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Sollten wir Kinderfotos aus dem Internet verbannen oder haben Kinder sogar das Recht, dort als Teil unserer Gesellschaft zu erscheinen? Bernadette Kneidinger-Müller untersucht, weshalb Eltern Kinderfotos im Internet teilen–und welche Fotos als problematisch angesehen werden.

von Eva Mell

Bernadette Kneidinger-Müller, Sie untersuchen das Phänomen Sharenting wissenschaftlich, also das Teilen von Fotos der eigenen Kinder im Internet. Warum tun Sie das?
Es ist ein heiss diskutiertes Thema in unserer Zeit. Das Bewusstsein für Datenschutz und Privatsphäre steigt–und dementsprechend stellt sich die Frage, wie man denn mit Kinderfotos umgehen sollte. Eine Meinung besagt, Kinderfotos sollte man besser ganz aus dem Internet herauslassen, weil die Kinder noch nicht selber entscheiden können, wie sie sich im Netz präsentieren wollen. Man weiss ja: Das Internet vergisst nie. Das ist eine Tatsache. Was man jetzt von seinen Kindern veröffentlicht, ist unter Umständen auch in zehn oder 20 Jahren noch auffindbar,selbst wenn man versucht, es zu löschen.

Spricht dann überhaupt etwas für die Veröffentlichung von Kinderfotos im Internet?
Die andere Seite, die auch Legitimität hat, besagt: Wenn man keine Kinder im Netz abbildet, entspricht das auch nicht der gesellschaftlichen Realität. Kinder sind ein Teil unserer Gesellschaft. Es ist ein sehr schwieriges Feld, in dem es viele unterschiedliche Sichtweisen gibt und man vermutlich keine allgemeingültige Regel erstellen kann. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen, welche Fotos wirklich problematisch sind und welche man unter dem Gesichtspunkt online teilen kann, dass Kinder ein Teil unseres Alltags und unserer Gesellschaft sind – und dadurch auch ein gewisses Recht haben, im Internet zu erscheinen.

Welche Fragen interessieren Sie besonders?
Mich interessiert grundsätzlich,wie die Eltern mit dem Thema in ihrem persönlichen Alltag umgehen. Veröffentlichen sie überhaupt Fotos von ihren Kindern, wo tun sie das und warum tun sie das? Tun sie das öffentlich auf Facebook? In einem passwortgeschützten Blog? In einem kleinen Forum? Das variiert sehr stark. Ich möchte das Gefühl der Eltern für die unterschiedlichen Kanäle erheben und wissen, welche Stimmungen es gibt. Die Daten, die ich bisher sammeln konnte, zeigen, dass Eltern ganz unterschiedlich denken. Einige veröffentlichen sehr wohl Bilder, achten aber darauf, wo und wie. Andere sagen strikt, ihre Kinder sollen selbst mal entscheiden, wie ihre digitalen Fussabdrücke aussehen.

Sie haben auch anhand von fiktiven Beispielen abgefragt, wie Eltern veröffentlichte Kinderfotos bewerten.
Ich habe Szenarien beschrieben, von denen ich wissen will, wie sie wahrgenommen werden. Es gibt Bilder, die praktisch alle Befragten als hoch problematisch ansehen. Typischerweise sind das Fotos von nackten Kindern beim Baden, die für alle erkennbar öffentlich ins Netz gestellt werden. Aber es gibt andere Bilder, bei denen die Meinungen auseinander gehen, bei Fotos von weinenden Kindern zum Beispiel. Ich möchte herausfinden, worüber wir uns einig sind, worüber wir gar nicht diskutieren brauchen und worin wir uns nicht einig sind.

Erforschen Sie auch, weshalb Eltern überhaupt das Bedürfnis haben, im Internet Fotos ihrer Kinder zu zeigen?
Stolz ist der wichtigste Grund, der in meiner Umfrage genannt wurde. Ein anderer Aspekt ist, dass viele Eltern über soziale Medien in Kontakt mit Familienmitgliedern oder Freunden sind. Fotos werden gepostet, um die anderen am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Ein weiterer Grund ist der Austausch mit anderen Eltern in verschiedenen Gruppen. Man will einfach mal zeigen, was das eigene Kind gerade macht, wie die Familie aussieht.

