutierten Vorschläge zurückgehen, sagte gegenüber SRF News: «Die Möglichkeit, es Geschlecht zu benennen, bringt zum Ausdruck, dass es sich um eine Geschlechtsidentität handelt – und diese gehört zur Persönlichkeit. Zudem ist die Geschlechtsidentität als Persönlichkeitsmerkmal geschützt. Ausserdem wurden Intersexuelle mit der Abwesenheit eines Geschlechts gegenüber ‹männlichen› und ‹weiblichen› Personen diskriminiert. Jetzt wird nicht mehr verschwiegen. Die Varianz in der Geschlechtsentwicklung wird jetzt sichtbar gemacht.» Und zum ethischen Aspekt der medizinischen Fragen zum dritten Geschlecht sagt Andrea Büchler: «Medizinisch nicht indizierte Operationen an Neugeborenen und Kleinkindern sollen nicht zulässig sein. Man sollte mit einem Eingriff zuwarten, bis sich die betroffene Person selbst dazu äussern kann.»

Ein Anker macht kein ganzes Schiff

Die Ethikkommission nimmt in ihrem Bericht deutlich Abstand davon, in der Schweiz eine dritte zivilrechtliche Geschlechtsbezeichnung einzuführen. Die beiden Geschlechtskategorien «männlich» und «weiblich» seien nicht nur akzeptiert, sondern auch tief verankert. Das mag für biologisch eindeutige Männer und Frauen, die sich auch so fühlen, zutreffen. Für intersexuelle Menschen hingegen, die sich biologisch weder eindeutig als Mann noch als Frau wahrnehmen können, nützt diese tiefe Verankerung nichts. Für sie ist es einmal mehr der Hinweis darauf, dass es ihre Geschlechtsidentität offiziell nicht gibt oder sie zumindest nicht wichtig genug ist, dass man sie offiziell benennen möchte.