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Alles Quatsch oder wirkt Homöopathie doch? Die Ärztin Natalie Grams war einst leidenschaftliche Nachfolgerin von Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie, und ist heute eine prominente Kritikerin seiner Behandlungsmethode. Hier erklärt sie ihre Abkehr von der Homöopathie–und würdigt Samuel Hahnemann anlässlich seines 175. Todesjahrs dennoch.

von Natalie Grams

Als ich das erste Mal den folgenden Satz von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, hörte, war ich eine junge Medizinstudentin–und total ergriffen: «Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachteiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.» Wow!

Das war genau das, was ich als angehende Ärztin gerne erreichen wollte: verstehen, wirklich verstehen, was meinen Patienten krank machte und wie ich ihm auf die sanfteste und doch bestmögliche Weise helfen konnte, wieder gesund zu werden. Kurz: Ich fand dieses Ideal grossartig. Ich suchte mir also kurzerhand an meiner Universität Gleichgesinnte und lernte die Homöopathie in Kursen und Wochenendseminaren.

«Ich schwor auf Hahnemann»

Ich las die Texte von Hahnemann, insbesondere seine Grundlagenwerke «Das Organon der Heilkunst» und «Die chronischen Krankheiten», und hatte wirklich das Gefühl, damit eine besondere heilsame Form der Medizin gefunden zu haben. Später eröffnete ich eine Privatpraxis für Homöopathie, behandelte meine eigene Familie und meine Patienten vorwiegend homöopathisch und freute mich über die Erfolge. Zwar hörte ich hier und da von der Kritik an der Homöopathie, aber ich tat sie–ohne mich näher damit zu befassen – als unbegründet ab und schwor auf Hahnemann. Seine Idee, dass Krankheit nur entstehe, weil die immaterielle Lebenskraft im Menschen gestört sei und diese wiederum nur durch ebenfalls immaterielle Medikamente in einen gleichmässigen Fluss gebracht werden könne, faszinierte mich. Die Erfolge, die ich zudem in der Praxis und in meinem Bekanntenkreis sah, überzeugten mich davon, dass an diesem Konzept etwas dran sein musste. Ich hätte mir vorstellen können, diese Arbeit und Medizin bis an mein Lebensende weiter hochzuhalten. Hahnemann erschien mir als ein Genie, als ein grosser Denker und Vorreiter seiner Zeit. Doch dann kam alles anders.

Für ein kritisches Buch über Homöopathie wurde ich von einer Journalistin interviewt. Überzeugt gab ich mein Verständnis der Homöopathie nach Hahnemann zum Besten, sprach von besonderen Informationen und Energien in den homöopathischen Globuli und von wahrer Heilung. Als das Buch veröffentlicht wurde, wollte ich wissen, ob ich darin erwähnt wurde – und las es deshalb. Es bestürzte und erzürnte mich zutiefst! Mit welcher Bösartigkeit und Ignoranz die Autoren gegen meine geliebte Homöopathie vorgingen, erschien mir nicht einsichtig und machte mich wütend.

Erste Zweifel kamen auf

So beschloss ich, eine Erwiderung zu schreiben, ein eigenes Buch, das die Homöopathie gegen den Vorwurf, sie sei nichtwirksam, verteidigen sollte. Erneut las ich Hahnemann–doch etwas war neu. Ich versuchte erstmals zu verstehen, zu welcher Zeit er gelebt hatte und wie er zu seinen Ideen und der Entwicklung seiner eigenen Medizin gekommen war. Ich verstand zunehmend, dass dies alles fast 200 Jahre her war und Medizin und Wissenschaft sich gerade in jener Zeit enorm weiterentwickelt hatten.

Hahnemann hatte noch keine Vorstellung von Bakterien, von Infektionswegen, dem Immunsystem in all seiner Komplexität und unseren Einflussmöglichkeiten darauf. Erste Zweifel schlichen sich ein. Hatten seine Ideen vor dem Hintergrund des heutigen Wissens überhaupt noch Bestand? War er vielleicht von Anfang an einem Denkfehler erlegen? Der bekannte Chinar in den Selbstversuch, mit dem er das Ähnlichkeitsprinzip der Homöopathie gefunden zu haben glaubte, hatte sich schliesslich nie wiederholen lassen. Sollte er vielleicht von Anfang an einer Täuschung erlegen sein?