Gibt es auch Menschen, die aus Egoismus Kinderfotos posten, weil die niedlichen Bilder viele Likes generieren?
Ich habe gefragt, ob es eine Rolle spielt, Anerkennung zu bekommen. Das geht in Richtung der Likes. Dem wird nicht so stark zugestimmt. Aber es ist natürlich auch so eine Sache, zuzugeben, dass man Anerkennung erzielen will. Da ist das Stichwort «sozial erwünschte Antworten» ein Thema. Dennoch: Es ist nicht der primäre Antrieb. Sich in seiner Rolle als Eltern darzustellen, ist aber auf jeden Fall ein Thema. Manche Eltern möchten zeigen, was sie als Vater oder Mutter im Alltag leisten, denn das ist auch ein Ausdruck ihrer Identität. Es ist ein schwieriges Feld. Einerseits haben Eltern das Recht, sich selbst im Internet darzustellen, wozu auch das Kind gehört. Demgegenüber steht aber der Schutz der Privatsphäre des Kindes.

Die Eltern stehen vor schwierigen Entscheidungen und haben keine Vorbilder, weil sie heute als erste Elterngeneration mit den neuen Medien konfrontiert sind, nicht wahr?
Ein Grund, aus dem ich mir das Thema herausgegriffen habe, ist die hoch spannende Zeit, in der wir leben. Die erste Generation der Digital Natives, die im Kindes­ und Jugendalter schon in Kontakt mit dem Internet gekommen ist und für die das Internet heute ein selbstverständlicher und zentraler Bestandteil des Lebens ist, rückt immer stärker in die Rolle der Eltern. Deshalb ist diese Generation ausgesprochen interessant zu beobachten.

Untersuchen Sie auch die Meinungen von Kindern zu dem Thema?
Momentan konzentriere ich mich auf die Befragung der Eltern. Aber mit der Sicht der Kinder werden wir uns auch noch beschäftigen.

Es gibt ja schon lange Kinder, die prominent in der Öffentlichkeit auftreten: in Fernsehserien und Werbung vor allem. Wie unterscheidet sich das Posten von Kinderfotos im Internet von dieser anderen Praxis?
Klar gab es das schon immer, aber die Dimension der Darstellung des alltäglichen Lebens des Kindes ist doch eine andere als die Werbeaufnahme mit einem Baby.Vielleicht gefällt es dem Kind 15 Jahre später auch nicht so sehr, wenn Freunde es mit der Werbeaufnahme aufziehen. Aber die Vielfalt der Darstellungsmöglichkeiten ist natürlich eine ganz andere im Internet.

Im Deutschen ist Sharenting noch kein bekannter Begriff. Ist die Debatte besonders im englischsprachigen Raum ein Thema?
Der Begriff ist bei uns noch nicht sehr stark angekommen, das stimmt. Ich weiss auch nicht, ob er sich durchsetzen wird. Diese Wortkombination aus «Sharing», also dem Teilen, und «Parenting», also dem Erziehen, beschreibt aber auf sehr kompakte Weise diese auch bei uns so allgegenwärtige Praxis. Das Thema wird natürlich auch hier immer wieder aufgegriffen, wenn auch unter der deutlich sperrigeren Umschreibung «Teilen von Kinderfotos». Von den Medien wird es oftmals in erster Linie mit einem erhobenen Zeigefinger aufgegriffen.Die Frage, ob die Lösung sein soll, dass wir gar keine Kinder mehr im Internet sehen,wird eher ausgeblendet.

Haben Sie Tipps, an welche Regeln sich Eltern beim Sharenting halten sollten?
Keine Nacktbilder bitte, wegen möglicher pädophiler Nutzung. Und immer überlegen, wer die Postings sehen kann. Es muss ja nicht unbedingt etwas Schlimmes mit den Bildern passieren, aber sollen wirklich alle meine Arbeitskollegen oder fernen Bekannten das neueste Bild von mir und meinem Kind sehen? Möchte ich das überhaupt? Und Eltern sollten sich immer bewusst sein: Das Internet vergisst nie. Ein Foto zu löschen heisst nicht, dass es wirklich weg ist. Vorsicht ist ausserdem geboten, wenn auf dem Foto neben dem eigenen Kind auch noch andere Kinder zu sehen sind. Auch deren Recht auf Privatsphäre muss man bei der Entscheidung, ein Foto zu veröffentlichen, beachten.

Ab welchem Alter kann man auch Kinder in die Entscheidung einbeziehen, ob oder welche Bilder ins Internet kommen?
Kinder haben schon früh ein Gefühl dafür, ob sie gezeigt werden wollen oder nicht und ob ihnen ein Foto gefällt. Eltern sollten ihren Kindern eine Stimme geben und auf sie hören.