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Auch die Kirche muss Macht reflektieren

Mit der Frage, ob ich Scham empfinde angesichts der Vorwürfe an den ehemaligen Präsidenten der Evangelischen Kirche Schweiz EKS¹, traf eine Bekannte einen unangenehmen, wunden Punkt meiner reformierten Identität. 

Ein Mann in einer Machtposition nutzt diese aus, um sich Menschen gefügig zu machen, sich Frauen ungebührlich zu nähern: Die Geschichte ist wohl so alt wie die Menschheit. Und doch haben Reformierte (zu) lange geglaubt, es gebe sie so bei uns nicht, sie sei so nur anzutreffen bei den anderen, z. B. in der katholischen Kirche. 

Die Krise der EKS zeigt auf, dass solche Geschehnisse, ob strafrechtlich relevant oder nicht, nicht von Konfession oder Religion abhängig sind. Sie können geschehen, wenn Macht konzentriert wird und Strukturen, welche die Macht kontrollieren sollten, geschwächt werden. Zur Aufarbeitung und Klärung braucht es Transparenz, Mut und den Willen zu Veränderung. Die Ereignisse sind ein Weckruf an alle, welche eine Bindung, eine Beziehung haben zur reformierten Kirche. Sie fordern uns auf, hinzuschauen und kritisch zu hinterfragen, mit welchen Strukturen wir in diesen herausfordernden Umbruchszeiten Kirche sein wollen. 

Die Krise zeigt auch auf, wie dringend notwendig es ist, offen über sexuellen Machtmissbrauch zu sprechen, in Kirche und Gesellschaft. Zu sehr sind wir noch gefangen in Bildern und Stereotypen, aus welchen auszubrechen wir gefordert sind. Der Appell für ein zeit­genössisches Sexualstrafrecht, welcher auch von den Evangelischen Frauen Schweiz unterstützt wird, fordert dazu auf, die Zustimmung ins Zentrum der Rechtsprechung zu stellen. Eine wichtige Änderung, welche uns auf einer neuen Grundlage sprechen lässt über Begehren, das Wahren eigener Grenzen und den Umgang der Gesellschaft mit jenen, deren Grenzen verletzt werden, und jenen, die Grenzen übertreten. 

Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen: Meiner Bekannten habe ich geantwortet, dass da durchaus das Gefühl der Scham vorhanden ist. Aber dass ich neben Scham auch Hoffnung spüre, dass diese EKS sich nun transparent, mutig und bewusst neu gestalten und positionieren kann und so einlöst, was viele Menschen sich von ihr wünschen.  

Kirchgemeinden und Kantonalkirchen haben in diesen letzten ausserordentlichen Monaten gezeigt, wie kreativ und agil sie mit Herausforderungen umgehen können. Sie waren den Menschen nahe, sie fragten nach ihren Bedürfnissen und versuchten, in neuen Formaten die alte Botschaft von Liebe und Gerechtigkeit zu leben. Das hat mir imponiert. 

Ich wünsche mir diesen Schwung für die EKS, den Bund der Kantonalkirchen. Ich wünsche mir, dass sie es schafft, beweglich und schöpferisch zu sein, auf die Bedürfnisse der Zeit zu reagieren und Strukturen zu schaffen, welche sich von unten nach oben orientieren. Dass sie Macht reflektiert und Verantwortung neu verteilt. Auf Menschen mit ganz verschiedenen Berufs- und Interessenshintergründen, auf Frauen und Männer. 

¹ Es gilt die Unschuldsvermutung.

Gabriela Allemann ist Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz EFS.

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