Ich recherchierte zunehmend verzweifelt, las Quellen und viele Studien zur Wirksamkeit der Homöopathie, sprach mit Wissenschaftlern aus vielen Fachbereichen. Mein Weltbild begann zu schwanken, zerbröselte auf der Suche nach Fakten und Belegen, die über das «Aber ich sehe doch, dass es wirkt», also die reine persönliche Erfahrung, hinausgingen. Schliesslich veröffentlichte ich tatsächlich mein eigenes Buch: «Homöopathie neu gedacht». Hahnemann halte ich darin immer noch in Ehren und zitiere ihn an vielen Stellen. Aber längst war mir klar geworden: Als Alternative zur damaligen Medizin mag die Homöopathie ein Segen gewesen sein, heute ist sie dies nicht mehr – weder Alternative noch Segen.

Der Placebo-Effekt

Durch die Abwendung von den damals üblichen brachialen Methoden wie Aderlässen oder Brechkuren hat Hahnemann sicherlich zu einer besseren Medizin beigetragen. Dies ist immer noch sein Verdienst und sein Vermächtnis. Das Wissen in der Physik und der Chemie reichen heute aber völlig aus, um sagen zu können, dass bei der Herstellung der Homöopathika nichts anderes passiert, als eine sehr, sehr starke Verdünnung, die dazu führt, dass meist überhaupt kein Wirkstoff mehr vorhanden ist und auch keine Energie entsteht. Immerhin können die Globuli nicht direkt schaden, sie wirken aber eben auch nicht wirklich. Das macht die Homöopathie nicht völlig unwirksam, und so erklären sich auch die Erfolge, die ich wahrgenommen habe: Eine sogenannte «Scheintherapie» bedeutet nicht, dass nichts passiert. Allein der Gedanke und die Hoffnung, dass jemand uns gut behandelt, kann bei uns Menschen dazu führen, dass tatsächlich körperliche Verbesserungen folgen. Man nennt das den Placebo-Effekt .Das ist nicht nichts, es ist aber eben auch ganz sicher keine Arzneitherapie – und ersetzt auch keine solche, wenn man wirklich krank ist. Hahnemann selbst konnte das nicht wissen, denn er hatte weder das Wissen der Naturwissenschaften von heute noch die statistischen Möglichkeiten, die Wissenschaftstheorie und unsere heutigen komplexen Methoden («klinische Studien»), um die Wirksamkeit von Medikamenten und Methoden in der Medizin zu überprüfen. Ihm können wir also keinen Vorwurf machen! Wer heute jedoch immer noch eins zu eins an die Aussagen des vor 175 Jahren verstorbenen Hahnemann glaubt, der täuscht sich. Wo nichts ist, kann nichts wirken – ausser der gute Glaube und die verständliche Hoffnung.

Der sanfteste Weg zur Heilung

Auch heute, wo ich mich weit von der Homöopathie entfernt habe und sie an vielen Stellen kritisiere, glaube ich, dass Hahnemann ein Vordenker seiner Zeit war. Allerdings einer, der im Laufe der Zeit in vielen seiner Gedanken widerlegt wurde. Danken wir ihm für das, was er zu seiner Zeit Gutes getan hat, und bleiben wir realistisch: Auch 175 Jahre nach Hahnemanns Tod kommt Heilung nicht von nichts. Und so schön der Satz der sanften, umfassenden und dauerhaften Heilung von innen heraus klingt, so wenig konnte in 175 Jahren Forschung belegt werden, dass es richtig ist, die Homöopathie als Arzneitherapie anzuwenden. Und forderte Hahnemann nicht selbst «deutlich einzusehende Gründe»? Heute finde ich es wichtig, Patienten ehrlich gegenüberzutreten und sie nicht mit trügerischen Heilsversprechen von einer wirklich wirksamen Therapie abzuhalten – auch wenn diese vielleicht öfter als erwartet in geduldigem Zuwarten besteht. Wenn ich eins aus meiner Zeit in der Homöopathie mitgenommen habe, dann das, dass unser Körper erstaunlich oft ganz von alleine und mithilfe der ihm innewohnenden Selbstheilungsfähigkeit Unwohlsein und auch einige Krankheiten überwindet. Und das ist doch wirklich der allersanfteste und auch natürlichste Weg der Heilung.