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Anny und die Kunst des Backens

Nach der Geburtstagsfeier im Spätsommer ging es bergab mit meiner Mutter. Bis sie 90 war, hatte sie mit stets erstaunlicher Sturheit darauf beharrt, selbstständig zu leben. Ihr unbeugsamer Wille zur Autonomie hat gesiegt, obwohl sie ganz am Ende nicht mehr alleine wohnen konnte und für genau fünf Tage ins Pflegeheim ging. Ich weiss nicht, ob man Anny achtsam nennen kann, aber eigensinnig, das war sie ganz bestimmt. Sie hatte einen ganz eigenen, lebenspraktischen Sinn für das, was nottat, und packte es mit Verve und Sinnenfreude an. Das war die Wurzel ihrer Freiheitsliebe, denn sie war nur sie selbst, wenn sie schalten und walten konnte.

Anny kochte und backte fürs Leben gern. Sie war eine Meisterin in der Küche. Sie sammelte Menschen mit Appetit um sich und empfing sie jeden Sonntagmittag in ihrer guten Stube. Im Lauf der Jahre wuchs die Tischrunde auf rund zehn Menschen an. Eine kleine Gemeinschaft, offen für Gäste und neue Mitglieder, nicht nur, wenn einer ins Altersheim umzog oder eine starb. Anny hiess auch Eigenbrötler willkommen. Wie eine Sozialdetektivin spürte Anny Alleinstehende auf, von denen sie vermutete, dass sie nichts Rechtes mehr essen würden. Sie gab leidenschaftlich gerne, viel und so oft wie möglich – und wehe, wenn einer nicht essen wollte. Im Essen lag Heil und Heilung.

Eine meiner Lieblingserinnerungen ist, wie Annys Arme, noch stark genug, den Hefeteig für den Sonntagszopf kneteten, ihn in die Luftwarfen und wieder auf die Anrichte knallen liessen. Sie war überzeugt, dass das die Hefe zum Auftreiben bewegt und den Zopf luftiger macht. Anny hatte eine besondere Vorliebe für alles, was den Keim der Grösse in sich trug. Das ist das Stichwort für einen frühen Meister unter den Urchristen. Er dachte «Teig», wenn er «Menschheit» dachte. Er verwendete die Teig-Metapher, um an die soziale Natur der Menschen zu appellieren. Ob auch er an Hefeteig dachte? Sinngemäss sagte er: «Es gibt eine gemeinschaftsbildende Kraft in dir, eine Art Einheitsnatur, die dich mit allen Menschen verbindet. Denn wir sind alle aus demselben Teig.»

Anny kannte die Analogie vom göttlichen Teig aus der Praxis. Sie betrieb mit ihren eigenen Mitteln Gemeinschaftsbildung in der Ostschweizer Stadt, in der vor wenigen Tagen eine Bewohnerin zur neuen Bundesrätin gewählt wurde. Intuitiv stemmte sich Anny gegen den Wind, der die Menschen aus der körperlich-sinnlichen Wirklichkeit entwurzelt, der sie immer stärker vom Hier und Jetzt entfremdet, in dem sie sich gerade aufhalten. Dieser Wind weht auch durch die Schweiz. Unser Alltag wird immer digitaler, Pendler werden zu Plug-ins auf zwei Beinen und der direkte Kontakt zwischen Menschen ist so selten geworden wie ein Tier auf der Roten Liste. Wie aber können Bindung und Verbundenheit aufgebaut werden, wenn nicht Auge in Auge? Und wie kann die Binde- und Bundeskultur der helvetischen Hefe, diese besondere Kraft des Auftreibens in einer ungemein vielschichtigen direkten Demokratie erlebt und vertieft werden, wenn nicht von Ohr zu Ohr? Wir sind das Brot, wir sind die Bäcker.

Hildegard Elisabeth Keller, Literaturkritikerin, Professorin und Kulturunternehmerin.