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Er ist – je nach Sichtweise – der stärkste Urner oder der älteste Glarner; ein warmer Fallwind, der tief eingeschnittene Alpentäler gehörig durcheinanderwirbelt. Eine spezielle lokale Variante – der Guggiföhn – hielt vergangene Woche die ganze Schweiz schon vor dem Lauberhorn-Skirennen in Atem. Seine Wucht wird immer unberechenbarer.

von John Micelli

Die Ursache war wohl Unachtsamkeit oder – neueren Erkenntnissen zufolge – Brandstiftung. Der Föhn aber machte aus dem Brand einer Scheune ein Feuerinferno, dem zwei Drittel des Kantonshauptortes zum Opfer fielen. Die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner wurde über Nacht obdachlos. «Auf dem ganzen Gebiet des Schrecknisses ruht eine leuchtende Wolke mit hundert kleinen Purpurflammen, die im Winde hell aufzischen», berichtete der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung am nächsten Morgen, es war der 11. Mai 1861, über die Brandkatastrophe von Glarus. Der Sachschaden betrug zehn Millionen Franken, ein für die damalige Zeit ungeheuerlicher Betrag. Die meisten Hausbesitzer waren nicht versichert – aber selbst für die wenigen Versicherten reichte das Vermögen der Gebäudeversicherungen nicht zur Deckung aller Kosten. Der Wiederaufbau, der dem Ort sein heutiges Gesicht gab, war nur möglich dank einer im jungen Bundesstaat beispiellosen Solidaritätswelle von Privaten, Vereinen, Gemeinden und Kantonen, die dem Kanton Glarus mit Geld und Sachspenden zu Hilfe eilten. Glarus zog die Lehren aus der Katastrophe: Holzbauten wurden im Ortskern verboten, ebenso der Beschlag der Fassaden mit Holzschindeln, die der Feuersbrunst Nahrung gegeben hatten. Aber auch heute noch sorgen Orkanböen – 192 Kilometer pro Stunde wurden im vergangenen Dezember oberhalb von Andermatt gemessen – für Schäden an Gebäuden, führen zu Unfällen und verursachen Kosten: Besonders exponiert sind Infrastruktur- (beispielsweise der Energiewirtschaft) und Bahnanlagen im Hochgebirge. Die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE) – wo im Haslital im vergangenen Oktober mit sommerlichen 25.5 Grad ein neuer Temperaturrekord erreicht wurde – warnte bereits 2006 vor einer Zunahme extremer Wetterereignisse durch den Klimawandel. «Erwärmt sich die Atmosphäre, steigt ihr Energie- und Wassergehalt, was den natürlichen Wasserkreislauf intensiviert und die Windströmungen verstärkt. Klimafachleute rechnen deshalb in der Schweiz mit häufigeren und heftigeren Föhn- und Gewitterstürmen», erklärte die BVE in einer Broschüre und gab zu bedenken: «Bereits bei einer Zunahme der Sturmgeschwindigkeit um zehn Prozent ist mit einer Verdoppelung der wirtschaftlichen Schäden zu rechnen.» Ist es nun so weit? Vor Kurzem jedenfalls konstatierte SRF Meteo gegenüber der Nachrichtenagentur SDA eine ungewöhnliche Häufung von Föhnphasen im den letzten drei Monaten des Jahres 2019.

 

Wetterlaunen am Lauberhorn

Am Lauberhorn behielten sich nun die Veranstalter des traditionsreichen Weltcup-Rennens bis kurz vor dem Start Änderungen des Programms vor, denn dieses Jahr sei die Planung besonders schwierig: «Wir haben nicht einen Föhnsturm, sondern vier Föhnstürme in fünf Wochen», klagt OK-Präsident Urs Näpfli gegenüber dem Schweizer Fernsehen SRF. Aufgrund der andauernden hohen Temperaturen musste Schnee per Helikopter zur Piste geflogen werden – schlussendlich aber fand das Rennen auf verkürzter Strecke statt wegen unerwarteten Neuschnees in der Nacht vor dem ersten Renntag. Die Grundsatzdiskussion aber ist lanciert: «Wenn es wirklich dumm geht, kann man hier in zehn bis 15 Jahren nicht mehr Ski fahren», befürchtet der Wengener Gemeindepräsident Martin Stäger. Die Rennen grundsätzlich infrage stellen will Stäger nicht. Doch wegen des Tourismus und der Werbewirkung partout daran festzuhalten sei angesichts der Entwicklung auch nicht unbedingt sinnvoll, meint der Gemeindepräsident: «Wenn man gar nicht mehr Ski fahren kann, muss man auch keine Reklame mehr machen.» Der Wengener Guggiföhn ist ein Spezialfall, der bei Südost- oder Ostwind auftritt. Die warmen und trockenen Luftmassen stürzen vom Jungfraujoch herunter, fegen in einem schmalen Kanal genau über das Gebiet des Lauberhorn hinweg und heben dann über das Lauterbrunnental ab. Treibt der Wind hingegen aus dem Norden oder Nordosten die Wolken ins Tal, wollen die Niederschläge nicht mehr enden. In Graubünden, dem St. Galler Rheintal, in den Kantonen Glarus und Uri sowie im Haslital hingegen sorgt Wind aus Südwest oder Süden für Stürme und hohe Temperaturen: Nähert sich aus Westen eine Kaltfront den Alpen, kann zur Kompensation dieses Kaltlufttroges eine Strömung entstehen, die relativ milde, aber auch recht feuchte Luft vom Mittelmeer an die Alpen führt. Auch Tiefdruckgebiete über dem Mittelmeer, die sich südlich der Alpen ostwärts bewegen und sich dabei im Alpenbogen verfangen, können die Ursache für Föhnlagen im Norden sein: Warme afrikanische Luftmassen nehmen über dem Meer Feuchtigkeit auf, was grosse Niederschlagsmengen an der Alpensüdseite zur Folge hat. Jenseits der Alpen dagegen führt die geringe Feuchtigkeit der Luft, nachdem sie sich ausgeregnet und die Berge überwunden hat, zur charakteristischen Fernsicht, die diesen Winter in weiten Teilen des Landes die Alpen klar und gestochen scharf ins Blickfeld rückte – vielleicht der einzige Vorteil der Zunahme dieses Wetterphänomens.