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Während 160 Jahren trugen Naturliebhaber ein umfangreiches Archiv des Lebens zusammen: Die entomologische Sammlung der ETH Zürich bewahrt heute zwei Millionen Schmetterlinge, Käfer und andere Insekten auf. Sie sind nicht nur schön oder kurios anzuschauen, sondern liefern wichtige Daten für die Umweltforschung.

von Christine Fehr

1858 erhielt das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich, noch nicht lange gegründet, eine bemerkenswerte Schenkung. Die Zürcher Unternehmerfamilie Escher vermachte der Hochschule 66 000 konservierte Exemplare von Käfern, Schmetterlingen und anderen Insekten aus aller Welt. Sie legte damit den Grundstein zur heutigen entomologischen Sammlung der ETH Zürich. Die Sammlung stammte von Heinrich Escher-Zollikofer, dem Vater von Alfred Escher. Er war durch Handel in Übersee früh reich geworden und hatte sich als Privatier 40 Jahre lang dem Sammeln von Insekten gewidmet.

Der Schweizer Bundesrat selbst beschloss die Annahme der Schenkung, deren Auflage darin bestand, die Präparate ordnungsgemäss unterzubringen und eine ständige Konservatorenstelle zu schaffen. So geschah es – und deshalb präsentieren sich die sauber genadelten Käfer und Falter in den Glaskästen heute noch in den schönsten Farben. «Die Objekte der Sammlung Escher sind gut erhalten, aber leider meist schlecht dokumentiert, was ihren wissenschaftlichen Wert vermindert», erklärt Michael Greeff, Biologe und heutiger Leiter der Sammlung. «Wir haben keine Funddaten, und der Ort auf dem Etikett ist meist der Kaufort und nicht der Fundort in der Natur.» So war Heinrich Escher vermutlich mehr auf Insektenbörsen als mit dem Fangnetz unterwegs – und interessierte sich mehr für die Formen- und Farbenpracht seiner Objekte und für ihren Sammlerwert als für eine systematische Abbildung der Artenvielfalt.

Schmetterling mit Keuschheitsgürtel
Heute umfasst die entomologische Sammlung rund zwei Millionen Exemplare, gehört zu den grössten der Schweiz und ist international bedeutend. Die Objekte sind in rund 6000 Glaskästen unter kontrollierten Bedingungen untergebracht. Wissenschaftlich besonders wertvoll sind die rund 5000 sogenannten Typenbelege. Das sind Individuen, anhand derer eine neue Art beschrieben wurde und die weltweit als Referenz für die Bestimmung dieser Art gelten. Daneben sind auch Schaukästen mit Kuriositäten zu bewundern, wie zum Beispiel Zwerge und Riesen unter Käfern, raffinierte Tarnungen von Insekten, etwa als Blatt oder als Vogelkot, oder Schmetterlingsweibchen, die von ihren Männchen einen Keuschheitsgürtel verpasst bekommen.

Die Sammlung konzentriert sich heute auf die tiergeografische Region der Alten Welt, also Europa, Asien und Nordafrika. Und sie repräsentiert die Schweizer Fauna der Schmetterlinge, Libellen, Wanzen, Bienen und Käfer recht vollständig.

Das Sammlungsziel hat sich gewandelt: Man strebt heute eine Art Archiv des Lebens an, das heisst, man sammelt von jeder Art eine Anzahl Individuen aus verschiedenen Orten und Epochen, um ihre Anwesenheit und Variabilität in Raum und Zeit zu dokumentieren. Die Sammlung wird damit zum Instrument der Umweltbeobachtung.

Diese moderne Ausrichtung ruft natürlich nach Digitalisierung. So werden derzeit laufend Belege fotografiert, Karteikarten gescannt, uralte Handschriften von Zivildienstleistenden entziffert, Artnamen, Fundorte und Funddaten in den Computer getippt. Dadurch wird die Sammlung für Forschung und Öffentlichkeit besser zugänglich. Es entstehen zum Beispiel Verbreitungskarten, die via Internet öffentlich abrufbar sind und für Naturschutzprojekte oder für die Roten Listen der gefährdeten Arten verwendet werden.

Ungerechtfertigtes Schattendasein
Gerade wegen der Gefährdung der Arten lehnen viele Naturinteressierte heute das Sammeln von Insekten ab. Sie gehen lieber mit dem Fotoapparat als mit dem Insektennetz auf die Pirsch. Feldforscher und -forscherinnen bestimmen Arten auf Sicht oder lassen gefangene Tiere nach der Artbestimmung wieder frei. In vielen Fällen, vor allem bei seltenen Arten, sei diese Haltung angebracht und nötig, meint Biologe Greeff. Meistens sei es aber heute nicht mehr das Sammeln, das die Arten unter Druck setze, sondern die Veränderung ihrer Lebensräume. Renommierte Naturschutzexperten fordern sogar, dass naturkundliche Sammlungen ausgebaut werden müssen, um die Kenntnisse über den Zustand unserer Natur zu verbessern.

Die entomologische Sammlung wächst zwar immer noch weiter, vor allem durch private Sammlungen, die ihr überlassen werden. Für eine gezieltere Sammelstrategie fehlen allerdings Ressourcen und Platz. Das geht auch anderen Institutionen so, denn die Forschungsgelder fliessen vermehrt in die Molekularbiologie. Die biologischen Sammlungen fristen derzeit an Hochschulen ein Schattendasein. «An der ETH sind wir noch vergleichsweise gut dotiert», sagt Sammlungsleiter Greeff. Die Sammlung ist klimatisch günstig untergebracht und wird für Forschung und Unterricht rege genutzt. Das ist längst nicht bei allen Sammlungen der Fall. «Wir motivieren die Studierenden auch, wieder Insekten zu sammeln, denn sonst hören die bis zu 200 Jahre alten Datenreihen plötzlich auf», so Greeff. Man könnte dann nicht mehr erforschen, wie sich die Arten im Laufe der Zeit verändern und wie dies mit den Veränderungen der Umwelt zusammenhängt.